Quereinstieg ist Schwereinstieg

Bonn.  Noch vor fünf Jahren hätte sich Sabine Kasper nicht vorstellen können, einmal vor einer Klasse pubertierender Jugendlicher zu stehen. „Ich hätte gesagt: Was für eine Schnapsidee“, sagt die 50-Jährige. Doch es kam anders.

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Noch vor fünf Jahren hätte sich Sabine Kasper nicht vorstellen können, einmal vor einer Klasse pubertierender Jugendlicher zu stehen. „Ich hätte gesagt: Was für eine Schnapsidee“, sagt die 50-Jährige. Doch es kam anders.

Als die Realschule in ihrem Wohnort in Ost-Westfalen händeringend nach einer Vertretungskraft für das Fach Musik suchte, wurde Sabine Kasper (Name geändert) angesprochen. Fünf Monate arbeitete sie als Aushilfslehrerin. „Da habe ich festgestellt, dass es mir richtig Spaß macht.“ Als die Stelle dann ausgeschrieben wurde, griff die gelernte Journalistin, die Anglistik und Musikwissenschaft studiert hat, zu. Nun absolviert sie neben ihrem Teilzeit-Job als Lehrerin noch eine pädagogische und didaktische Ausbildung.

Sabine Kasper ist mit ihrem Wechsel in die Lehrerlaufbahn keine Ausnahme. Seit Jahren steigt die Zahl der Seiteneinsteiger in Nordrhein-Westfalen kontinuierlich an. Angesichts von mehr als 2000 unbesetzten Stellen an Schulen zwischen Rhein und Weser wirbt das Schulministerium in Düsseldorf derzeit bei studierten Fachkräften für das Lehramt, vor allem für Mathematik und Naturwissenschaften. 789 Seiteneinsteiger wurden nach Angaben des Ministeriums im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen angeheuert. Das waren 10,8 Prozent aller neu eingestellten Lehrer. Grundsätzlich sei es zwar Ziel, freie Stellen mit regulär ausgebildeten Lehrern zu besetzen, sagt Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). „Aber besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen.“

Wolfgang Goebel-Hinzmann ist Seminarleiter in der schulpraktischen Lehrerausbildung in Aachen. Er beobachtet, dass manche Seiteneinsteiger sogar Gehaltsverluste in Kauf nehmen. Attraktiv ist der Lehrerberuf nach seiner Erfahrung unter anderem für Fachkräfte aus der freien Wirtschaft, die es leid seien, ständig unter Termindruck an wechselnden Orten zu arbeiten und rund um die Uhr erreichbar sein zu müssen. Andere seien vor ihrer Anstellung als Lehrer selbstständig gewesen. So war es auch bei Kasper, die als freie Journalistin arbeitete und mit der schlechten Bezahlung und der unsicheren Zukunft in ihrer Branche haderte. „Aus der Arbeitslosigkeit kommt aber fast keiner,“ sagt Goebel-Hinzmann. In der Regel seien die Lehramts-Interessenten gut qualifiziert.

Das sei nicht verwunderlich, denn die Voraussetzungen für einen Einstieg in den Schuldienst seien hoch, sagt Michael Stein, Leiter des Seminars für Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Bonn. „Derzeit wird ja der Eindruck erweckt, jeder kann unterrichten.“ Aber das sei falsch. Wer den Seiteneinstieg schaffen wolle, müsse sich darüber im Klaren sein, dass er einen qualifizierten Universitätsabschluss braucht. Zudem erfordere der Weg ins Lehramt Fleiß und Ausdauer.

Das stellte auch Kasper fest. „Ich wusste zwar, dass das stressig wird, aber es ist doch härter, als ich dachte.“ Seiteneinsteiger durchlaufen eine zweijährige Schulung, die identisch mit der Ausbildung der regulären Referendare ist. Acht Stunden pro Woche drücken die spätberufenen Lehrer selber die Schulbank oder werden von den Ausbildern an ihrer Schule gecoacht.

Daneben unterrichten sie aber bereits 17,5 Stunden pro Woche eigenständig. Zum Vergleich: Die regulären Referendare stehen nur neun Stunden pro Woche alleine vor einer Klasse. „Das ist schon ein Riesenunterschied“, stellt Goebel-Hinzmann fest. Die Belastung für die Seiteneinsteiger sei vor allem am Anfang extrem hoch, vor allem was das Bestehen als Lehrer vor der Klasse angehe. „Die sind zunächst zu zwei Dritteln damit beschäftigt, zu überleben“, weiß der Seminarleiter. Das bestätigt auch Kasper, die von heute auf morgen Musik- und Englisch-Lehrerin wurde. Die Vorbereitung auf die Unterrichtsstunden sei für sie noch extrem zeitaufwendig. Hinzu kommt die pädagogische Ausbildung. Auch die Schulferien verbringe sie zum Großteil am Schreibtisch, um die Arbeit und das Lernpensum zu bewältigen, sagt Kasper. „Das geht an die Substanz.“ Die zweifache Mutter wünscht sich weniger Unterrichtsverpflichtung. „Ich finde, es müsste bessere Teilzeit-Regelungen für Seiteneinsteiger mit Familie geben.“

Noch höher ist der Aufwand für Seiteneinsteiger, die keinen Universitäts-, sondern einen Fachhochschul-Abschluss haben. Sie müssen vor dem Referendardienst noch einmal vier Semester an die Uni, um einen Master of Education zu machen. Vor allem für jene, die schon eine Familie haben, sei das oft indiskutabel, sagt Goebel-Hinzmann. So entgehen vor allem den Berufsschulen begehrte Seiteneinsteiger, die Fachhochschulabschlüsse in Mangelfächern wie Maschinenbau oder Elektrotechnik haben.

Die Politik müsse sich überlegen, wie mehr Ressourcen für eine qualifizierte Ausbildung von Seiteneinsteigern geschaffen werden könnten, fordert Berthold Paschert von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW. „Denn wir stehen erst am Anfang eines verschärften Lehrermangels und werden auf absehbare Zeit nicht auf Seiteneinsteiger verzichten können.“

In der Regel hochmotiviert

Seiteneinsteiger könnten nach Meinung der Experten helfen, den Lehrermangel zu lindern. Fachkräfte, die sich für den Seiteneinstieg entschieden, seien in der Regel hochmotiviert und am Ende ihrer Ausbildung gut qualifiziert, sagen die Lehrer-Ausbilder Goebel-Hinzmann und Stein. Die Erfolgsquote sei sehr hoch. Auch Kasper will trotz hoher Belastung durchhalten. „Denn die Arbeit mit den Schülern macht mir nach wie vor Spaß.“

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