Polizeiskandal

Profi: Da hat sich was aufgestaut bei den Polizisten

Die Polizei  im Einsatz – hinter der Tür kann es gefährlich werden.

Die Polizei im Einsatz – hinter der Tür kann es gefährlich werden.

Foto: Fabian Strauch / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Ein pensionierter Kriminalhauptkommissar aus Mülheim weiß, welche Fehler zu einem Polizeiskandal wie dem aktuellen führen. Er spricht Klartext

Walter Szwedziak kennt das Innenleben bei der Polizei, er kennt die Straße. Kriminalhauptkommissar,15 Jahre Einsatzleiter in Mülheim, pensioniert und seit Jahren an der Hochschule

für Polizei und öffentliche Verwaltung in Köln im Einsatz. „Ich verurteile das, was in Mülheim geschehen ist“, sagt der 72-Jährige mit Blick auf die rechtsextremen Chatgruppen. „Aber das kann passieren, wenn Dinge sich aufstauen und keine psychologische Betreuung da ist.“ Es sei ein hilfloser Versuch, mit Problemen fertig zu werden, glaubt er. „Und wenn ein Problem nicht gelöst wird, sucht es sich selbst eine Lösung.“

„Da passiert was mit den jungen Menschen, wenn ihnen keiner hilft“

Szwedziak zitiert eine Hamburger Studie: „Die Menschen, die zu uns kommen, werden durch das Erlebte sozialisiert.“ Polizisten würden beschimpft, beleidigt, bespuckt, sagt er und fügt hinzu: „Da staut sich was auf, zumal sie ja wissen, dass sie in ihrer Reaktion immer rechtsstaatlich handeln müssen.“

Wenn man jahrelang Einsätze in problematischen Stadtteilen habe, „da passiert doch was mit den jungen Menschen, vor allem wenn sie spüren, dass ihnen niemand hilft. Und wenn Sie nach der Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens rausfahren und das Leid der Familie erleben, da bleibt doch was zurück.“

Ein Lösungsvorschlag: „In jeder Polizeibehörde muss ein Psychologe bereit stehen, damit Hilfe für die jungen Menschen da ist. Da ist niemand“, kritisiert Szwedziak. Im Studium an der Hochschule gebe es immer Ansprechpartner, dabei sei der Stress in der Praxis viel größer, „wenn man allein auf das Gewaltpotenzial blickt.“ Auf Polizisten prassele viel ein, auf das sie nicht vorbereitet seien. Szwedziak: „Man kann nicht alles üben.“

Studenten sollten nach der Theorie behutsam an die Praxis herangeführt werden. „Aber bei der Menge an Arbeit funktioniert das doch nicht“, weiß der Profi. „Man müsste die Ausbildung für den praktischen Teil eher um ein Jahr verlängern.“

Dem Gesetzgeber rät er zu härteren Strafen: „Für Leute, die Polizisten, Feuerwehrleute oder Notärzte angreifen, brauchen wir eine Mindeststrafe von sechs Monaten.“ Das habe auch Signalwirkung auf die Polizisten, die sich nicht ausreichend geschützt sähen durch den Staat.

Grenzüberschreitung auf der Wache – so schnell kann es gehen

Wie nah man an die Grenzüberschreitung kommt, hat Szwedziak selbst erlebt. „Wir hatten den Fall eines Mannes, der seine Enkelin vergewaltigt hatte. Auf der Wache waren viele Familienväter, die haben gekocht vor Wut da und mich gefragt, ob ich nicht auf Streife gehen will. Ich hab gesagt, ich verstehe euren Stress. Wir dürfen den nicht anpacken, sonst verlieren wir unseren Beruf. Eventuell wäre da eine Grenzüberschreitung passiert. So wie jetzt bei den Polizisten, und die werden ihren Beruf verlieren.“

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