Karneval

Das geht - gut! Hattingen feiert Prinzenpaar mit Behinderung

Ein Dreifach „Holti Holau“

Ein Dreifach „Holti Holau“

Foto: Ralf Rottmann

Hattingen.   Er hat das Down-Syndrom, sie eine geistige Behinderung. Aber das hat Sebastian und Sinah nicht gehindert, Prinzenpaar von Hattingen zu werden

Die Sonne versinkt über dem Revier. Der Tag war schon lang aber der Prinz ist noch längst nicht müde „Viel zu ruhig“, findet es Sebastian I. in dem Kleinbus, der ihn und sein Lieblichkeit Sinah I. gerade über die A40 nach Oberhausen kutschiert. „Mach mal Musik“, fordert er lautstark von der Mittelbank und verleiht seinem Wunsch Nachdruck mit einem dreifachen „Holti Holau“.

Und schon klingt sie wieder aus den Boxen, die „Superjeile Zick“. Die Hände gehen zum Himmel weil alles „Wahnsinn“ ist und seine Hoheit singt in vollem Ornat lautstark mit. „Hölle, Hölle Hölle“. „Der Basti“, sagt sein Adjutant Tobi, „ist immer gut drauf.“

Das wussten sie beim „Aktivenkreis Holthauser Rosenmontagszug“ in Hattingen. Weil sie Basti kannten. Was sie nicht wussten war, ob sie ihn und Sinah zum Stadtprinzenpaar machen sollten. Denn die beiden sind gehandicapt. Er ein junger Mann mit Downsyndrom, sie mit einer geistigen Behinderung.

Kann man das machen? Soll man das machen? Reden die Leute? „Klar, haben wir überlegt“, gibt Thomas Kohl, Geschäftsführer des Vereins zu. „Aber nur kurz.“ Dann haben sie erst die Eltern der beiden gefragt, anschließend Basti und Sinah selbst. Ja und dann hatte die Stadt ein neues Prinzenpaar.

Das steht an diesem Nachmittag vor dem AWO Seniorenzentrum Emmy Kruppke. Der 25-Jährige in seinem blau-weißen Ornat, groß und breit und ebenso laut wie liebenswert. Seine 21-jährige Prinzessin im dazu passenden Kleid. Klein und zierlich, leise aber nicht weniger liebenswert. „Und wunderschön“, ruft Sebastian. Worauf Sinah lächelt. „Alles gut“, sagt sie und spricht davon, dass sie „richtig Spaß“ haben in der Session.

Sie kennen sich schon lange, sind befreundet, waren nie ein Paar, doch zuvor schon mal Prinzenpaar. Bei der Lebenshilfe Hattingen, wo sie sich vor Jahren kennen gelernt haben. „Aber Prinzenpaar bei der Lebenshilfe“, sagt Kohl, „ist was anderes als bei uns im Verein.“

Vielleicht ein Dutzend Auftritte in der fünften Jahreszeit, die meisten in Hattingen, hatten sie als Lebenshilfe-Majestäten. Jetzt sind sie in den letzten Wochen fast 70 mal im Einsatz gewesen – kreuz und quer durchs Ruhrgebiet. „Unser Verein hat weitaus mehr Einladungen bekommen, als in den Jahren zuvor“, erzählt Sinahs Adjutantin Steffi.

„Normal kann jeder“ ist die Hymne des Prinzenpaares

Im Foyer machen sich die Mädchen der Tanzgarden warm, Lenny I. und Nele I., das Kinderprinzenpaar des Vereins sind ebenfalls gekommen und natürlich ist auch Maskottchen „Holti“ mit dabei, das eigentlich Anja heißt und heute rote Nase zu blau-weißer Uniform trägt. Drinnen im Saal haben sie Girlanden und Luftschlangen aufgehängt und zur Kaffee- und Kuchenzeit sitzen viele alte Damen und wenige alten Herren mit lustigen Hüten auf dem Kopf in der Cafeteria.

„Aufstellung“, ruft Kohl, dann „Einmarsch“. Tobi schaltet die transportable Soundanlage ein und schon tönt ein offenbar auf Karnevalsmusik spezialisiertes Trio namens „Zipfelbuben“ aus dem Lautsprecher und singt „Normal kann jeder“. Ihr Lied, ihre Hymne. „Haben wir uns ausgesucht“, wird Sinah später erzählen, wird wieder verschmitzt lächeln und ergänzen. „Weil es so gut zu uns passt.“

„Wir haben soviel Spaß wie noch nie“

Drinnen im Saal begrüßt das Prinzenpaar die „lieben Narren und Narrhalesennnen“, dann tanzen die Garden und Solomariechen, und Basti und Sina machen, was alle Prinzenpaare machen: sie klatschen mit. „Wunderbare Menschen“, sagt Nadine Metz, Jugendwartin des Vereins und Yvonne Laux, Mutter eine Gardemädchens, erinnert sich: „Ich habe geweint, als ich hörte, wer das neue Prinzenpaar wird.“

Ansonsten wird natürlich häufig gelacht im Verein. Nie über Sebastian und Sinah sondern stets mit ihnen. „Wir haben so viel Spaß wie noch nie“, sagt Adjutantin Steffi. Auch weil der Prinz sein Herz auf der Zunge trägt, immer sagt, was er denkt. „Du kannst mit schlechter Laune ankommen“, hat Adjutant Tobi festgestellt, „spätestens nach zehn Minuten hat Basti dir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.“

Denn seine Begeisterung für den Karneval im speziellen und das Leben an sich steckt an. Und wenn gar nichts mehr hilft, „kann ich auch Witze erzählen“, warnt er auf der Fahrt zum nächsten Termin. „Bloß nicht“, schreien die anderen Insassen und Maskottchen Holti alias Anja, jetzt als Fahrerin im Dienst, dreht die Musik lauter.

Er finde, sagt Sebastian in einer der wenigen ruhigen Minuten des Nachmittags, „einfach die ganze Stimmung beim Karneval toll“. „Die Orden, die Bützchen.“ Kurze Pause. „Besonders die Bützchen.“ Und dass er so viele Leute kennen lerne in diesen Wochen. Das liegt aber vor allem an ihm selber „Der Basti geht auf jeden zu“, erzählt sein Adjutant. „Kaum drehst du sich um, schwupps ist er weg.“ Und manchmal muss sich Tobi nicht mal umdrehen, und Basti ist trotzdem weg.

„Wir reden nicht über Inklusion, wir leben sie“

Wie auf der Bühne der Luise-Albertz-Halle, wo die Lebenshilfe Oberhausen an diesem Abend ihre Prunksitzung feiert und wo die Abordnung aus Hattingen zusammen mit zahlreichen anderen Vereinen gerade auf die Bühne marschiert ist.

„Herzlichen willkommen“, begrüßt sie der Conferencier, was reicht, um Sebastian dazu zu bewegen, aus der Menge auszuscheren und den Mann erst einmal zu umarmen. Da staunt das applaudierende Publikum, die Hattinger Jecken aber wundern sich nicht einmal mehr.

Die Behinderung von Basti und Sinah sei schon längst kein Thema mehr im Verein, erzählt Kohl später draußen vor der Halle. „Wir reden nicht über Inklusion, wir leben sie einfach.“ Und andere, die noch darüber reden, reden nicht schlecht.

„Wir haben in den ganzen Monaten nicht eine dumme Bemerkung über unser Prinzenpaar gehört, nirgendwo blöde Erfahrungen gemacht. „Die beiden sind das Beste, was unserem Verein passieren konnte“, bestätigt Adjutant Tobi. Dass Bastis Energie manchmal anstrengend sein kann, er nicht immer weiß, wann Schluss ist – geschenkt.

Normal kann schließlich jeder.

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