Prozess

Polizistentrick: Opfer stellte 756.000 Euro vor die Haustür

Der Angeklagte und einer seiner beiden Anwälte.

Der Angeklagte und einer seiner beiden Anwälte.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Düsseldorf.  Mit dem Polizistentrick soll eine Bande 1,6 Millionen Euro von alten Menschen ergaunert haben. Ein 31-Jähriger steht deshalb jetzt vor Gericht.

Der kräftige Mann sitzt vornübergebeugt auf der Anklagebank, einen Aktenordner hat er auf dem langen Tisch vor sich so aufgeklappt, dass man sein Gesicht von der Seite nicht sieht. Und so belässt er es, nachdem die Fotografen Saal E116 des Düsseldorfer Landgerichts verlassen haben. Niemand im Zuschauerraum soll eine Regung erkennen, als die Staatsanwältin die Anklage verliest. Scham? Die Anklage böte dazu jedenfalls genügend Anlass: Enes Ismail K. aus Erkrath bei Düsseldorf soll als Teil einer Bande alte Menschen mit dem Polizistentrick innerhalb eines halben Jahres um rund 1,6 Millionen Euro gebracht haben. Ihm drohen wegen bandenmäßigen Betrugs bis zu 15 Jahre Haft. Die Opfer leben unter anderem in Dortmund und Düsseldorf.

Ein erschreckendes Protokoll

Zehn Taten hält die Staatsanwältin dem 31-Jährigen vor, sie lesen sich zugleich als erschreckendes Protokoll der Arglosigkeit alter Menschen. Eine 85-jährige Frau im unterfränkischen Miltenberg deponierte demnach 620.000 Euro Bargeld vor ihrer Haustüre, dazu Goldmünzen im Wert von mindestens 136.000 Euro. Im rheinischen Würselen soll eine 79-Jährige an mehreren Tagen insgesamt 248.000 Euro Bargeld vor die Tür gestellt, in vier Postsendungen weitere 48.000 Euro verschickt haben. In Stuttgart reichte eine 86-Jährige der Bande 154 Goldmünzen im Wert von 54.000 Euro und ein 76-Jähriger Goldbarren im Wert von 18.300 Euro an einen Abholer weiter. In Freiberg am Neckar rückte ein 84-Jähriger Goldbarren im Wert von fast 200.000 Euro heraus. In Dortmund schließlich stellte eine 87-Jährige 45.000 Euro in bar und Gold in einer Plastiktüte vor ihre Haustür.

Anrufe aus einem türkischen Callcenter

Auslöser sollen Anrufe aus einem Callcenter im türkischen Izmir gewesen sein, bei dem Unbekannte sich als Polizisten mit deutschen Namen wie Moshammer oder Bach ausgaben. Der Trick, den sie anwandten, war plump, aber effektiv: Sie sollen den Opfern unter anderem erzählt haben, dass ihr Vermögen bedroht

sei, etwa, weil ein Einbrecher in der Nähe ihrer Wohnung festgenommen worden sei, bei dem man einen Zettel mit dem Namen und der Wohnanschrift des Angerufenen gefunden habe. Die Polizei könne das Geld sichern, ein Kollege werde es in Kürze abholen. Wahlweise wurde auch die Russenmafia mit dem entsprechenden Bedrohungspotenzial ins Spiel gebracht.

Freundschaftliches Verhältnis zum Bandenchef

Laut Anklage war Enes K. der „Logistiker“ der Bande. „Logistiker genießen ein hohes Vertrauen, sie haben eine herausragende Position innerhalb der Struktur und in diesem Fall auch ein freundschaftliches Verhältnis“ zum Bandenchef, sagte die Staatsanwältin. Der Angeklagte habe in seiner Funktion verschiedene Abholer delegiert, die Beute entgegengenommen und sie wiederum per Kurier in die Türkei geschickt. Abholer seinen innerhalb dieser Polizeitrick-Betrügerei oft Familienmitglieder, zuweilen auch Menschen, die man durch Kontakte über soziale Netzwerke rekrutiere.

Aufgeflogen sei das System, weil eine Kurierin geplaudert habe, erfuhr die WAZ am Rande des Prozesses. Ob sie noch als Zeugin gehört wird, ist derzeit unklar.

Das älteste Opfer war 90

Das jüngste Opfer war laut Anklage eine 68-jährige Frau aus Freiburg, das älteste eine 90-Jährige aus Düsseldorf. Die Summen lagen zwischen 15.500 Euro und 756.000 Euro.

Der Angeklagte hat bislang zu den Vorwürfen geschwiegen. Der erste von zehn angesetzten Prozesstagen wurde am Dienstag bereits kurz nach der Verlesung der Anklage beendet. Die Verteidiger baten um ein Rechtsgespräch hinter verschlossenen Türen.

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