Demenz

Polizei muss immer häufiger nach Demenzkranken suchen

Wer an Demenz erkrankt ist, verliert schnell mal die Orientierung und findet den Heimweg nicht mehr.

Wer an Demenz erkrankt ist, verliert schnell mal die Orientierung und findet den Heimweg nicht mehr.

Foto: Getty

Essen.  Verwirrt, verloren, vermisst: Wenn Demenzkranke den Weg nach Hause nicht mehr finden, kommen die Experten der Vermisstenstelle der Polizei zum Einsatz

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Die Augen hat er weit aufgerissen, sein Blick wandert umher, tastet die Häuser und Straßen nach etwas Bekanntem ab, findet aber nichts. Heinz-Dieter Müller* sitzt auf einer Dortmunder Parkbank ganz in der Nähe des Südwestfriedhofs, und er weiß nicht, wo er ist. Wie er nach Hause kommt, weiß der 71-Jährige auch nicht. Der Mann hat Demenz, eine Krankheit, von der vor allem ältere Menschen betroffen sind. Hilflos hockt er auf der Parkbank. Stundenlang. Bis aufmerksame Passanten ihn ansprechen und die Polizei verständigen.

Das ist im Juni passiert, und die Polizei erlebt viele Fälle wie diesen: 60 Einsätze in Oberhausen, 39 in Recklinghausen, 36 in Bottrop allein in den letzten acht Monaten. Oft steckt Demenz dahinter. In Deutschland leben 1,5 Millionen Demenzkranke, bis 2050 soll sich ihre Zahl verdoppelt haben. Angehörige, Senioreneinrichtungen, aber auch die Polizei stehen vor ungeahnten Herausforderungen.

An Demenz erkrankt – was heißt das? Mit seinem Kino-Kassenschlager „Honig im Kopf“ hat Til Schweiger versucht, den Alltag mit einem Demenzkranken zu illustrieren: Er vergisst seine Enkelin von der Schule abzuholen, weiß nicht mehr, wie man Kaffee kocht oder, was eine rote Ampel bedeutet. Dr. Dag Schütz, Direktor der Geriatrie des Evangelischen Krankenhauses in Essen-Werden, gibt zu bedenken, dass „hier und da etwas vergessen“ zu einfach gedacht sei. Hirnfunktionen wie Anpassungsfähigkeit und Handlungsplanung seien gestört. „Der Betroffene ist in seinem eigenen Film“, sagt Schütz. Viele glaubten beispielsweise, sie seien wieder Kinder, oder wüssten nicht mehr, dass ihre Lebenspartner verstorben sind.

Was Senioreneinrichtungen tun

Heike Großheimann ist erfahren im Umgang mit Demenzkranken. Sie ist Pflegedienstleiterin am Malteserstift St. Bonifatius, einem Seniorenzentrum in Essen. „Bei uns wohnt ein gebürtiger Däne, der dement ist. Viele Jahre hat er in Dänemark eine Tankstelle geführt und will heute dorthin zurück. Bis Münster hat er es schon geschafft“, erzählt Großheimann. 32 Senioren wohnen im St. Bonifatius auf einer speziellen Station für Demenzkranke.

„Wichtig ist es, dass sich die Bewohner hier zuhause fühlen: Eigene Möbel, Bettwäsche, Fotos“, sagt Dominika Bartoszek, Leiterin der Station. Möglichst wenig Veränderungen, damit das Gefühl am falschen Ort zu sein, nicht entstehe. Einschließen könne sie niemanden. „Die Bewohner dürfen sich frei bewegen.“ Da komme es auch mal vor, dass jemand nicht wieder zurückkommt.

Doch darauf sind Bartoszek und ihr Team vorbereitet: Jeder Bewohner habe sein eigenes Mäppchen mit Details zur Person, die Rezeption hat Fotos, die Bewohner selbst tragen Visitenkarten mit der Anschrift bei sich. „Meistens finden wir vermisste Bewohner innerhalbe von ein paar Stunden wieder“, sagt sie.

Was die Polizei tut

Ist das nicht der Fall, werden Arnd Schulte und Lutz König, Hauptkommissare der Essener Vermisstenstelle eingeschaltet. Sie übernehmen, wenn die Kollegen der Schutzpolizei nicht fündig geworden sind. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Umgebung bereits abgesucht, den Streifenwagen Bescheid gegeben sowie Bus, Bahn und Taxizentrale informiert. „Es ist aber auch schon vorgekommen, dass sich jemand einfach ins falsche Bett gelegt hat“, sagt König. Ernst werde es, wenn jemand länger als 24 Stunden vermisst wird. Bei Minusgraden sei „höchste Eisenbahn“, dann drohe Lebensgefahr.

Je nach Witterung, Örtlichkeit und Gesundheitszustand kommen Hubschrauber mit Wärmebildkamera oder Hundestaffeln zum Einsatz. Bei der Suche nach Dementen spiele deren Biografie eine besondere Rolle. „Für uns ist es entscheidend, was für ein Leben der Mensch geführt hat, wir sammeln jede Menge Informationen“, sagt König. Denn gesucht wird auch am ehemaligen Wohnort oder Arbeitsplatz. Gefunden werden die Vermissten häufig von Unbeteiligten, so König. „Sie sind falsch gekleidet, zum Beispiel nur im Schlafanzug, oder verhalten sich komisch. Das fällt im Alltag auf.“

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