Lopa-Prozess

Oberster Polizist bei der Loveparade verspürte „Unbehagen“

Kuno Simon, bei der Loveparade-Katastrophe der Einsatzleiter der Polizei, sagt in der Düsseldorfer Messehalle aus, wo der Großprozess stattfindet.

Kuno Simon, bei der Loveparade-Katastrophe der Einsatzleiter der Polizei, sagt in der Düsseldorfer Messehalle aus, wo der Großprozess stattfindet.

Foto: André Hirtz

Düsseldorf.  Im Loveparade-Prozess sagt der Einsatzleiter als Zeuge aus. Von Anfang an sah er die Zuwege als Problem: „Das ist eine Nummer zu groß für uns.“

Zuhause, in der Nacht danach, da sei er „quasi zusammengebrochen“, erzählt Kuno Simon, der Mann, der am Tag der Duisburger Loveparade Einsatzleiter der Polizei vor Ort war. Der einzige Polizist, gegen den früh als Beschuldigter ermittelt wurde. Dem pflichtwidriges Verhalten vorgeworfen wurde, und dass er sich an jenem 24. Juli 2010 um Besucher kümmerte, als sich im Eingangsbereich der Technoparty bereits das Verhängnis anbahnte. Angeklagt wurde Kuno Simon nie. Gestern, am 67. Verhandlungstag im Verfahren um die Katastrophe, sagt der inzwischen pensionierte Leitende Polizeidirektor aus: als Zeuge.

Die Polizei spürte den Druck der Politik

Der 68-Jährige wirkt angespannt, trotz offenen Kragens unter dem dunklen Anzug. Als Leiter der Direktion Gefahrenabwehr und Strafverfolgung beim Duisburger Präsidium war er mit Vorbereitung und „Abarbeitung“ der Großveranstaltung befasst. Ein gutes Gefühl habe er dabei nie gehabt, sagt Simon: „Seinerzeit waren wir der Auffassung, das ist hier nicht machbar.“ 2007 sei das gewesen, als erste Überlegungen bekannt wurden, die Loveparade ins Ruhrgebiet zu holen. Auch 2009 noch, als klar war, dass sie kommen würde („der politische Wille war da“), und dass sie am alten Güterbahnhof stattfinden sollte, blieb er nach einer Ortsbegehung dabei: „Das geht nicht.“ „Unbehagen“, erinnert sich Simon., „bereitete mir von Anfang an die Zu- und Abführung der Zuschauer über die Karl-Lehr-Straße“. Das habe er „kolportiert“, den Polizeipräsidenten gebeten, dem Oberbürgermeister die Bedenken vorzutragen. Doch der habe das abgelehnt. „Er wollte wohl nicht der Spielverderber sein, der an der Absage der Veranstaltung schuld ist.“

Man beschied ihm, erzählt Simon, dass vor den Eingängen des Karl-Lehr-Tunnels „Vereinzelungsanlagen“ installiert würden, „bestückt mit sehr kräftigen Ordnern“. Dass es „Löwenkäfige“ im Tunnel geben werde, für Zuschauer, die das Gelände verlassen wollten; und „Pusher“ auf der Rampe, die die Zuschauer weitertreiben würden, sollte es stocken. Zudem sei ihm „zugetragen“ worden, dass Stauforscher Schreckenberg das Konzept für tragfähig hielt. Am Ende jedenfalls sind seine „Bedenken ausgeräumt, alle strittigen Fragen geklärt und Lösungen für Probleme gefunden“. Das mulmige Gefühl jedoch habe ihn nicht verlassen: „Das ist eine Nummer zu groß für uns, dachte ich.“

Chaos am Tunnel

Am Unglückstag selbst übernimmt Kuno Simon gegen 12.40 Uhr die Einsatzleitung. Er erzählt, wie ihn Beobachter laufend über die „Befüllung“ informierten, wie man die Massen über Zugangsrouten gesteuert habe, wie gegen 16 Uhr eine „Verfestigung“ auf der Rampe notiert wurde und er die Tunnelzugänge sperren ließ. Wie die Sperre am westlichen Eingang „offenbar aufgehoben wurde“, wie er eine Hundertschaft aus ihrer Pause im Wedau-Stadion anforderte, die helfen sollte, den Tunnel erneut zu sperren. 30 Minuten schätzt er, habe es gedauert, bis die vor Ort war. In dieser Zeit kämpften die Menschen auf der überfüllten Rampe bereits um ihr Leben.

Gegen 17 Uhr erfährt der Einsatzleiter vom einem ersten Toten – über einen 110-Notruf im Präsidium, nicht von seinem Team vor Ort. „Wir waren völlig geplättet, niedergeschmettert!“

Erinnerungslücken – wie bei anderen Zeugen

All das erzählt Simon, ohne einmal in seine Notizen gucken zu müssen, 45 Minuten lang, flüssig, offenkundig bemüht, zur Aufklärung beizutragen. Aber in der Befragung durch Richter Mario Plein werden wie bei so vielen Zeugen in diesem langwierigen, zermürbenden Verfahren auch bei ihm große Erinnerungslücken deutlich.

Mit 30 Kurz-Notizen und Funksprüchen zur Lage auf dem Gelände, die die Einsatzzentrale teils im Minutentakt erreichten, konfrontiert ihn Plein. An wenige nur erinnert sich Simon konkret. So bleiben viele Fragen auch nach seiner ersten, siebenstündigen Vernehmung offen. Warum, etwa, wusste der Einsatzleiter nichts von den Polizeiketten auf der Rampe. Am falschen Ort, wie Gutachter Jürgen Gerlach jüngst erläuterte. Er macht sie für das Unglück mitverantwortlich.

Aber dass ihn Innenminister Jäger bei seinem Besuch in der Einsatzzentrale nicht abgelenkt habe, das erinnert der Zeuge genau. „Der hat sich nicht lange bei uns aufgehalten. Und ich hab’ nicht zum ersten Mal Besuch von einem Minister bekommen.“

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