Tag des Notrufs

Notärztin im Internet: Halsweh ist kein Fall für 112

Nicht das Klischee: Notärztin Dr. med. Carola Holzner, Leitende Oberärztin an der Uniklinik Essen, mit ihrer neuen Jacke samt Logo – dem schlagenden Herz.

Nicht das Klischee: Notärztin Dr. med. Carola Holzner, Leitende Oberärztin an der Uniklinik Essen, mit ihrer neuen Jacke samt Logo – dem schlagenden Herz.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Essen/Mülheim.  Notärztin Dr. Carola Holzner aus Mülheim hat als „Doc Caro“ das Internet für sich und die Medizin entdeckt. Sie sagt, was ein echter Notfall ist.

Eigentlich ist ihr Diagnose-Dienstag, so wie Samstag Sanitäter-Samstag war, aber heute hat Doc Caro Besseres zu tun. Noch Besseres: Zum Tag des Notrufs (11.2. wie 112) stellt Dr. med. Carola Holzner ein neues Video ins Netz. Erklärt darin, was eigentlich ein Notfall ist und was man am Telefon melden muss – und hat also doch eine Diagnose gestellt: Viele Leute wissen es nicht.

Frau Doktor ist im Dienst, Notarztjacke an, Rettungswagen im Rücken, Handy in der Hand, Lächeln im Gesicht. Die Leitende Oberärztin für Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin am Universitätsklinikum Essen und Leitende Notärztin in Mülheim hat mal eben zwei Minuten dreißig, kein Konzept, aber eine Botschaft. „Der Notruf 112, das ist die Telefonnummer für lebensbedrohliche Erkrankungen.“ Und wer dort anruft, beantwortet bitte alle W-Fragen: „Wer, wo, was, wie, wie viele oder was noch, dann sind wir euch alle dankbar.“ Fröhliches Winken, zack, im Kasten. Hochladen und fertig. Die erhobenen Daumen werden rasch in die Hunderte gehen, das tun sie immer.

So sind die Zeiten, der moderne Arzt ist kein Halbgott in Weiß mehr, sondern Influencer (nicht Influenza, das ist eine andere Geschichte).

Mehr als 30.000 Follower auf Facebook

Wobei die User diese Ärztin durchaus göttlich finden. Fast 30.000 Menschen gefällt Doc Caro bei Facebook, noch mehr haben sie abonniert, bei Instagram ist sie natürlich auch, und ein Youtube-Video ging neulich viral. Und Frau Doktor selbst ebenfalls, sie macht das alles noch keine vier Monate. „Doc Caro gucken – Medizin verstehen“, so wirbt die 37-Jährige selbst für ihre Beiträge, die von Studenten, Rettern, Pflegern, Schwestern oder einfach nur Laien angeklickt werden. „Sicher ungewöhnlich“, gestand die Medizinerin erst neulich, da grüßte sie aus dem Schockraum: „Eine leitende Oberärztin einer Uniklinik treibt sich auf Social Media herum.“

Warum nur? (Und wann, das muss man ja auch fragen bei einer Frau mit dieser Verantwortung und noch dazu zwei Kindern und zwei Pferden.) Auch diese Antwort gibt sie im Netz: „Weil es die beste Möglichkeit ist, einer interessierten Community Zugang zu gewähren und Einblicke in das Leben einer Ärztin... Notaufnahme, Rettungsdienst, Persönliches. Aus Überzeugung. Um aufzuklären. Um zu sensibilisieren. Um die Welt ein Stück besser zu machen. Um zum Helfen zu animieren.“ Die Idee hatte übrigens ihr Chef, der ist selbst auf Instagram und entdeckte bei seiner Kollegin ein offensichtliches Talent.

„Husten, Schnupfen, Heiserkeit“ sind keine Notfälle

Doc Caro aus Mülheim ist eine Marke, im doppelten Sinn. Dafür steht das Logo auf ihrer Brust, ein schlagendes Herz mit EKG-Kurve darin, weil das Retten von Leben ihre Herzenssache ist. Dr. Holzner ist anders als das Klischee, das weiß sie selbst. Anrasierte Frisur, der linke Arm von oben bis unten tätowiert, der Typ für klare Ansagen. Wie heute eben die: Notfälle sind „Herzinfarkte, Schlaganfälle, wenn Patienten bewusstlos sind, wenn ihr jemanden auf der Straße findet, der nicht mehr atmet, der keinen Kreislauf mehr hat, wenn ihr reanimieren müsst, wenn ihr denjenigen nicht mehr wach kriegt, wenn jemand stark blutet...“

So, und eben nicht die Fälle, denen sie in der Notaufnahme so oft begegnet. „Husten, Schnupfen, Heiserkeit“, ein Schnitt im Finger, Fieber von 38,5 Grad. Oder Bauchweh nachts um drei, das schon seit Wochen da ist. Erst vergangene Woche kamen zwei junge Frauen mit Halsschmerzen in die Notaufnahme. „Im Nebenzimmer habe ich vielleicht eine Hirnblutung, und dann muss man sich noch beschimpfen lassen.“ Im Video versteckt die Notfallmedizinerin ihren Zorn hinter einem Augenzwinkern. „Über Social Media kriegt man mehr Gehör.“

Ein Stethoskop macht noch keinen Doktor

Und wenn man seriös bleibt, auch für ihre Themen. „Ich poste keine Bikini-Fotos und nix mit Lippenstift.“ Es muss schon mit Medizin zu tun haben – und echt sein. Dr. med. Carola Holzner ist zweifelsohne echt, sie weiß selbst, dass sie nur deshalb glaubwürdig ist und niemand, „der sich einfach nur ein Stethoskop umhängt und schon mal ein Medizinbuch gelesen hat“. Sie weiß auch um ihre Verantwortung und macht „keine Corona-wird-uns-alle-töten-Filme“, lieber holt sie ihren Kollegen Virologen vor die Kamera, der die Sache mal in Ruhe erklärt.

Krankenwagenbelademeister Youtube

„Mein Ziel ist“, sagt Carola Holzner, „die bekannteste Notärztin Deutschlands zu werden.“ Das ist 1. nicht ganz ernst gemeint und 2. wahrscheinlich schon erreicht, aber mindestens will sie „so lange weitermachen, bis Jens Spahn anruft“. Das ist der Gesundheitsminister, ihm würde sie gern sagen, dass vieles im System „totaler Schwachsinn“ ist. Etwa, dass Notfallsanitäter im Einsatz ohne einen Arzt nicht einmal das tun dürfen, was sie gelernt haben. Als einer von ihnen sich in einem Lied frustriert als „Krankenwagenbelademeister“ bezeichnete, dichte Doc Caro spontan zurück. Ihr mutmachender Antwort-Song, aufgenommen auf einem Parkplatz mit dem Gitarristen ihrer alten Rockband, hat inzwischen mehr als eine halbe Million Aufrufe.

Notfallmedizin als Allzweckwaffe

Sie verkauft jetzt auch T-Shirts mit ihrem Logo, den Erlös spendet sie für den guten Zweck. Ihr nächstes Projekt ist eine ganze Kampagne: Es soll um Erste Hilfe gehen, um das, was der normale Bürger tun kann, bevor die Notärztin da ist. „Ich brauche einfach länger.“ Vor Ort aber verlangt ihr der Notfall ab, wofür sie den Beruf einst ergriffen hat: „Schnelle Entscheidungen, schnelles Handeln, die Notfallmedizin ist die Allzweckwaffe.“ Das schnelle Mundwerk braucht sie dann fürs Internet.

INFO: ZUM TAG DES NOTRUFS

Mit dem jährlichen Europäischen Tag des Notrufs am 11. Februar macht die EU seit 2009 auf den auf dem ganzen Kontinent gültigen Notruf 112 aufmerksam machen. Studien hatten zuvor gezeigt, dass nicht einmal ein Viertel der Bevölkerung, in Deutschland noch deutlich weniger, wussten, dass man in ganz Europa im Notfall die 112 wählt.

Der europaweite Notruf 112 wurde 1991 eingeführt, um Notdienste insbesondere für Reisende leichter erreichbar zu machen. Seit Dezember 2008 gilt aus allen Fest- und Mobilfunknetzen überall in der Europäischen Union gebührenfrei die einheitliche Notrufnummer 112.

Unter der 112 erreichen Bürger in Deutschland den Leitstand der Feuerwehr, der auch die Rettungswagen koordiniert. Anrufen sollten sie aber nur in wirklich lebensbedrohlichen Notfällen. Für alle anderen medizinischen Fragen gibt es außerhalb der Öffnungszeiten der niedergelassenen Arztpraxen die Telefonnummer 116 117. Das ist der Anschluss des Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Vereinigungen: Hier weiß man, wo in der Nähe die nächste Notfallpraxis geöffnet hat.

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