‘Ndrangheta

Nach Corona-Verdacht: Mafia-Prozess wird fortgesetzt

Das Duisburger Landgericht steht vor einem Mammut-Prozess: 14 Männer stehen vor Gericht, die zum Teil der Mafia-Organisation ‘Ndrangheta angehören sollen.

Das Duisburger Landgericht steht vor einem Mammut-Prozess: 14 Männer stehen vor Gericht, die zum Teil der Mafia-Organisation ‘Ndrangheta angehören sollen.

Foto: FUNKE Foto Services

Duisburg.  Der nach zweiwöchiger Pause fortgesetzte Duisburger „Mafia-Prozess“ wird fortgesetzt. Ein Staatsanwalt allerdings bliebt in Corona-Quarantäne.

Es war der größte Schlag, zu dem europäische Ermittler jemals gemeinsam gegen die Mafia ausholten: Bei der Operation „Pollino“ stellten sie im Dezember 2018 vier Tonnen Kokain sicher, fanden zwei Millionen Euro Bargeld und nahmen Verdächtige auch im Rheinland fest. Nun folgt ein Mammut-Prozess: Nun verhandelt das Duisburger Landgericht gegen 14 Männer, die zum Teil der ‘Ndrangheta angehören sollen. Die Vorwürfe: Drogenhandel vor allem, aber auch Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Betrug, Unterstützung einer kriminellen Vereinigung, Verstöße gegen das Waffengesetz…

Schon kurz nach dem Beginn der Hauptverhandlung am 12. Oktober musste der Prozess unterbrochen werden. Die Mutter eines Angeklagten war an Corona erkrankt. Der Sohn, der nicht in U-Haft saß, hatte sie demnach noch auf dem Weg ins Krankenhaus begleitet und sich am Sonntag vor dem Prozessauftakt testen lassen. Trotz negativen Testergebnisses ordnete das Gesundheitsamt Quarantäne bis zum 24. Oktober an.

Prozess wegen Corona-Verdachts unterbrochen

Die eigentlich geplanten Verhandlungstage am 16., 19. und 23. Oktober wurden deshalb abgesagt. Seit Montagmorgen, 26. Oktober, läuft der Prozess nun weiter. Eigentlich wurde die Anklageverlesung erwartet – doch dazu kam es zunächst nicht: Einer der drei Staatsanwälte wurde am Montag während der Verhandlung abberufen, weil er mit einem Polizisten in einem Auto saß, der später positiv auf das Coronavirus getestet worden war, wie die anderen Staatsanwälte berichteten.

Was folgte, waren Diskussionen: Was bedeutet der Corona-Verdachtsfall für die anderen beiden Vertreter der Staatsanwaltschaft, was für das Verfahren? Mehrere Verteidiger protestierten gegen die Fortsetzung des Prozesses: „Da kann man hier nicht einfach so weiter machen.“ Das Gericht zog sich daraufhin zur Beratung zurück.

Nun ist klar: Der Mafia-Prozess wird fortgesetzt. Alle drei Staatsanwälte wurden per Schnelltest negativ auf das Coronavirus getestet. Der Staatsanwalt, der mit dem später positiv getesteten Polizisten im Auto saß, bliebt allerdings in Quarantäne.

Eismann aus Duisburg auf der Anklagebank

Darum geht es: Es waren nicht gerade die Temperaturen für ein Eis am 5. Dezember vor zwei Jahren, aber morgens wurde es in einer Duisburger Eisdiele trotzdem voll: Die Polizei rückte an, nahm den Chef fest. Auch der Gelatiere (42) muss sich nun vor der 4. Großen Strafkammer verantworten. Die tagt nicht in Duisburg, sondern im großen Saal des Hochsicherheitstrakts des Oberlandesgerichts Düsseldorf. Wegen der 14 Angeklagten, von denen acht in Haft sitzen, und ihrer 39 Verteidiger. Und weil, wie Gerichtssprecherin Sarah Bader sagt, fünf der Männer „der größten italienischen Mafia-Organisation zuzurechnen sein sollen. Wir meinen, dass erhöhte Sicherheitsmaßnahmen nötig sind.“

Größter europäischer Schlag gegen die Drogenhändler der Mafia

Außer in Duisburg hatten an jenem Morgen im Advent 2018 Hunderte Polizisten über 60 Wohnungen, Geschäfte, Restaurants und Eisdielen in Mönchengladbach, Grevenbroich, Köln durchsucht. Kollegen griffen zeitgleich in Italien, Belgien, den Niederlanden und deren ehemaliger Kolonie Surinam zu, nahmen 90 Personen fest und beschlagnahmten rund vier Tonnen Kokain, 120 Kilogramm Ecstasy und zwei Millionen Euro Bargeld.

„Pollino“, benannt nach dem Nationalpark in Süditalien, war das erste Mal, dass mehrere europäische Ermittlungsgruppen „in Echtzeit“ zusammenarbeiteten. Man habe „eine klare Botschaft an kriminelle Vereinigungen in ganz Europa gesendet“, frohlockte einer der führenden Ermittler aus Den Haag: „Sie sind nicht die einzigen, die grenzüberschreitend arbeiten können.“ Der Einsatz werde, ahnte der italienische Staatsanwalt Federico Cafiero De Raho, „das Drogenhändler-Netzwerk auf der ganzen Welt beeinträchtigen“.

Ehemaliger Besitzer eines Duisburger Eiscafés sitzt nun auf der Anklagebank

In Deutschland kam wie der Besitzer des Duisburger Eiscafés auch der einer Pizzeria in Pulheim in Haft. Er steht bereits seit November 2019 in Köln vor Gericht: Der Italiener soll, gemeinsam mit einem deutschen Komplizen, Kokain in Pferdetransportern geschmuggelt haben, insgesamt 1,8 Tonnen. Zwei Tiere wurden dafür wöchentlich hin- und hergefahren; Pferdepflegerin und -besitzerin sitzen mit auf der Anklagebank.

Auch in Düsseldorf geht es nun nicht nur um Italiener, auch wenn die Sache schon jetzt im Volksmund „Mafiaprozess“ heißt. Unter den Angeklagten sind auch türkische, niederländische, marokkanische, deutsche und portugiesische Staatsangehörige. Das gilt als ungewöhnlich: dass die traditionellen Familienclans aus Italien sich offenbar inzwischen unterstützen lassen von anderen kriminellen Kräften. Die Männer im Alter zwischen 30 und 56 Jahren aus Duisburg, Düsseldorf, Mönchengladbach oder Neuss sollen hohe Summen, teils über eine halbe Million Euro, in die Geschäfte der Mafia investiert, Autos für den Drogentransport mit doppelten Böden präpariert und dadurch mitverdient haben.

Kokain kam aus Südamerika über Häfen in Deutschland und Benelux nach Europa

Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, zwischen Januar 2014 bis zu ihrer Festnahme im Dezember 2018 bandenmäßig mit Drogen gehandelt zu haben, manchmal gleich mit 220 Kilogramm Kokain pro Tat. Fünf Millionen Euro und Vermögenswerte von rund 700.000 Euro aus den illegalen Geschäften konnten die Ermittler inzwischen sicherstellen. Ihre Anklageschrift umfasst 649 Seiten, die Richter müssen sich durch 57 Umzugskartons voller Akten und mehrere Terabyte Daten mit Aufnahmen von Observationen und Telefongesprächen arbeiten.

Die Masche war offenbar immer ähnlich: Die ‘Ndrangheta soll das Kokain aus Südamerika nach Europa verschifft oder geflogen und dort verteilt haben. Und das offenbar zunehmend nicht von Italien aus, sondern über „sichere Häfen“ im Norden. Der Hamburger Hafen, ahnten Ermittler schon lange, sei von „besonderem Interesse“ für die Clans, außerdem entdeckten sie Antwerpen und Rotterdam für sich: Hier hatten Fahnder schon 2015 in Containern 80 Kilogramm Kokain entdeckt, der bis dato größte Fund.

‘Ndrangheta erlangte mit „Mafia-Morden von Duisburg“ traurige Berühmtheit

Zur Tarnung der Transporte wurden wie an der Börse Broker eingesetzt und eigens Unternehmen gegründet, etwa für den – offiziellen – Handel mit Bananen, Reis oder Holz. Pizzerien wie in Pulheim und Eiscafés wie in Duisburg sollen als logistische Stützpunkte gedient haben – oder dem finanziellen Gewinn durch Versicherungsbetrug nach Einbrüchen.

Dass die ‘Ndrangheta aber ihre Strukturen längst auch in Deutschland etabliert hat, weiß man in Duisburg schon lange. Es geschah hier, dass im August 2007 sechs Männer vor der Pizzeria „Da Bruno“ erschossen wurden. Schnell war damals klar: Es war der Arm der Ndrangheta, der ins Ruhrgebiet gelangt hatte; es ging um eine Clanfehde zweier Familien aus dem kalabrischen Ort San Luca. Von dort aus sollen auch die nun angeklagten Drogengeschäfte gesteuert worden sein.

Verteidiger: „Die Staatsanwaltschaft hat sich vergaloppiert“

Wolf Bonn, Verteidiger eines der Italiener, wies die Vorwürfe am Montag am Rande des Prozesses zurück: Der Kronzeuge sei „unglaubwürdig“, die Staatsanwaltschaft habe sich „vergaloppiert“. „Wehe dem, der Angehörige in einem kleinen Dorf in Kalabrien hat oder in einer Pizzeria arbeitet – da ist der Verdacht sogleich gestrickt.“ Doch geht das Bundeskriminalamt deutschlandweit von mehreren Hundert Mafia-Mitgliedern aus, italienische Experten warnen seit langem, gerade die ‘Ndrangheta habe ein wichtiges Standbein in Deutschland.

Die Mitgliedschaft in einer Mafia-Vereinigung ist hier dennoch juristisch bislang kein Straftatbestand. Weil der Gesetzgeber das so vorsieht, verhandelt das Gericht sogar als Wirtschaftsstrafkammer. Zwar liegt der Schwerpunkt der Anklage auf dem Handel mit Kokain. Weil die mutmaßlichen Mafiosi ihre Einnahmen aber erwartungsgemäß nicht brav versteuert haben, gilt der Tatenkomplex juristisch übergeordnet als Steuerstrafsache. Zunächst sind 90 Verhandlungstage bis Jahresende 2021 geplant.

Ermittlungen auch gegen Polizisten und eine Duisburger Stadtbedienstete

Ermittelt wird in Duisburg zudem auch gegen „Maulwürfe“: Drei Polizisten, eine Regierungsbeschäftigte und zwei ehemalige Stadtbedienstete, eine davon aus Duisburg, sollen Geheimnisse verraten haben, indem sie Informationen aus Behörden weitergaben. Zwar sollen sie von den mutmaßlichen Verbindungen zur ‘Ndrangheta meist nichts gewusst haben, auch persönliche Bereicherung soll wohl nicht der Grund für den Geheimnisverrat gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft, die der Sache nach wie vor nachgeht, vermutet „persönliche Gründe“.

Aber trotz „Pollino“, trotz des großen Schritts der Ermittler vor knapp zwei Jahren: Es war nur ein erster. „Es müssten Tausende Menschen festgenommen werden“, sagte Staatsanwalt Cafiero de Raho 2018 in Italien, „und Milliarden Euro beschlagnahmt werden.“ Wer glaube, man habe mit der Operation die ‘Ndrangheta ausgehoben, der täusche sich. Denn das wissen die italienischen Ermittler aus jahrelanger leidvoller Erfahrung: „Diese Festnahmen sind für die ‘Ndrangheta nichts.“

>>INFO: DIE MAFIA-ORGANISATION ‘NDRANGHETA

Die ‘Ndrangheta gehört zu den mächtigsten Mafia-Organisationen der Welt und ist über die Grenzen Italiens hinaus aktiv. Beheimatet ist sie in der süditalienischen Region Kalabrien. Hunderte Clans hängen über Familienbande zusammen, werden inzwischen aber auch von Banden anderer Nationalitäten unterstützt.

Die ‘Ndrangheta verdient ihr Geld vor allem mit internationalem Drogenhandel, Nach Schätzung von Experten macht die Organisation weltweit einen Umsatz zwischen 50 und 100 Milliarden Euro im Jahr.

Die ‘Ndrangheta soll sich in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts gegründet haben. Längst ist sie auch in Deutschland aktiv, hat hier ihre Strukturen aufgebaut. Duisburg brachten die Banden schon einmal in die Schlagzeilen: Bei den „Mafia-Morden“ wurden im August 2007 sechs Menschen vor der Pizzeria „Da Bruno“ erschossen.

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