Eva-Maria Karmelita

Nach 50 Jahren Pflege im Augusta: Schwester Eva geht

Ihre Mitabeiter werden sie vermissen: Eva-Maria Karmelita mit der jungen Kollegin Tamara Stoff (l.) im  Schwesternzimmer der Bochumer Augusta-Klinik.

Ihre Mitabeiter werden sie vermissen: Eva-Maria Karmelita mit der jungen Kollegin Tamara Stoff (l.) im Schwesternzimmer der Bochumer Augusta-Klinik.

Foto: Ralf Rottmann

Bochum.   1968 begann Eva-Maria Karmelita als Krankenschwester (eher unwillig) eine seltene Karriere: 50 Jahre blieb sie der Bochumer Augusta-Klinik treu.

Ihr Vorstellungsgespräch ging in die Hose: Zu kurz der Rock, zu lang das Haar, zu bunt die Blumen auf der Bluse. Und geschminkt war die 17-Jährige auch noch... „Die strengen Diakonissen, die damals die Pflege in den Augusta-Kliniken leiteten, guckten unter ihren gestärkten Häubchen sehr, sehr kritisch“, erinnert sich Eva-Maria Karmelita an jenen Tag im Flower-Power-Jahr 1968, als sie sich in Bochum als Pflegeschülerin bewarb – und genommen wurde. „Die anderen waren wohl auch nicht braver.“ Dabei wollte sie viel lieber Grafik und Design lernen; die Eltern konnten ihr die Folkwangschule nur nicht bezahlen. „Nach der Ausbildung kann ich ja wieder gehen“, sagte sich die junge Frau. Doch sie blieb. Mehr als 50 Jahre. Sieben Monate nach ihrem goldenen Dienstjubiläum wird die heute 67-Jährige am 1. Februar verabschiedet.

„Revoluzzerin“ trug statt Mini- nun wadenlange Röcke

Um es vorwegzunehmen: Schwester Eva und die Diakonissen wurden beste Freunde. Ihr dicker Lidstrich blieb jenen jedoch ein Dorn im Auge. „Vor Gott sind wir alle gleich“, versuchte die Oberin „dem Mädchen“ den Verzicht nahe zubringen. „Dann mag er mich auch dekoriert“, verteidigte Karmelita ihr Make-Up. Heute sagt sie: „Vielleicht war der ein bisschen heftig. Aber damals, das war eine wirklich wilde Zeit.“ Doch am 1. Juli 1968 zog auch sie, die „Revoluzzerin“, die auf Demos an der Seite von Rudi Dutschke und Fritz Teufel gegen Unrecht, Atomwaffen und Krieg protestierte, ins Schwesternheim der Augusta-Stiftung; und trug fortan im Dienst statt Minirock einen wadenlangen (jedenfalls, bis die Mutter ihr den heimlich kürzte und sie behauptete, er sei beim Waschen eingelaufen...).

Chefin von 1000 Pflegekräften in drei Augusta-Kliniken

Die Schicht fing um 6.30 Uhr mit dem „Morgengebet“ an. „Lieber Gott, bitte lass die Schwestern heute besser arbeiten, damit nicht wieder die Darmrohre für unsere Einläufe verkokeln“ hieß es dabei etwa – am Tag nachdem Karmelita sie zu lange gekocht hatte.... Von 13 bis 16 Uhr war Pause, danach ging es bis 20 Uhr weiter. Und länger, falls nötig. „Niemand ging, bevor nicht alle Arbeit erledigt war.“ 600 D-Mark Lohn bekam Karmelita, abzüglich Kost und Logis natürlich.

„Ich merkte sehr schnell, das isses“, erinnert sich die heute 67-Jährige. Was sie vor allem mochte? „Dass man mir früh Verantwortung zutraute. Nach vier Wochen war ich alleine auf Station, das hat mich gereizt.“ Herausforderungen prägten auch Karmelitas weiteren Weg. Um nur einige Stationen zu nennen: Gleich nach dem Examen übertrug man der da 20-Jährigen die Leitung der damals ersten operativen Intensivstation in Bochum. 1984 wurde sie Chefin aller fünf chirurgischen Stationen. In den Ruhestand geht sie als Pflegedienstleiterin der gesamten Augusta-Stiftung, zu der inzwischen zwei Häuser in Bochum und eines in Hattingen gehören. Als Ausbilderin und Lehrkraft für Anästhesie/Intensivmedizin schulte sie unzählige andere; als „Desinfektor“ war sie zuständig für „Entseuchung, Entrattung und Entwesung“, später für die modernen Hygienestandards im ganzen Haus. Zusammen mit Prof. Horst Przuntek gründete Eva-Maria Karmelita 2007 „aus einer Vision heraus“ zudem eine Ayurvedische Abteilung am Krankenhaus Hattingen, „ein Highlight meiner Karriere“, sagt sie.

Der Beruf der Krankenschwester hat völlig verändert

Vieles hat sich verändert in ihrem Beruf, sagt die Krankenschwester im Rückblick. „Wenig zum Besseren.“ Sicher, heute müsse keine Pflegekraft mehr Tupfer drehen, bis sich Blasen an den Fingern bildeten. Aber: „Die drei Stunden morgens, wenn die Patienten gewaschen werden müssen, die Aufnahmen vor der Tür stehen und die Entlassungen drängeln, während das Telefon unentwegt klingelt, weil die Ärzte noch was wissen wollen – das sind schlimme drei Stunden. Das ist Fließbandarbeit hoch zehn.“ Heute empfinde sie das Miteinander, auch mit den Ärzten, als schwieriger – auf beiden Seiten sei der Druck enorm gewachsen, der Nachwuchsmangel viel zu spät erkannt worden. Für die Patienten selbst „bleibt bei dem hohen Durchsatz, der Diagnostikdichte und unserer Dokumentationspflicht kaum noch Zeit“. Als sie einst anfing im Augusta, verbrachten Patienten im Schnitt vier bis sechs Wochen im Haus, heute „kennt man keinen mehr auf der Station, wenn man mal drei Tage am Stück frei hatte“. Zudem seien die Patienten früher „pflegeleichter“ gewesen, heute kämen viele mit überzogenen „Hotel“-Ansprüchen.

„Ich hab viel gegeben. Aber es hat sich gelohnt.“

Könnte sie noch einmal einen Beruf wählen, es wäre dennoch wieder der der Krankenschwester. „Ich hab in all den Jahren viel gegeben“, erklärt Eva-Maria Karmelita, die nicht einmal nach der Geburt ihrer Tochter aussetzte, „manchmal vielleicht mehr als es mir und der Familie gut getan hat. Aber es hat sich gelohnt.“ Sie sagt, es ein „Geschenk“, 50 Jahre hoch zufrieden im selben Unternehmen arbeiten zu dürfen. Den „ganzen Zinnober“ um dieses seltene Jubiläum hasst sie trotzdem. Dem Fernsehen, das berichten wollte, erteilte sie eiskalt eine Absage. „Ich war die Macherin vor Ort, die Show ist nix für mich.“

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