Reportage

Nach 21 Jahren blüht dem Ruhrgebiet wieder eine Gartenschau

Vom Aussichtsturm aus sieht das Gelände der Landesgartenschau 2020 nach noch ganz viel Arbeit aus.

Vom Aussichtsturm aus sieht das Gelände der Landesgartenschau 2020 nach noch ganz viel Arbeit aus.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Kamp-Lintfort.  Nach 1999 kommt 2020 wieder eine Landes-Gartenschau ins Ruhrgebiet. Sie eröffnet im April in Kamp-Lintfort, aber man kann schon einiges sehen.

Männer pumpen, streichen, klopfen, schieben, Bagger heben Erde aus, Rückwärtsfahrer piepsen. Das riesige Gelände der früheren Zeche „Friedrich Heinrich“ in Kamp-Lintfort hat sich in eine ebenso riesige Baustelle verwandelt, die – wie immer bei so großen Projekten – nicht annähernd so aussieht, als ob man in gut 60 Tagen hier etwas vorzeigen könnte. Und schon gar nicht 18,50 Euro dafür nehmen. Doch genau das ist der Plan.

An einem Freitag Mitte April wird hier die Landes-Gartenschau eröffnet, die „Laga 2020“, wie es riesengroß am dauerhaft geretteten Förderturm steht. Und deshalb pumpen Männer gerade durchnässte Pflanzkästen leer, sie streichen Bäume an mit gelbfarbenem Austrocknungsschutz, klopfen Rollrasen fest und schieben voll beladene Schubkarren durch anstrengend tiefen Boden. Die Blumenzwiebeln liegen schon. 225.000. Darüber ist der Rasen grüner, ist gedüngt. Stauden? 22000.

Die Stadt ohne Bahnanschluss wird einen Bahnhof bekommen

„Wir freuen uns sehr“, sagt Bürgermeister Christoph Landscheidt (SPD). Denn in zehn, zwölf Jahren hat Kamp-Lintfort einen staunenswerten Wandel hingelegt. Damals war das Städtchen am Boden zerstört, verlor in wenigen Jahren tausende Arbeitsplätze durch die Schließung des Handy-Werkes von BenQ, vormals Siemens, und durch die Schließung der Zeche. Es war die Zeit, als Reporter der renommierten „Neuen Zürcher Zeitung“ in dieses 40000-Einwohner-Nestchen reisten und Geschichten schrieben namens „Eine Stadt kämpft gegen den Absturz“.

Das hat wohl geklappt. Heute liegt hier ein Teil der „Hochschule-Rhein-Waal“, Studenten sind in der Stadt, ihretwegen entstand nach 38 Jahren sogar wieder ein Kino; die Stadt ohne Bahnanschluss wird einen Bahnhof bekommen, mit Zügen, und auch die Landesgartenschau soll dem Wandel dienen. Als Kamp-Lintfort Ende 2015 den Zuschlag bekam, haben sie hier die Glocken geläutet. So.

„Für die Leute ist es wichtig, dass sie einen schönen Tag haben, einen tollen Sommer“

Die Stichworte dieser Landesgartenschau sind schnell erzählt. Auf dem alten Zechengelände und einem zweiten am Kloster Kamp wird es Schmuck- und Staudenbepflanzungen geben, Blumenhallen, Haus- und Mustergärten, Obstwiesen und alte Gärten. Unter mehr als 800 neuen Bäumen sind etliche Robinien, Flatterulmen und Hopfenbuchen, die im Fall des Falles Hitze aushalten können. Und auch die Sonderausstellungen der Friedhofsgärtner, wissen Fachleute, werden immer wieder gern besucht. Der Branchenspruch dazu lautet: „Jeder hat einen liegen.“

„Für die Leute ist wichtig, dass sie einen schönen Tag haben, einen tollen Sommer. Eine ganze Stadt müsste nicht in Urlaub fahren“, sagt Imma Schmidt, die rührige Pressesprecherin. Ihr fallen auch Sätze ein wie: „Eine Gartenschau ist die schönste Schleife, die man um etwas machen kann.“

Und nach dem erhofften tollen Sommer? Wird ein Teil des Geländes mit 800 Wohnungen bebaut und ein anderer ein offener, modellierter Park sein. Die Menschen aus der „Altsiedlung“, so heißt die Zechensiedlung daneben, haben jahrelang auf die Mauern und Zäune von „Friedrich Heinrich“ geguckt – nicht, dass es sie störte, sie arbeiteten ja da. Doch nun schauen sie ins Grüne, sehen einen Spielplatz, demnächst einen kleinen Tierpark und überhaupt eine andere Welt.

Die denkmalgeschützte Industriekulisse glänzt weiterhin mit Erkern und Giebeln

Wobei, wobei . . . Durch das ganze Grün schimmert das Schwarz der Kohle, und warum denn auch nicht? Die denkmalgeschützte Industriekulisse, jene pseudo-barocken Bauten der Zeche zur Friedrich-Heinrich-Allee hin, glänzt weiterhin mit ihren Erkern, Giebeln und Blendfenstern; die Spazierwege sind um der Kohle willen bedeckt mit Splitt und Schotter. Dann der Förderturm, natürlich. Und sehr viel Ruhrgebiet steckt auch in dem lustigen Geschehnis, dass am Ende der zentralen Sicht- und Promenierachse der Blick – auf eine Kfz-Werkstatt fällt. „Hier ist nichts gelogen“, sagt Imma Schmidt, die Sprecherin.

Auch auf alten Schildern ist das Bergwerk noch präsent. „Besucher bitte beim Pförtner melden.“ „Kran nur bei Stillstand der Förderung betätigen.“ Und direkt am früheren und kommenden Haupteingang: „Unbefugten ist das Betreten und Befahren der Bergwerksanlage verboten.“ Nun, vom 17. April an ist jeder befugt. Glückauf!

Preise und Öffnungszeiten

Die Landesgartenschau 2020 beginnt am 17. April und endet am 11. Oktober. Sie öffnet an allen 178 Tagen von 9 bis 19 Uhr. Die Tageskarte für Erwachsene wird 18,50 Euro kosten. Große Parkplätze für Autos entstehen an der Friedrich-Heinrich-Allee (Navi: Hausnummer 63).

Das gesamte Areal ist 40 Hektar groß, verteilt auf zwei Veranstaltungsorte, zwischen ihnen gibt es einen „Wandelweg“ für Fußgänger und Pendelverkehr mit Bussen. Auf der „Laga 2020“ werden 560.000 Besucher erwartet.

Zentraler Aussichtspunkt wird der 70 Meter hohe Förderturm der ehemaligen Zeche „Friedrich Heinrich“ sein. Oben entsteht eine Aussichtsplattform, auf der immer bis zu 100 Besucher sein können.

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