Shitstorm

Morddrohungen: Wenn Kritik im Internet Grenzen überschreitet

In Sozialen Netzwerken

In Sozialen Netzwerken

Foto: Jens Kalaene/DPA

Essen.   In sozialen Medien schaukeln sich oft Empörungswellen auf. Doch der Tonfall ist zum Teil beleidigend. Zwei Fälle verdeutlichen das Problem.

Am Anfang steht ein Posting. Eine Veröffentlichung im Netz – und Kritik daran. Dann geht es schnell: Der Beitrag wird geteilt und hundertfach kommentiert, der Chor der Kritiker wird lauter. Dieses Phänomen in den Sozialen Netzwerken lässt sich mit einem Wort zusammenfassen – Shitstorm.

„Es wird eine Welle ausgelöst“, sagt Milad Mirbabaie, der an der Universität Duisburg-Essen im Bereich Social Media forscht. Die Kritik ist oft „mit negativen Emotionen behaftet“. Zur Zielscheibe kann jeder werden. „Unternehmen, Personen oder auch Organisationen“, sagt der Experte.

Beleidigungen und Bedrohungen ohne zu zögern

Scheu, Anstand – das fehlt bei der Kritik in Sozialen Netzwerken häufig. Beleidigungen und Bedrohungen werden ohne zu zögern ausgesprochen. „Beleidigungen sind durch Soziale Medien sichtbarer geworden“, sagt Mirbabaie.

Die Reichweite von Meinungsäußerungen sei gestiegen. Plötzlich ist es nicht mehr nur der Stammtisch, sondern etwa 10.000 Menschen in einer Facebook-Gruppe, vor denen man seine Meinung kundtut. Und das oft unverblümt.

Die eigenen vier Wände geben Sicherheit

„Menschen haben das Gefühl, sie sind vor dem Bildschirm in Sicherheit“, sagt Mirbabaie. Deshalb sei die Hemmschwelle einiger User niedriger. „Sie haben vereinzelt das Gefühl, sich verstecken zu können.“

Wie hoch der Wahrheitsgehalt einer Behauptung ist, an der die Welle der Empörung ausbricht, ist nicht immer überprüfbar. Eine Verifikation der Nachrichten entfalle oft. „Falsche Informationen und Gerüchte werden bewusst oder unbewusst verbreitet.“ Einmal in der Welt, verselbstständigt sich die Sache - und steigert sich ins Maßlose, weil es um Themen mit hoher gesellschaftlicher Relevanz geht: Zwei aktuelle Fälle verdeutlichen das Dilemma:

Fall 1: Morddrohungen gegen Zoo wegen Affenhaltung

Der Fall des Bonobo-Äffchen „Bili“ erhitzt gerade auf Facebook die Gemüter: Tierfreunde fordern die Verlegung des Affens, der von seinen Artgenossen attackiert wird. Der Wuppertaler Zoo hält daran fest, Bili in die Gruppe der Artgenossen integrieren zu wollen.

Im Internet löste vor allem ein Video der Attacken eine Welle der Empörung aus. Der Beitrag wurde tausendfach geteilt und kommentiert. Nach Sichtung des Videos, ist es für den Social-Media-Experten offensichtlich, warum dieser Fall online stark diskutiert wird: „Menschen sind emotional betroffen.“ Sie „fühlen mit dem Affen.“

Tierfreunde wollen Sichtbarkeit im Netz

Die Online-Community lässt keinen Moment aus, um auf den Fall aufmerksam zu machen. Am 31. Januar teilt der Zoo auf der Facebook-Seite mit, dass an diesem Tag der Zoo aufgrund der Schneemassen geschlossen bleibt.

Alle 39 Kommentare unter diesem Posting drehen sich jedoch um den Affen Bili. Die Kritiker „wollen Sichtbarkeit für die Rettungsaktion. Sie wollen gehört werden“, sagt Milad Mirbabaie.

Morddrohungen für Verantwortliche des Zoos

Doch die Kritik überschreitet in diesem Fall auch Grenzen. Ist im Tonfall bisweilen beleidigend – ja sogar bedrohend. Man müsse die Verantwortlichen „aufhängen und erschießen“, schreiben Nutzer auf Facebook. „ Es kommt zu einer Enthemmung in den Sozialen Medien“, kommentiert Andreas Haeser-Kalthoff, Sprecher des Zoos Wuppertal.

Kritik erreichte den Zoo auch aus dem Ausland. „Von Menschen, die unseren Zoo noch nie besucht haben“, sagt der Zoo-Sprecher. Es urteilen Personen, die sich bisher kein Bild vor Ort gemacht hätten. „Niemand derjenigen, die Kritik äußern, scheinen im entferntesten eine Ahnung zu haben, wie Bonobos sich verhalten“, sagt Haeser-Kalthoff.

Lösungen seien nicht realistisch

Gerade die Forderung vieler Tierschützer, Bonobo Bili solle in eine Tierauffangstation für misshandelte Affen in Wales – und das, obwohl keine anderen Bonobos dort leben – stößt bei den Verantwortlichen des Zoos auf Unverständnis. „Einzelhaft ist das schlimmste, was einem Bonobo passieren könnte.“ Da Bonobos in einem komplexen Sozialsystem leben, sei der Kontakt zu Artgenossen wichtig.

„Die Kritik ist unreflektiert“, sagt der Zoo-Sprecher. Mehr als 1200 Kommentare hat der letzte Beitrag des Zoos auf der eigenen Facebook-Seite hervorgerufen. So schreibt etwa ein User: „Euch sollte man auch zwingen, mit Leuten zusammen zu leben, die euch jeden Tag auf die Fresse hauen.“ 53 Mal wurde dieser Beitrag mit „Gefällt mir“ markiert. Warum die Kritik den Ton häufig verfehlt? „Es ist die Anonymität“, sagt Milad Mirbabaie. Menschen versteckten sich etwa hinter Pseudonymen.

Gesellschaftliche Debatten fördern Diskussionen im Netz

Bei Shitstorms gehe es oft um Themen, „die in der Gesellschaft zur Debatte stehen“, sagt Milad Mirbabaie. Der Diskurs über Flüchtlinge etwa. Eine Sexismusdebatte. Oder – wie in diesem Fall – die grundlegende ethische Frage, ob Tiere in Gefangenschaft leben sollten. „Das Konstrukt Zoo – ist das in unserer Gesellschaft überhaupt noch zeitgemäß?“, fragt Milad Mirbabaie. Der Fall des Bonobos Bili sei dann wie „Zündstoff“ für die Online-Community.

Fall 2: Shitstorm gegen Grundschule

Ein Umweltprojekt löste in Düsseldorf in der vergangenen Woche einen Shitstorm aus. Am „Warmer-Pulli-Tag“ sollten Kinder lernen, wie Energiesparen geht. Deshalb sollten an einem Tag die Heizungen in den Klassenzimmern ausgeschaltet werden. Die Kinder sollten sich deshalb dick anziehen: Schal, Mütze, dicke Jacken – alles war erlaubt.

Mit einem Brief wandte sich die Schule an die Eltern. Dieser Brief wurde von einer Mutter in der Facebook-Gruppe „Nett-Werk Düsseldorf“ mit 86.000 Mitgliedern hochgeladen, um ihn zur Diskussion zu stellen. Daraufhin brach eine Welle der Empörung los. Ungebremst.

Hass-Mails, Drohanrufe und eine Postkarte

Hunderte negative Kommentare richteten sich gegen die Schule. „Es hagelte böse E-Mails und Anrufe. Der Ton war rau“, sagt Dorina Joch, Lehrerin der Martin-Luther-Grundschule in Düsseldorf.

Die Rektorin Linda Hennemann sei in E-Mails übel beschimpft worden. „Dich sollte man umbringen“, habe in einer dieser Nachrichten gestanden, sagt Lehrerin Dorina Joch. Am Freitag erreichte die Schule eine Postkarte. Auf dieser wurde die „linksgrüne Gehirnwäsche schon im Grundschulalter“ kritisiert.

Vorschnelle Urteile im Netz

Der Fall zeigt deutlich, was passiert, wenn Diskussionen ohne Hintergrundwissen geführt werden. Von Massen in der virtuellen Welt. „Es urteilten Menschen, die sich nicht mit dem Projekt auskennen“, sagt Dorina Joch.

Denn die Aktion ist Teil eines Energieprojektes mit der Stadt Düsseldorf sowie dem Umweltamt. „In keinem Raum sind die Temperaturen an diesem Tag unter 19 Grad gefallen“, teilt die Lehrerin mit. Zwei Grad unter der Normaltemperatur. Eine „Kindeswohlgefährdung“ wie sie in den sozialen Medien kritisiert wurde, besteht da nicht.

Schule für Umweltprojekte bekannt

Die Düsseldorfer Schule mit 190 Schülern ist für ihre Umweltprojekte bekannt. Im Sachkundeunterricht werden Nachhaltigkeit und Umweltschutz regelmäßig thematisiert. So haben die Schüler etwa einen Energiedienst in den Klassen gewählt. Dieser achtet beim Verlassen des Raumes auf das Ausschalten des Lichtes. In allen Klassen wird der Müll getrennt.

„Zu jedem Zeitpunkt hatten wir starke Rückendeckung der Elternschaft“, sagt Dorina Joch und ergänzt: „Die Eltern wissen, wie sehr uns die Kinder am Herzen liegen.“ Beschwerden der Eltern? Fehlanzeige.

Dafür war die Kritik von Außenstehenden in der virtuellen Welt umso größer. Aus der Ferne – getippt in die Tastatur, zum Teil anonym – attestierten Kritiker der Schule Inkompetenz. Hundertfach über Kommentare bei Facebook und per Drohanrufe und Hass-Mails.

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