Geheimbund

„Mein Vater war ein Terrorist“ - Duisburger Historiker sagt aus

Das Familienfoto zeigt Andreas Kramer mit Schwester und Vater. Der soll damals für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet haben.Foto:Knut Vahlensieck

Das Familienfoto zeigt Andreas Kramer mit Schwester und Vater. Der soll damals für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet haben.Foto:Knut Vahlensieck

Foto: Knut Vahlensieck / WAZ Fotopool

Duisburg.  Der Duisburger Historiker Andreas Kramer behauptet, sein Vater habe für den Geheimbund Gladio das Oktoberfest-Attentat von 1980 geplant. In einem Luxemburger Terrorprozess sagte er unter Eid aus, Johannes Kramer sei ein eiskalter Killer gewesen. Nun prüft auch die Bundesregierung die Vorwürfe.

Von seinem Vater, Johannes Kramer, trägt er dieses eine Foto bei sich. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, die in den späten 60er-Jahren aufgenommen worden sein muss. Sie zeigt einen stattlichen Offizier in Bundeswehr-Uniform neben zwei kleinen Kindern. Eines von ihnen ist Andreas, damals vielleicht sechs Jahre alt. Mehr als vierzig Jahre später sagt dieser über seinen Vater: „Er war ein eiskalter Killer!“

Und genau das erklärte der 49-jährige Historiker aus Duisburg kürzlich auch vor einem Luxemburger Gericht. Unter Eid. Sein Vater Johannes Kramer, ein Hauptmann der Bundeswehr, habe parallel für den Bundesnachrichtendienst und Gladio gearbeitet, eine paramilitärische Geheimorganisation der Nato; er sei an mehreren Anschlägen in Europa beteiligt gewesen. In Luxemburg stehen zurzeit zwei frühere Polizisten vor Gericht, die sich für insgesamt 18 Anschläge auf öffentliche Einrichtungen des Landes in den Jahren 1984 bis 1986 verantworten müssen.

Das Attentat auf das Münchner Oktoberfest im Jahr 1980, es brachte unendliches Leid. 13 Menschen starben, über 200 wurden verletzt, manche überlebten schwerstbehindert. Als Einzeltäter wurde der Student Gundolf Köhler ermittelt, der bei dem Anschlag selbst ums Leben kam. Köhler stand der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann nahe. Hinweise auf weitere Täter gab es einige, sie galten den Ermittlern jedoch nicht als belastbar. Immer wieder forderten Kritiker, unter anderem die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD), die Wiederaufnahme der Ermittlungen. Zu viel war ungeklärt geblieben.

Der Vater soll mit dem Attentäter die Bombe gebaut haben

„Mein Vater hat den Attentäter Gundolf Köhler angeworben und ist auch mehrmals bei ihm zu Hause in Donaueschingen gewesen, um die Bombe zu bauen. Das Material dafür stammte von der Nato im holländischen Den Helder“, erzählt Andreas Kramer. Es sei Ziel der Geheimorganisation Gladio gewesen, die Bevölkerung durch solche Anschläge zu verunsichern, den Ruf nach einem starken Staat zu befördern und damit rechte Regierungen. So auch im Herbst 1980, als CSU-Chef Franz Josef Strauß bei der Bundestagswahl gegen Kanzler Helmut Schmidt (SPD) antrat.

Er, Andreas Kramer, sei eingeweiht gewesen und habe damals begriffen, dass „mein Vater ein Mörder ist“. Der habe ihn, den damals 16-Jährigen, wohl ins Vertrauen gezogen, weil er ihn als Operationsleiter aufbauen wollte. Kramer: „Ich hatte aber kein Interesse, in diesem Mörderklub mitzumachen.“ Er wisse aus dieser Zeit auch, dass sein Vater über die Bundeswehr große Mengen an Waffen und Sprengstoff besorgt habe, die in geheimen Lagern versteckt wurden. Die Frage, warum er erst jetzt an die Öffentlichkeit gehe, warum er nie zur Polizei gegangen sei, beantwortet er zum einen mit Angst vor seinem Vater, der ihm gedroht habe, ihn umzubringen, zum anderen mit mangelndem Vertrauen zu den deutschen Behörden. Er setze da mehr auf die jetzt ermittelnde Luxemburger Justiz. Zudem sei sein Vater im November gestorben.

Das sind dubiose Vorwürfe, Belege bringt Kramer nicht. Auch nicht vor dem Luxemburger Gericht. „Man weiß nicht, ob er das alles aus Büchern kennt oder von seinem Vater“, sagt Gaston Vogel, Verteidiger eines der Luxemburger Angeklagten. Im Prozess sei Kramer nicht als sehr glaubwürdig eingeschätzt worden, man wolle seine Aussage dennoch überprüfen. „Kramer hat aber eine Fährte gelegt, die wir kannten. Vielleicht wird man jetzt in Deutschland wach, was Gladio angeht. Und das wäre gut“, erklärt Vogel.

Einer, der von sich sagt, er sei „schon seit Jahren, ja Jahrzehnten hinter Gladio her“, ist der Grünen-Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele. Abermals stellte er nun eine Kleine Anfrage im Bundestag: Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus der Aussage von Andreas Kramer, einem ehemaligen Historiker des Deutschen Bundestages, dass sein Vater Operationen einer „Gladio-/Stay Behind-Truppe geleitet hat?

Ronald Pofalla lässt prüfen

Der Chef des Bundeskanzleramts, Ronald Pofalla, antwortete prompt, es hätten sich keine Hinweise ergeben, die die Behauptungen bestätigen könnten: „Ungeachtet dessen hat die Bundesregierung eine weitere Prüfung der Vorwürfe veranlasst.“

Ströbele kritisiert, dass es zum Wies’n-Attentat schon früher Hinweise von italienischen Zeugen auf Gladio gegeben habe, denen nie nachgegangen wurde. „Ich glaube, da muss noch mal ein engagierter Staatsanwalt ran!“

Das forderte zuletzt auch der Münchner Stadtrat. Im November 2011 war das, als der rechtsterroristische NSU und deren Morde gerade enttarnt worden war. Andreas Kramer sagt: „Gladio ist bis heute noch aktiv, arbeitet häufig und gern mit rechtsradikalen Kreisen zusammen.“ Beim Generalbundesanwalt indes verweist man nüchtern darauf, man gehe immer wieder neuen Hinweisen zum Oktoberfest-Attentat nach. Es habe jedoch bislang keinen Anlass zur Wiederaufnahme der Ermittlungen gegeben.

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