Skandal

Medikamente gepanscht? Ein Krebspatient aus Bottrop klagt an

Wütend, fassungslos, ohnmächtig: Hartmut Lehmann aus Bottrop.

Wütend, fassungslos, ohnmächtig: Hartmut Lehmann aus Bottrop.

Foto: Fabian Strauch

Bottrop.  Der Bottroper Familienvater Hartmut Lehmann bekam Krebsmedikamente vom Apotheker, der sie gestreckt haben soll. Hat er eineinhalb Jahre verloren?

Wie viel sind eineinhalb Jahre? Eineinhalb Jahre für einen Menschen, der weiß, dass er Krebs hat. Der Medikamente bekommt, um ihn zurückzudrängen, kleinzukriegen. Der aufhört zu arbeiten, damit er Zeit und Kraft hat für die Therapie. Der hofft auf ein längeres Leben. Und der nach eineinhalb Jahren erfährt, dass es womöglich umsonst war.

Hartmut Lehmann, 64, bekam seine Chemo von jenem Bottroper Apotheker, der beschuldigt wird, Medizin verkauft zu haben, die kaum oder gar nicht wirkte. „Eineinhalb Jahre fehlen schon mal“, sagt Lehmann. „Vielleicht wäre sonst alles ganz anders gewesen.“

Es war ein Tag Ende Juni 2015, und es war schon „zu spät“: Der Vater von drei Kindern und Großvater von fünf Enkeln ging zum Arzt, weil er Schmerzen beim Sitzen hatte. Über 60 war er und noch nie bei der Vorsorge gewesen. Es dauerte etwas, bis er die Diagnose begriff: Tumor im Darm, die Leber voller Metastasen, inoperabel, unheilbar. Es ging um „Lebenszeitverlängerung“, von Anfang an.

„Die eineinhalb Jahre sind wohl für die Katz’“

Hartmut Lehmann hat die Krankheit „frühzeitig sortiert“, zwei Ordner füllt sie inzwischen, „fast so viel Arbeit wie früher“ als Ingenieur. Er ist „Bahner“ gewesen, bei der Bogestra und für Siemens in der ganzen Welt. Die Ordner sind jetzt ein Vorteil: Er kann belegen, wann er welches Medikament aus der Apotheke bekam. Sie stehen alle auf der Liste der Staatsanwaltschaft: 5-Fluorouracil, Bevacizumab, Folinsäure, Irinotecan, Oxaliplatin. Er sagt, er durfte sie „genießen, zweifelhafterweise“.

Er kann ja nicht beweisen, dass sie wirkungslos waren. „Aber ich muss annehmen, dass sie gepanscht waren.“ Im November 2016, ungefähr zeitgleich mit der Festnahme des Apothekers, zog sein Onkologe die Reißleine: „Wir müssen handeln.“ Die Tumormarker waren alarmierend hoch, alle paar Monate hatten die Ärzte kontrolliert, „und immer war nur eine Verschlechterung festzustellen“. Nicht mal eine Stagnation, „was ja schon ein Erfolg ist“. Lehmann sagt, „jetzt wissen wir, warum“.

Aber wirklich wird er es nie wissen. Möglich, dass die Chemo einfach nicht gewirkt hat bei ihm. Möglich, dass sie keine war. Der 64-Jährige hatte kaum Nebenwirkungen, eine aber kostete ihn fast das Leben: eine Lungenembolie. „Ein bisschen was muss also drin gewesen sein.“ Er hat seinen Arzt von der Schweigepflicht entbunden, er hat gefragt: „Was ist hier los?“, aber der Arzt wusste es auch nicht. „Die eineinhalb Jahre“, hat Lehmann gesagt, „sind wohl für die Katz’“. Der Doktor erwiderte: „Aber Sie haben sie überlebt.“

Die Wut kostet Kraft

Hartmut Lehmann ist jetzt Rentner, er hätte Zeit für die Enkel, deren Bilder er stolz zeigt. Für sein Hobby, die Fotografie. Für den Campingplatz in Holland. Aber er ist dauernd im Krankenhaus oder in der Praxis, gleich gegenüber der Apotheke, er hat 20 Kilo abgenommen, das volle Gesicht ist schmal geworden. Die Wut kostet ihn zusätzliche Kraft. „Wieso wird eine Apotheke, die für Tausende lebenswichtige Medikamente herstellt, so selten kontrolliert? Jede Pommesbude wird häufiger überprüft!“

Ohnmächtig fühlt sich Lehmann, „fassungslos“ ist er, „Wahnsinn!“, sagt er immer wieder. Er versteht nicht, „was in so einem Menschen vorgeht“. Und er will sie alle auf der Anklagebank: die nicht genug kontrollierten, die zusahen. „Wegen unterlassener Hilfeleistung“ und „damit so was nicht noch mal vorkommt“. Auch wenn er jetzt klagen wird vor Gericht; es gibt keine Genugtuung für ihn, keine neue Lebensqualität, keine Lebenszeit, „das geht alles nicht“. Aber Hartmut Lehmann möchte „wachrütteln“ und eine „gerechte Strafe“ für den Beschuldigten. Er nennt ihn „den werten Herrn“.

In der Ecke Sitzen und Heulen bringt nichts

Der 64-Jährige hat in Essen eine Lebertherapie bekommen, sechs Eingriffe, danach Bestrahlung, nun Chemo mit Tabletten. Sie

soll den Tumor zerstören, doch sie macht auch das Blut kaputt, er braucht Transfusionen. „Die Waffen werden weniger“, sagt Lehmann. Zwei Möglichkeiten noch, haben die Ärzte gesagt. Und neuerdings schmerzt die Schulter, schlimmer noch das Bein. Sie suchen jetzt im Knochen nach der Ursache.

Trotzdem hält Lehmann sich gerade, den Kopf oben. „Ich könnte kleine Bäume ausreißen“ – jedenfalls im Sitzen. Er lächelt. Er lächelt viel, er ist ein Kämpfertyp. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt er oder: „In der Ecke sitzen und heulen bringt nichts.“ Er findet, man „muss sachlich bleiben“. Zu sachlich für seine Frau, das weiß er. „Für die Familie ist es schlimmer.“ Vielleicht tut er aber auch nur so. „Im Innern wühlt es einen doch auf.“

Hätte, wäre, könnte. . .

Hartmut Lehmann schaut zur Seite. „Es sind immer noch eineinhalb Jahre, die fehlen.“

INFO: Fast 62 000 Fälle sind angeklagt

Der Bottroper Apotheker Peter S. sitzt seit Ende 2016 in Untersuchungshaft. Er soll über Jahre teure Krebsmedikamente gestreckt haben. Die Staatsanwaltschaft Essen hat Anklage erhoben: Sie wirft dem 47-Jährigen vor, in 61 980 Fällen gegen Vorschriften verstoßen und allein die gesetzlichen Krankenkassen um 56 Millionen Euro geprellt zu haben.

Der Apotheker soll so wenig Wirkstoff verwendet haben, dass Infusionen kaum oder gar keine Wirkung hatten. Nach Angaben der Ermittler prüften sie mindestens einen Infusionsbeutel, in dem gar kein Wirkstoff enthalten war. Zudem soll der Pharmazeut unhygienisch gearbeitet haben.

Jeden Fall werten die Ankläger als besonders schweren Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz, klagen gewerbsmäßigen Betrug und versuchte Körperverletzung an.

Tausende Krebspatienten sind vermutlich betroffen: Manche sind bereits verstorben, andere fürchten, die schlechten Präparate könnten ihr Leiden verstärkt, ihre Lebenszeit verkürzt haben. Viele Patienten oder Hinterbliebene haben Anzeige erstattet, andere wollen auf zivilem Wege klagen. Hartmut Lehmann wird dabei vertreten von der Patienten-Anwältin Sabrina Diehl aus Marl. Die Juristin, die bislang die Mandantschaft für rund 20 Betroffene übernommen hat, wirft Peter S. vor, „aus Geldgier mit dem Leben von Menschen gespielt“ zu haben.

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