Gericht

Loveparade-Prozess: Das lange Warten auf Gerechtigkeit

Gestern startete der Loveparade-Prozess auf dem Gelände der Messe in Düsseldorf. Das Landgericht Duisburg hat auf dem Gelände einen Saal im Kongresszentrum gemietet. Bis Ende 2018 sind zunächst 111 Verhandlungstage eingeplant.

Gestern startete der Loveparade-Prozess auf dem Gelände der Messe in Düsseldorf. Das Landgericht Duisburg hat auf dem Gelände einen Saal im Kongresszentrum gemietet. Bis Ende 2018 sind zunächst 111 Verhandlungstage eingeplant.

Foto: Lars Heidrich

Düsseldorf.   Schon bis zur Verlesung der Anklageschrift vergehen am ersten Prozesstag über fünf Stunden. Die Anwälte stellen Antrag über Antrag.

Es war Warten, sieben Jahre lang. Sieben Jahre, vier Monate, zwei Wochen vom Tag der Loveparade bis zum Prozess. Und es bleibt Warten. Morgens in der Schlange vor den Sicherheitsschleusen. Eine Dreiviertelstunde, bis die Verhandlung von 9.30 Uhr um 10.16 Uhr endlich beginnt. Und dann – auf die Anklage.

Es wird fünfeinhalb Stunden dauern, bis Oberstaatsanwalt Uwe Mühlhoff aufstehen darf, um sie vorzulesen.

So sehnlich und sogleich voller Furcht war dieser Tag erwartet worden. Bei vielen war die Furcht am Ende zu groß: Viele Nebenkläger sind nicht erschienen, Eltern eines getöteten Mädchens aus Gelsenkirchen haben ihre Klage auf den letzten Metern noch zurückgezogen. „Emotionale Gründe”, heißt es. Die Erinnerung wird vielen zu viel. Ihre Plätze bleiben ebenso leer wie die meisten im Zuschauerraum. 200 Stühle stehen hier, allenfalls 45 sind besetzt. Das zu erwartende Gedränge, die Angst vor den eigenen Gefühlen hielt manchen fern. In einer der hinteren Reihen weint eine junge Frau unablässig, nach der Mittagspause wird auch sie nicht zurückkehren.

Ein Familientreffen – nur ohne Kinder

Viele Hinterbliebene sind nur gekommen, weil dies auch ein Familientreffen ist – nur ohne ihre Kinder. Die Eltern Zapater sind aus Spanien angereist, mit einem bunten Button mit dem lachenden Gesicht ihrer Tochter Clara an der Brust. Mutter und Schwester der Italienerin Giulia sind da, die van Helsdingens aus den Niederlanden, die ihren Sohn Jan-Willem verloren. Manfred Reißaus, Vater von Svenja aus Castrop-Rauxel, sitzt aufrecht in den langen Reihen der Nebenkläger-Bänke, Christians Mutter Gabi Müller, Edith Jakubassa, Mutter des Duisburger Opfers Marina. Sie umarmen sich, es wird gelacht. Später sitzen sie reglos, als der Ankläger die Namen ihrer toten Lieben vorträgt. „Eigentlich bin ich nur da”, sagt eine Mutter, „weil alle anderen auch da sind. Zu wissen, es geht hier los, und ich hocke zuhause, das hätte ich auch nicht ausgehalten.” Wenn sie aber erst beginnen in diesem Prozess, „die Bilder” zu zeigen, „dann komme ich auch nicht mehr”.

Das wird indes noch dauern.

Antrag folgt auf Antrag

Denn es kommt, wie viele befürchtet hatten: Antrag folgt auf Antrag, Beanstandung auf Beanstandung, alle aus den sechs Reihen der Angeklagten, die im Saal rechts sitzen. Ein schwarzer Block aus 30 Roben der Verteidiger und zehn allesamt dunkel gekleideten Angeklagten. Der ehemalige Duisburger Baudezernent Jürgen D. (70) ist der Einzige, der mit verschränkten Armen stehenbleibt, als die Fotografen nahen. Alle anderen wenden sich ab, lassen sich von ihren Anwälten schützend in die Mitte nehmen. Ganz hinten macht sich Kersten S. der damalige Loveparade-Gesamtleiter (46) in seiner Ecke ganz klein. Schmal geworden ist er, versteckt sich unter einer Kappe, hinter einer dicken Brille und dem einzigen Farbklecks: einem grünen Aktendeckel.

Sprechen wird am Freitag keiner von ihnen, das übernehmen ihre Anwälte. Beantragen, schließen sich an, pflichten bei, liefern sich Scharmützel mit den Kollegen von der Nebenklage auf der anderen Saalseite. „Rechtsmissbrauch” wird da vorgeworfen und dem Senat des Oberlandesgerichts „Pflichtvergessenheit”. Die Anklageschrift finden sie „falsch”, wollen ihr Verlesen verhindern. Die Ergänzungsschöffen halten sie für befangen, weil zwei der Herren Töchter haben, die bei der Loveparade waren, wenn auch, bevor es dort eng wurde. Die Besetzung des Gerichts nennen sie „ungesetzlich”. Und Zeugen vermuten sie im Saal, die sie benannt wissen wollen, obwohl die noch gar nicht als Zeugen geladen sind.

Kurz vor vier Uhr am Nachmittag

Immer wieder versucht der Vorsitzende Richter Mario Plein zu beschwichtigen, zu schlichten. „Ihren Schlagabtausch hatten Sie ja jetzt”, sagt er einmal, seine angespannte Miene wird auf drei riesigen Leinwänden vielfach vergrößert.

Ein Raunen geht durch den Saal, als Oberstaatsanwalt Mühlhoff doch noch aufsteht, es ist kurz vor vier Uhr am Nachmittag. Es gab Leute, die rechneten mit der Anklage nicht einmal mehr in diesem Jahr. „Wir haben sieben Jahre gewartet”, hat Nebenklage-Vertreter Khubaib-Ali Mohammed mittags noch gesagt. „Da kommt es auf eine halbe Stunde jetzt nicht mehr an.” Da kannte er die neuen Anträge noch nicht, über die nun frühestens in der nächsten Woche entschieden wird.

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