Medizin

Kliniken tauschen Patientendaten einfacher aus mit Falko

Gerade in der Notaufnahme ist es wichtig, dass die Patientendaten schnell vorliegen.

Gerade in der Notaufnahme ist es wichtig, dass die Patientendaten schnell vorliegen.

Foto: Lars Heidrich

Bochum.   Im Notfall müssen Patientendaten schnell vom einen Krankenhaus zum anderen gelangen. Das Bochumer System „Falko“ soll das vereinfachen.

Ein Autounfall, Knochenbrüche, Organschäden, Notoperation. Doch rasch steht fest: Der Patient muss in eine Spezialklinik verlegt werden, ins Bochumer Bergmannsheil. Zusammen mit den Bildern des Computertomographen, mit allen Messdaten und Befunden aus der Notaufnahme, die schon vorliegen. Mit allen Medikationsplänen, Arztbriefen, Vorbefunden, die das erste behandelnde Krankenhaus schon gesammelt hat. All diese Informationen sind lebenswichtig. Die Preisfrage: Wie kriegt man sie sicher und am schnellsten von A nach B? In Bochum und an weiteren Standorten haben Krankenhäuser, Unis und Informatiker nun eine Lösung für dieses Problem entwickelt. Sie hört auf den Namen „Falko“.

Bisher brennen Krankenhäuser DVDs und schicken sie per Kurier – die Datenmengen sind einfach sehr groß. Umschläge, Papier, Drucker, Scanner – auch das Fax und das Telefon sind noch nicht ausgestorben. Im modernsten Fall nutzen Kliniken geschützte VPN-Verbindungen (Virtuelles Privates Netzwerk), um den direkten Draht zu anderen Krankenhäusern, Ärzten oder Reha-Einrichtungen herzustellen. Aber auch das ist nicht ohne Tücke: Empfänger und Absender verwenden selten die gleichen Programme, Dateien können manchmal nicht ohne weiteres gelesen werden. „Und pflegen Sie mal 120 VPN-Tunnel“, sagt Leif Grundmann. Er leitet das Netzwerk „MedEcon“, das über 150 Unternehmen und Einrichtungen der Gesundheitswirtschaft im Ruhrgebiet verbindet – und nun federführend „Falko“ entwickelt hat.

Der direkte Draht statt eine Cloud-Lösung

Über das Portal kann ein Krankenhaus die verschiedensten Daten hochladen, auf einem Server werden sie zu einer digitalen Krankenakte zusammengefügt und kompatibel gemacht, der Empfänger bekommt die lebensrettenden Behandlungsdokumente fast sofort in den Formaten, die er braucht. Und sie fließen sofort in seine Systeme ein. Falko steht dabei für „Falldatenkommunikation“, was bereits das Ziel andeutet: „Die Daten sollen nicht lange gespeichert, sondern möglichst direkt weitergeleitet werden“, erklärt Grundmann – was Datenschutzbedenken entgegen kommt. Nur einen Puffer und eine Verarbeitung braucht man eben.

„MedEcon“ betreibt bereits ein funktionierendes Vorbild: 2010 haben die Radiologen begonnen, ein System zu entwickeln, mit dem sie ihre großen Bilddaten effektiv und plattformunabhängig austauschen können. Mittlerweile macht fast das gesamte Ruhrgebiet mit beim „Westdeutschen Teleradiologieverbund“ und das System dehnt sich bundesweit aus. Die stark technikbasierte Radiologie gibt in der Medizin den Takt der Digitalisierung vor. Falko erweitert dieses Erfolgsmodell nun für alle anderen Disziplinen – insbesondere für Notfälle und Konsile, wenn also Ärzte zur Beratung hinzugezogen werden.

Anbieter von elektronischen Patientenakten sind dabei

Vier Krankenhäuser des Universitätsklinikums Bochum und die Uni Münster haben Fallszenarien erarbeitet und mit Informatikern umgesetzt. Dabei sind auch zwei Anbieter von elektronischen Patientenakten – das Rechenzentrum Volmarstein und die Health Care IT Solutions aus Aachen – die mit Falko ebenfalls kompatibel gemacht werden. Theoretisch bräuchte man Falko gar nicht, wenn morgen alle Patienten eine elektronische Patientenakte hätten. Doch Grundmann glaubt, dass das „auf die nächsten zehn Jahre“ sicher nicht der Fall sein wird.

Einzelne Häuser wie das Uniklinikum Essen haben bereits Insellösungen für die digitale Akte eingeführt, die sicherstellen soll, dass Informationen komplett und schnell vorliegen, wo sie gebraucht werden. Doch erst ab 2021 sind Krankenkassen verpflichtet, ihren Versicherten eine Akte anzubieten. Die Teilnahme wird zunächst freiwillig sein – Krankenhäuser müssen also weiterhin direkt kommunizieren. Falko ist eine Übergangslösung, aber sie wird wohl noch sehr lange gebraucht werden.

Die Projektentwicklung von Falko ist nun nach drei Jahren abgeschlossen, aber „serienreif“ ist es noch nicht. „Einige Verlegungen sind schon mit Falko gemacht worden“, sagt Grundmann, aber „MedEcon“ prüft derzeit mit den Partnern, ob alle Verlegungsszenarien abgedeckt sind und will das System dann zunächst an der Ruhr anbieten. Es wird wohl Schritt für Schritt weiterentwickelt. Angedacht ist etwa ein „Virtueller Fallassistent“: Die Software soll zum Beispiel bei einer Verlegung in eine Reha-Einrichtung Empfehlungen geben zu Therapien, Medikation oder Folgeterminen. Auch an den Rettungswagen soll Falko angeschlossen werden. Das Protokoll des Notarztes steht dann in Echtzeit, also schon während der Anfahrt der Ambulanz zur Verfügung.

>> Info: Ein neuer Standard

Bei der Entwicklung von Falko setzten die Partner auf vorhandene Standards. Die Herausforderung lag darin, diese untereinander kompatibel zu machen. Wie das System mit den Daten umgeht und sie übermittelt wurde als Weiterentwicklung in die internationalen Fachgremien für medizinische Kommunikation eingebracht und als neuer Standard bestätigt.

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