Jugendschutz

Kindesmissbrauch: So könnten mehr Fälle verhindert werden

Dem Angeklagten Dirk P. wird in Dortmund Kindesmissbrauch vorgeworfen.

Dem Angeklagten Dirk P. wird in Dortmund Kindesmissbrauch vorgeworfen.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Mülheim/Ruhrgebiet.  Missbrauchsfälle überall, doch der Kinderschutzbund in Mülheim muss schließen. Mehr Geld für Beratung und Jugendämter genügt aber nicht ...

Lügde, Bergisch Gladbach, Viersen, Münster, Mönchengladbach – die Bevölkerung solle beim Thema Kindesmissbrauch und -misshandlung genauer hinschauen, wird dieser Tage gefordert. Doch zugleich „sind landesweit viele spezialisierte Beratungsstellen unterfinanziert“, kritisiert Krista Körbes, Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes NRW. Der krasseste Fall: Am Mittwoch musste Körbes mitteilen, dass die Beratungsstelle in Mülheim „gegen Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellen Missbrauch von Kindern“ zum Ende des Monats schließen muss – aus wirtschaftlichen Gründen.

„Missbrauchsfälle wie in Lügde oder aktuell in Münster erschüttern NRW. Und in Mülheim wird sehenden Auges hingenommen, dass die primäre Anlaufstelle für Kinder unter 14 Jahren wegbricht,“ kritisiert Mauno Gerritzen, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Mülheim. Und dass, obwohl auch hier die Fälle von Gewalt gegen Kinder zuletzt zugenommen haben. Obwohl die Lage in einigen Familien Corona-bedingt angespannt ist. Obwohl auch die Beratung von Lehrern und Erziehern in Verdachtsfällen zu den Aufgaben gehörten.

Die Leute spenden woanders, keine Institution fängt das auf

Bereits vor zwei Jahren habe der Kinderschutzbund vor Ort auf die Unterfinanzierung hingewiesen, heißt es. Die Stadt sagt, der Kinderschutzbund habe wegen Personalmangels Leistungen nicht erbracht. Die Stadt habe zwar gezahlt, aber auch zurückgefordert, sagt die Hilfsorganisation. Man sei ja noch in „intensiven Gesprächen“ gewesen, sagt die Stadt. Unterm Strich bleibt: 21.000 Euro von der Stadt und fast 18.000 vom Land genügen nicht mehr.

Über die Hälfte der Mittel musste der Kinderschutzbund zuletzt selber auftreiben über Beiträge und Spenden. Und diese gehen seit Jahren zurück, erklärt Margareta Müller vom Kinderschutzbund NRW – oder vielmehr verteilen sie sich breiter, denn die Zahl der gemeinnützigen Vereine hat sich vervielfacht. „Wir müssen sehr viel Zeit aufwenden, um Spenden zu akquirieren.“

Gleiche Förderung seit Anfang der 90er

Die Landesförderung dagegen ist gleich geblieben – seit Anfang der 90er-Jahre. Die rund 320 geförderten Beratungsstellen bekommen jährlich 20,7 Millionen Euro, wie aus einer Antwort der Landesregierung von Ende 2018 hervorgeht. So erhielt pro Familia Oberhausen 8.400 Euro, das Mädchenzentrum Gelsenkirchen 45.180 Euro, viele Stellen liegen in der Größenordnung Mülheims. Wieviel nun eine Stadt aufstockt, ist unterschiedlich, sagt Müller. Einige zahlen hundert Prozent – das sei keineswegs von der Finanzlage abhängig, sondern von den Personen im Stadtrat.

„Nein, Lügde und Münster sind keine monströsen Einzelfälle“, widerspricht Prof. Kathinka Beckmann. Knapp 16.000 Kinder seien zuletzt Opfer sexueller Gewalt geworden – „Wir haben also etwa 44 Fälle pro Tag in Deutschland. Und das ist nur das Hellfeld.“ 12.000 ermittelte Fälle von Kinderpornografie kommen hinzu.“ Beckmann lehrt an der Hochschule Koblenz Pädagogik und ist als Expertin auf dem Feld des Kinderschutzes mehrfach im Lügde-Ausschuss des Landtages aufgetreten. Vor allem aber hat sie die Lage der Jugendämter untersucht. Diese sind demnach keineswegs gut aufgestellt.

„Belastend ist ganz klar die Fallzahl.“ – „Hohe Krankenstände.“ – „Fluktuation ist ein Thema.“ – „Über 50 Prozent der ganzen Arbeit besteht darin, irgendwelche Sachen zu tippen.“ – „Also man hat hier so viel Verwaltung zu tun und so wenig Sozialarbeit, das ist schon richtig ärgerlich geworden.“ – „Ich hätte gerne einen Drucker, der funktioniert.“

66 Fälle pro Mitarbeiter, fast das Doppelte des Empfohlenen

So klagten Jugendamtsmitarbeiter in einer Umfrage Beckmanns von 2017. Rund 66 Fälle hat jeder auf seinem Schreibtisch. Beckmann fordert, wie auch der Paritätische Wohlfahrtsverband, eine Obergrenze von 35 Fällen pro Mitarbeiter. Anders ausgedrückt: Etwa eine Million Kinder geraten jährlich in Not, dem stehen 15.000 Vollzeitstellen in Jugendämtern gegenüber. Land oder Bund müssten hier die Städte entlasten, fordern Beckmann und der Paritätische.

Zudem gaben die Jugendamtler an, dass sie zwei Drittel ihrer Zeit mit Dokumentation verbringen. Diese diene zu einem Großteil nicht mehr der Falleinschätzung, sondern nur noch der rechtlichen Absicherung, glauben die meisten (82%). Das verschärft den ohnehin krassen Zeitmangel, der vielerorts herrscht. Die gesellschaftliche Anerkennung ist auf dem Tiefpunkt. „Darum gehen viel bereits nach einem Jahr.“ Analog zur Situation in Kitas und Pflegeheimen fehlen Fachkräfte. So überrascht es nicht, dass nur rund 6 Prozent der Jugendamtsmitarbeiter angibt, „bedarfsgerechte Maßnahmen“ anbieten zu können. Mehr als die Hälfte fühlt sich „von der kommunalen Kassenlage eingeschränkt.“

Die Ausbildung passt nicht zu den Anforderungen

Zentral sei auch eine bessere Ausbildung der Jugendamtsmitarbeiter, so Prof. Beckmann. Kinderschutz sei kein Pflichtmodul im Studium der Sozialpädagogik oder Sozialarbeit und werde nur manchmal als Wahlfach angeboten. „Die Mitarbeiter sind in aller Regel keine Profis, was das Erkennen von Alarmsignalen angeht.“ Dies betreffe auch Kitas, Heime, Jugendtreffs. „Die Unis und Hochschulen müssen hier endlich mal ihre Bringschuld leisten“, so Beckmann.

Hinzu komme, dass viele schon nach dem kürzeren Bachelor-Studium in den Job wechseln und dass das Anerkennungsjahr in Jugendämtern weggefallen ist. „Man hätte früher einem Praktikanten im ersten Jahr niemals Entscheidungen zum Kinderschutz überlassen. Heute sei es keine Seltenheit, dass Berufseinsteiger unvorbereitet damit konfrontiert würden. Das führe auch zu hoher Unzufriedenheit und Fluktuation – es macht den Job unattraktiv.

Beratungsstellen und Jugendämter gehören zusammen, müssen sich ergänzen. „Der direkte Gang zum Jugendamt stellt eine Hürde dar“, erklärt Margareta Müller. Oft seien es ja Elternteile oder Verwandte, die befürchten, dass das Amt direkt eingreift. Wenn nun ein niedrigschwelliges Angebot wegfällt wie in Mülheim, suchen sich die Betroffenen nicht unbedingt Alternativen.

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