Kampf um die Ruhrcity

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Berliner Studenten haben ein Spiel für das Ruhrgebiet entwickelt. "Aufruhr" soll Politik vor Ort anschaulich machen. Und tatsächlich: Wer sich darauf einlässt, fühlt sich wie ein Bürgermeister

DAS RUHRGEBIET LÄDT ZUM SPIELEN EIN Berlin. In den Gängen der Universität der Künste hängen Plakate, die den Ausnahmezustand verkünden. "Aufruhr!", schreien die Großbuchstaben. "Der Kampf um die Ruhrcity hat Berlin erreicht!" Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass es um eine seriöse Projektpräsentation geht. Eine Gruppe von Architektur-Studenten aus der Hauptstadt hat ein Brettspiel für das Ruhrgebiet entwickelt. Es empfindet die Mechanismen der Politik ebenso nach wie die Schwierigkeiten, das Revier zu einer Stadt zu einen. Wie im wahren Leben geht es im Spiel um offene Versprechen und versteckte Tricks, das große Geld und kleine Annehmlichkeiten.

Der Prototyp von "Aufruhr - Das Ruhrcity-Spiel" besteht vor allem aus einer großen Landkarte. Die Spieler repräsentieren "Bürgermeister" von Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen oder Recklinghausen (Oberbürgermeister ist im Spiel nur der Führende). Die Währung heißt Kohle. Gelegentlich kommt die EU-Kommission in die Region und verteilt Subventionen. Ziel der Spiel-Bürgermeister ist es, Projekte wie den Bau von Schulen voranzutreiben und die Stadtkasse zu füllen, vor allem aber, möglichst lange "Oberbürgermeister der Ruhrcity" zu bleiben.

Regelmäßig wird gewählt - und zwar durch die Konkurrenten. Also gilt es, sich die Gunst der Mitspieler zu sichern, was die Bestechung zu einem wesentlichen Spielelement macht. Regelmäßig erhalten die Politiker Angebote zu kostenlosen Restaurantbesuchen oder Fernreisen, einem Gratis-Porsche oder Bordellbesuchen. Unentwegt wird gefeilscht und geschachert.

Nach 15 Legislaturperioden wird schließlich abgerechnet, die Siegerstadt zum dauerhaften Regierungssitz der Ruhrcity ausgerufen. Der erste Ruhrcity-Oberbürgermeister des heutigen Tages heißt Lutz Heilmann. Im Spiel ist der 27-jährige Student Stadtoberhaupt von Duisburg. Seine Kommilitonen Anna Feldmann (26), Tibor Bartholomä (24) und Julia Heilmeier (22) spielen als "Bürgermeister" für Bochum, Dortmund oder Essen. OB Heilmann hat zunächst einen eigentümlichen Blick auf den Ruhrpott. Die Region erinnere ihn an die Zusammensetzung eines spanischen Reisgerichts, sagt er. "Das Ruhrgebiet ist ein bisschen wie Paella. Man kennt die Zutaten, weiß aber nicht, wo sie sind."

Im Spielverlauf erhält der Berliner Architektur-Student nicht nur präzise Ortskenntnisse, sondern auch Einblicke in die Nöte eines Stadtoberhaupts. Erkenntnis eins lautet: "Wer nur den eigenen Kirchturm im Auge hat, wird nicht gewinnen." Erkenntnis zwei: "Es ist schwierig, sich keine Feinde zu machen."

Der Prototyp des Strategiespiels "Aufruhr" dürfte auch Personalchefs gefallen, die das gruppendynamische Verhalten ihrer Mitarbeiter besser verstehen möchten. Im Handel ist das Spiel noch nicht erhältlich. "Dazu benötigen wir einen Sponsor", sagt Projektleiterin Turit Fröbe. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität hat schon einmal unter Beweis gestellt, dass sich eine seriöse Fragestellung populär vermitteln lässt. Die Architektin fotografierte vier Jahre lang eklatante Bausünden in Deutschland und entwickelte daraus einen "Abreiß-Kalender". Symbolisch wurde jeden Tag ein hässliches Stück Architektur im Müll entsorgt. "Es ging mir darum, die städtebauliche Realsatire zu zeigen und die Leute zum Sehen zu animieren."

Auch heute schwingt ein pädagogischer Ansatz mit, wenn Turit Fröbe den Sinn des Aufruhr-Spiels erklärt. Wie nebenbei könne selbst ein Laie vergleichsweise schnell Verständnis für komplexe Prozesse der Regionalplanung oder der Kommunalpolitik entwickeln. "Die Spieler befinden sich im permanenten Dilemma", erläutert Fröbe. Niemand gewinnt den Wettkampf um die Macht an der Ruhr ohne Bündnisse, aber zugleich gibt es keinen Sieg ohne Verrat. Es ist ein ständiges Abwägen zwischen Kooperation und Intrige. Wie dabei die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit verwischen können, hat Turit Fröbe nach langen Abenden am Spielbrett zu spüren bekommen: "Ich bin regelmäßig nachts aufgewacht und habe gedacht, ich sei der Bürgermeister von Bochum."

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