Terrorabwehr

Im alten Bochumer Baumarkt proben Polizisten den Ernstfall

So realistisch wie möglich geht es im neuen Trainingszentrum der NRW-Polizei in Bochum zu

So realistisch wie möglich geht es im neuen Trainingszentrum der NRW-Polizei in Bochum zu

Foto: Ralf Rottmann

Bochum.   In Bochum hat die Polizei ein Trainingszentrum für den Einsatz bei Terrorlagen vorgestellt. Viel gefährlicher aber sind oft andere Situationen.

Anfangs sieht alles nach Routine aus. Weil er nicht angeschnallt war, hat die Besatzung des Streifenwagens den Fahrer eines alten VW-Golfs aus dem fließenden Verkehr gewunken. Von hinten gehen der Kommissar und seine Kollegin auf das Auto zu. Er rechts, sie links. Der Beamte öffnet die Beifahrertür, und plötzlich eskaliert die Situation. „Schusswaffe im Fußraum“, ruft er seiner Kollegin zu. Beide ziehen blitzschnell ihre Pistolen. „Nicht zur Waffe greifen“, warnen sie den Fahrer und fordern ihn zum Aussteigen auf. „Wir wollen Ihre Hände sehen.“

Neben dem Wagen muss der Mann sich hinlegen, wird gefesselt, durchsucht und abgeführt. Bis von oben eine Stimme zu hören ist. „Danke, das war’s.“ Training beendet, durchatmen, Manöverkritik. „Ja“, wird Julia Milek, Polizeioberkommissarin später sagen, „es fühlt sich an wie bei einem echten Einsatz.“ Was vor allem wohl am Ort der Übung liegt.

Fassaden wurden auf Leinwände gedruckt

In zwei jeweils rund 1800 Quadratmeter großen Hallen eines ehemaligen Baumarktes in Bochum-Langendreer hat die Polizei eine „urbane Kulisse“ aufgebaut. Hat dafür Fotos von Häuserfronten im Ruhrgebiet gemacht, sie stark vergrößert und auf große Leinwände gedruckt, die wiederum an beweglichen Holzgestellen hängen.

Training im neuen Bochumer Anti-Terror-Zentrum

Training im neuen Bochumer Anti-Terror-Zentrum

Pommesbude neben Lotto-Annahmestelle, Edel-Boutique zwischen Zeitungs-Geschäftstelle und Optiker-Filiale. Alles ist relativ leicht verschiebbar. „Breite Straßen, schmale Straßen, den Innenbereich einer Shopping-Mall, wir können vieles nachstellen“, sagt einer der Trainer. Auf Wunsch auch mit Lichteffekten, Geräuschen und sogar Statisten, die unschuldige Opfer spielen. Mehr als sechs Monate hat der Umbau gedauert, was er gekostet hat, wird bisher nicht verraten.

Bis zu 50 Beamte können täglich trainieren

Knapp 50 Beamte und Beamtinnen aus Essen, Bochum, Gelsenkirchen, Oberhausen und Recklinghausen können hier nun jeden Tag „Training unter modernsten Bedingungen“ absolvieren, wie NRW-Innenminister Herbert Reul bei der offiziellen Eröffnung schwärmte. Für Situationen, in die sie hoffentlich nie kommen, aber für die sie vorbereitet sein müssen. Wie auf Terroristen, die ein Einkaufszentrum stürmen oder Amokläufer, die sich durch den Weihnachtsmarkt schießen. Bis die Spezialkräfte vor Ort eintreffen, müssen Beamte vom Streifen- oder Verkehrsdienst den Tätern entgegentreten. So schnell und so zahlreich wie möglich.

Denn spätestens seit dem Amoklauf von Erfurt 2002, bei dem die alarmierte Schutzpolizei vor dem Gebäude auf ein SEK warten musste, während der Täter drinnen ein Opfer nach dem anderen erschoss, hat die Polizei ihre Taktik verändert.

Gefährlicher Alltag

Zum Glück, sagt Reul, seien solche Einsätze bisher die Ausnahme. Dennoch müssten sie geprobt werden. Um Automatismen zu entwickeln, Taktiken zu testen aber auch, damit die Beamten für sich selbst Strategien finden, um mit solchen Stress-Situationen fertig zu werden. Worauf achten, an was denken, wen informieren? „Im Idealfall“, sagt einer der Ausbilder, „bleibt bei einem Einsatz nichts dem Zufall überlassen.“

Es sind aber nicht nur die ganz großen Lagen, für die in Bochum geübt wird, es ist auch der von Außenstehenden gern unterschätzte Alltag der Beamten. Wie der Angetrunkene, der im zweiten Szenario des Tages pöbelnd durch die Fußgängerzone läuft. Als die Beamten ihn ansprechen, wirft er ihnen seinen Ausweis vor die Füße und schreit: „Ich habe nichts gemacht.“ Dann greift er nach hinten und zückt ein Messer, mit dem er trotz mehrerer Warnungen auf die Beamten losgeht. Da hilft nur noch ein Schuss aus der Pistole ins Bein. Schreiend bricht der Mann zusammen, wird notversorgt und weggebracht, „So etwas“, sagt Julia Milek, „kann uns mittlerweile jeden Tag und fast überall passieren.“

Der Essener Polizei-Präsident Frank Richter nickt. „Es sind oft die normalen Situationen, die eskalieren“, weiß er. „Und dann kann es richtig gefährlich werden.“

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