Spitzenmedizin

Hormone aus dem Darm: So wirkt die neue Diabetes-Therapie

Die meisten Diabetiker, die mit Tabletten nicht mehr zurecht kommen, spritzen sich derzeit Insulin unter die Haut. Erst zwei Prozent setzten schon heute auf GLP1-Rezeptor-Agonisten, die neue Medikamenten-Generation.

Die meisten Diabetiker, die mit Tabletten nicht mehr zurecht kommen, spritzen sich derzeit Insulin unter die Haut. Erst zwei Prozent setzten schon heute auf GLP1-Rezeptor-Agonisten, die neue Medikamenten-Generation.

Foto: Getty

Bochum.   Die „Inkretin-Forschung“ eröffnet sensationell neue Wege in der Diabetes-Therapie. Eine ihrer Galionsfiguren ist der Bochumer Arzt Michael Nauck.

Ab Donnerstag trifft sich in Bochum die europäische Spitzenklasse der „Inkretin-Forschung“. Es geht um bahnbrechend neue Wege in der Diabetes-Therapie, einer Krankheit, von der bundesweit neun Millionen Menschen betroffen sind, 40.000 allein im Ruhrgebiet, Tendenz steigend. Gastgeber ist Prof. Michael Nauck,Chef der klinischen Forschung im Diabetes-Zentrum Bochum/Hattingen. Mit Ute Schwarzwald sprach er über die Volkskrankheit „Zucker“ und die neuen Medikamentengruppen, die sog. „GLP1-Rezeptor-Agonisten“. Sie wirken nicht wie das Bauchspeicheldrüsenhormon Insulin, sondern ähnlich wie Hormone aus dem Dünndarm (Inkretine).

Das Diabetes-Zentrum Bochum-Hattingen ist eines der größten im Land. Jährlich werden 1500 Patienten stationär behandelt...

Nauck: Die Zahl der Diabetiker steigt und steigt. Schon heute machen sie neun Prozent der Bevölkerung aus. Wir gehen aber davon aus, dass dazu noch eine erhebliche Dunkelziffer kommt.

Bochum ist Schwerpunkt-Standort der „Inkretin-Forschung“, Sie selbst sind eine ihrer Galionsfiguren und nennen die neuen Präparate „sensationell“. Warum?

Die GLP1-Rezeptor-Agonisten haben einen ganz natürlichen Wirkmechanismus. Es gibt eine Standarddosierung, die unter die Haut gespritzt wird, bei der jüngsten Präparate-Generation reicht das einmal pro Woche. Sobald der Blutzuckerspiegel Normalzustand erreicht, hören die Hormone auf zu arbeiten – ganz anders als Insulin, das extrem schwer und für jeden Patienten individuell zu dosieren ist.

Mit der neuen Therapie verlieren Diabetiker Gewicht

Was bringt das den Betroffenen?

Unterzuckerungen sind unmöglich und die Patienten legen kein Gewicht zu wie Diabetiker, die mit Insulin behandelt werden. Im Gegenteil, im Schnitt nahmen sie sogar drei Kilo ab, in Einzelfällen auch bis zu 15 Kilo. Fünf große Studien zeigen zudem, dass das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, Herzinfarkt etwa, deutlich sinkt, die Patienten sogar länger leben.

Und die Nebenwirkungen?

Etwa 20 Prozent der Patienten beklagen zunächst Übelkeit und zehn Prozent Durchfälle. Das legt sich in vielen Fällen rasch. Allerdings sind GLP1-Rezeptor-Agonisten nur für Typ-2-Diabetiker geeignet, die jedoch 95 Prozent aller Fälle ausmachen. Und nicht alle Patienten kommen ganz ohne Insulin aus, vor allem im fortgeschrittenen Stadium nicht.

Die neuen Medikamente sind schon auf dem Markt. Was kosten sie?

Die Tagestherapiekosten liegen bei drei bis sechs Euro, das ist deutlich mehr im Vergleich zu einer Tablettenbehandlung, lieg aber in etwa im Bereich einer ausreichend dosierten Insulin-Therapie. Die Krankenkassen tragen die Kosten, aber derzeit werden bei uns erst zwei Prozent aller Diabetiker mit GLP1-Rezeptor-Agonisten behandelt und 35 Prozent mit Insulin.

Wenig rotes Fleisch und Fett, viel Gemüse und Salat

Auf dem Kongress, zu dem Sie 200 Experten erwarten, geht es um die Weiterentwicklung dieser Therapieform?

Wir denken, dass in ein, zwei Jahren die Zulassung für ein Medikament in Tablettenform gelingt. Langfristig hoffen wir zudem, dass die neuen Medikamente metabolische Chirurgie, etwa Magen-Bypass-OPs bei schwer Übergewichtigen, überflüssig machen könnten. Denn wir glauben, dass deren Erfolg ebenfalls auf einer Veränderung des hormonellen Darmmilieus beruht. Darüber werden wir beim Kongress auch reden.

Besser als jedes noch so gute Medikament ist sicherlich, einer Erkrankung vorzubeugen. Wie gelingt’s?

Gewicht halten, ausreichend bewegen, gesund ernähren, am besten mit wenig Fett und rotem Fleisch, aber viel Gemüse und Salat. Statistisch gesehen lebt, wer sich nur 15 Minuten am Tag mehr bewegt, drei Jahre länger.

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