Loveparade-Prozess

Hinterbliebene: "Das wäre ein zweiter Tod unseres Kindes"

Menschen versuchen sich im Juli 2010 auf der Duisburger Love Parade aus dem  Gedränge zu retten. Nach 96 Verhandlungstagen steht der Prozess nun vor dem Aus.

Menschen versuchen sich im Juli 2010 auf der Duisburger Love Parade aus dem Gedränge zu retten. Nach 96 Verhandlungstagen steht der Prozess nun vor dem Aus.

Foto: WAZ

Düsseldorf.  Der Loveparade-Prozess steht vor dem Aus. Gerichte und Anwälte wollen die Einstellung des Verfahrens - doch Hinterbliebene sind erschüttert.

Paco Zapater kommt, als fast alles vorbei ist, sein Flieger aus Spanien ist eben gelandet. Möglich, erklärt ihm jemand schnell, dass es kein Urteil gibt in diesem Prozess um die Loveparade, bei der seine Tochter Clara starb. Da steht der Vater, wie immer das Button mit Claras Bild an der Brust, wie immer um Fassung bemüht: “Das wäre”, sagt er, “ein zweiter Tod unseres Kindes.”

Neben Zapater verlassen 50 Rechtsanwälte mit fliegenden Rockschößen das Düsseldorfer Congress-Centrum, eine Robe hatten sie heute nicht an; reden wollen die wenigsten. Sie müssen jetzt mit ihren Mandanten sprechen, “meiner wird ausrasten”, sagt ein Nebenkläger-Vertreter im Vorbeigehen. Das Rechtsgespräch hat die Öffentlichkeit ausgeschlossen, nicht einmal die Angeklagten waren dabei, die Schöffen auch nicht. Knapp vier Stunden haben sie getagt im großen Saal, die drei Berufsrichter vor ihnen auf einem Podium.

Verfahren könnte eingestellt werden

Das Verfahren könnte eingestellt werden, das ist die Nachricht dieses Tages; sie war erwartbar und ist doch überraschend. Dass das Gericht sich so klar positioniert! Dass die Staatsanwälte mitgehen! Dass keiner der Angeklagten einen Freispruch fordert! So raunen die Anwälte im Foyer, wenige gibt es, die dann doch erzählen: wie die Richter mit dem Vorschlag einzustellen gleich mit der Tür ins Haus gefallen seien.

Wie sie nach der Mittagspause sogar benannten, wer ihrer Meinung nach eine “mittlere” Schuld trage und deshalb nur gegen Auflagen entlassen werden könnte: drei von vier Mitarbeitern des Veranstalters Lopavent, keiner der sechs aus den Reihen der Stadt Duisburg. Sogar eine Hürde sollen die Richter ausgeräumt haben: Um die Prozesskosten, allein 29.000 Euro Saalmiete pro Tag, möchten sich die Angeklagten keine Sorgen machen…

Trotzdem ist man sich nicht einig geworden. Die Staatsanwaltschaft fordert, die Angeklagten müssten eine gewisse Geldsumme zahlen, weil ihre Schuld eben nicht “gering” sei, wie Paragraf 153 der Strafprozessordnung es vorsieht. Auch die Vertreter der Nebenkläger wollen dieses Geld sehen, das keine Strafe ist, aber doch ein winziges Anerkenntnis, dass sie nicht ganz unschuldig seien. Auf keinen Fall!, sagen die Verteidiger. “Die Beweisaufnahme hat die Anklage nie bewahrheitet”, sagt Gerd-Ulrich Kapteina, Anwalt eines 56-jährigen Mitarbeiters aus dem Duisburger Bauamt.

Die Zeit drängt, da die Vorwürfe verjähren

Sie streiten nicht, die Atmosphäre sei “sachlich” gewesen, sagt Kapteina. Drei Wochen gibt ihnen der Vorsitzende Richter Mario Plein, um “nachzudenken”, hinter den Kulissen wird nun verhandelt werden. “Einer muss einknicken”, sagt Opfer-Anwalt Prof. Julius Reiter. Prognosen abgeben will kaum jemand, einer zeigt auf die Staatsanwälte: Für die sei das doch leicht.

Denkbar wäre eine Abtrennung des Verfahrens gegen Einzelne, denkbar wäre auch, dass man weiterverhandelt. Bis Ende April ist terminiert, für die nächsten Wochen sind Zeugen geladen, allein: Einer der wesentlichen Gründe für eine Einstellung ist, dass die Zeit drängt. Im Juli 2020, zehn Jahre nach der Loveparade, bei der 21 Menschen verletzt und rund 650 verletzt wurden, verjähren die Vorwürfe.

Bis zu 575 Zeugen könnte man noch anhören müssen

Nicht zu schaffen bis dahin, soll die Kammer gemahnt haben und eine Zahl genannt: Bis zu 575 Zeugen könnte man noch anhören müssen. “Der Zeitpunkt ist gekommen einzustellen”, sagt Verteidiger Kapteina. “Eine Fortsetzung ohne greifbares Ergebnis ist nicht sinnvoll.”

Nicht einmal Opfer-Anwalt Reiter widerspricht. Es sei strafrechtlich schwierig, die Schuld eines Einzelnen zu bestimmen, “eine Verurteilung schwierig zu erreichen”. Ohne Auflagen aber will er die Angeklagten nicht entkommen lassen: “Ihre Schuld ist nicht gering. Das war keine Zufallskatastrophe.” Auch wenn die Zehn bislang schweigen: “Sie wussten, was sie taten.”

Opferanwalt will Schmerzensgeld-Ansprüche stellen

Julius Reiter ist nun “wichtig, dass man die Opfer nicht vergisst”. Er fordert, dass in einem möglichen Einstellungsbeschluss Verantwortlichkeiten festgestellt werden, auch solche, die nicht bei den Angeklagten liegen, sondern vielleicht bei Stadt oder Land. “Damit wir eine Grundlage haben, um Schmerzensgeld-Ansprüche stellen zu können.” Man dürfe die Opfer nicht alleine lassen, “sie müssen täglich mit den Folgen der Katastrophe leben”.

Das ist eines der Ziele der Nebenkläger, noch wichtiger aber war die Aufklärung. Die habe stattgefunden, da sind sich die meisten Juristen am Mittwoch einig: “Wir haben einen Erkenntnisgewinn”, sagt Verteidiger Kapteina, “den wir zu Prozess-Beginn nicht erwartet haben.” Auch Nebenklage-Vertreter Reiter findet: “Wer sagt, der Prozess habe nichts gebracht, liegt falsch.” Man sei ein großes Stück weitergekommen, habe an 96 Tagen viel erfahren über den Veranstaltungstag, der in der Anklageschrift nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Verletztef ordert, dass jemand zur Verantwortung gezogen wird

Zeugen berichteten von Funkgeräten, Lautsprechern und Telefonen, die nicht funktionierten, das vorläufige Gutachten des Experten Prof. Jürgen Gerlach macht falsch aufgestellte Zugangszäune und Polizeiketten mitverantwortlich für das tödliche Gedränge. Nach gut einem Jahr reden beteiligte Juristen von “Multikausalität”. Man habe über die Ursachen “viel erfahren”.

Das sieht nicht jeder so. Gerade die Betroffenen haben sich ein Urteil gewünscht. “Ich möchte, dass jemand zur Verantwortung gezogen wird”, sagt Nadine Lange, 35, die bei der Loveparade verletzt wurde. Die Kammer rede sich die Sache schön, findet Rechtsanwalt Rainer Dietz, der den Vater von Eike vertritt, der in Duisburg starb. Den Staatsanwälten wirft er vor: “So geht man mit einem Fall nicht um.” Wenn man nichts erwarte, könne man auch nicht enttäuscht sein, sagt ein Anwalt bitter. Paco Zapater, Vater von Clara, die nur 22 Jahre alt wurde, hält Zorn und Kummer nur mühsam im Zaum: “Meine Tochter”, sagt er, “hatte Vertrauen in Deutschland. Ich bin dabei, es zu verlieren.”

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