Forschung

Insektensterben: Warum NRW Heuschrecken in den Wiesen zählt

Zählt Heuschrecken: Der Landschaftsökologe Felix Helbing

Zählt Heuschrecken: Der Landschaftsökologe Felix Helbing

Foto: André Hirtz / André Hirtz / Funke Foto Services

Essen.  Um das Ausmaß des Insektensterbens in NRW genauer zu erfassen, gehen Experten neue Wege. Am Mittwoch verrieten sie, was und wie sie zählen.

Auf den ersten Blick sieht das schon ein wenig merkwürdig aus, was Felix Helbing da treibt auf der Wiese am Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (Lanuv). Als ob er mit einem kleinen quadratischen Laufstall durch die Gegend läuft, den er plötzlich auf den Boden wirft. Aber Helbing ist Landschaftsökologe und deshalb ist das auch kein Laufstall, sondern ein Isolationsquadrat – bestens geeignet, um Heuschrecken zu zählen ohne den Tierchen etwas zu tun.

Über 1500 Arten sind gefährdet

Der Hintergrund für diese Zählung ist ernst. Klar, man weiß schon lange, dass die Zahl der Insekten in NRW sinkt. Von den in den Roten Listen des Landes behandelten knapp über 3000 Arten gelten 52 Prozent als gefährdet oder sogar ausgestorben. Weitgehend unbekannt aber ist, wie es um die anderen rund 25.000 Insektenarten zwischen Rhein und Weser steht. Denn umfassende und standardisierte Untersuchungsprogramme fehlten bisher.

Das wollen Lanuv und die Universität Osnabrück nun ändern. Sehr zur Freude von Landesumweltministerin Ursula Heinen-Esser, denn: „Der Rückgang von Insekten ist ein wichtiger Anzeiger für die Bedrohung unserer Artenvielfalt. Wir müssen aber noch mehr herausfinden über die Ursachen und vor allem über die Auswirkungen auf unsere gesamte Umwelt“, sagte sie am Mittwoch.

Kein Eingriff in die einzelnen Populationen

Genau das haben Lanuv und Uni vor. Neben den Heuschrecken, die unter anderem Helbing fängt und zählt, wenn sie an die Seitenwände des Isolationsquadrats gesprungen sind, werden derzeit auch die sogenannten Tagfalter erfasst – Schmetterlinge also. Dafür gehen Landschaftsökologen der Uni mit großen Keschern an Wiesen entlang, fangen die Falter, die sie sehen, stecken sie kurzzeitig in spezielle Gläser und kategorisieren sie, bevor sie sie wieder freilassen. „Wir greifen nicht in die Population ein“, sagt Thomas Fartmann, Professor in der Abteilung für Biodiversität und Landschaftsökologie der Uni in Osnabrück.

Warum ausgerechnet Tagfalter und Heuschrecken gezählt werden, erklärt wenig später Lanuv-Präsident Thomas Delschen. „Sie stehen stellvertretend für viele andere Artengruppen und ermöglichen allgemeine Aussagen zum Zustand der Insektenvielfalt hierzulande.“ Nicht nur das. Außerdem seien beide Arten eng an ihre Lebensräume angepasst. Ihr Zustand könne deshalb viel verraten über den Zustand ihres Lebensraumes.

Äcker bleiben die Sorgenkinder der Experten

Landwirtschaftlich intensiv genutzte Gebiete sind weiterhin die Sorgenkinder des Lanuv. „Dort nimmt die Artenvielfalt weiter ab“, weiß Delschen. Sehr viel besser sieht es dort aus, wo Maßnahmen aus dem Vertragsnaturschutz zum Einsatz kommen, wo also beispielsweise Landwirte zumindest in Teilbereichen ihrer Äcker und Wiesen die Natur einfach Natur sein lassen. Auch in immer mehr Kommunen werden viele öffentliche Grünflächen bis zur Mitte des Sommers nur noch am Rand gemäht. Das gefällt allerdings nicht jedem. In manchen Städten beschweren sich die Anwohner über den „verlotterten Rasen“. „Für viele Deutsche“, ärgert sich dann auch eine Mitarbeiterin des Landesamtes, „ist eine ordentlicher Anblick offenbar wichtiger als Naturschutz.“

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