Alternative Krebstherapie

Heilpraktiker-Prozess: "Alternative Therapie" war tödlich

Der Prozess gegen Klaus R. begann Ende März und wird sich bis zum Juni hinziehen.

Der Prozess gegen Klaus R. begann Ende März und wird sich bis zum Juni hinziehen.

Foto: Lars Heidrich / Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Krefeld  Drei Patienten eines Heilpraktikers kamen bei einer Krebstherapie ums Leben. Dabei hatte eine Brustkrebspatientin eine sehr gute Heilungschance.

Die Niederländerin Joke K. starb elendiglich nach nur wenigen Tagen in einer experimentellen „Krebstherapie“ - doch sie war keineswegs unheilbar krank, als sie sich in die Hände des deutschen Heilpraktikers Klaus R. begab. Der hatte bisher behauptet, seine Patienten seien austherapiert gewesen, hätten seine Hilfe erst gesucht, nachdem alle anderen medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft gewesen seien. Das Gegenteil war der Fall bei Joke K.. Sie suchte nach einer „natürlichen Therapie“ — und starb wie zwei weitere Patienten von Klaus R. an der Überdosis einer unerforschten Chemikalie, die ihr Gehirn anschwellen und bluten ließ, bis eine Körperfunktion nach der anderen aussetzte.

Ihren Brustkrebs hatte die 43-Jährige in einem frühen Stadium entdeckt, Beschwerden hatte sie noch keine, die Ärzte in s’Hertogenbosch bescheinigten der sportlichen Beamtin gute Chancen, wieder gesund zu werden, berichtet ihr Mann Andre K. am Dienstag als Zeuge vor dem Krefelder Landgericht. „Aber Joke sah eine Chemotherapie als Gift an“, das Paar stand der Schulmedizin kritisch gegenüber, setzte auf Eigentherapie mit scheinbar natürlichen Cannabispräparaten. Und im Internet stieß Joke K. schnell auf das „Biologisches Krebszentrum“ im Kreis Viersen, hier bot Klaus R., eine „alternative Therapie“ mit Vitaminen, Kalzium und dem Stoff 3-Bromopyruvat (3BP) an — eine Chemikalie, die er als „100 Prozent biologisch“ vermarktete.

Offenbar verfingen diese Reizworte. Dem Heilpraktiker, der sich vor der Übernahme des Krebszentrums vor allem mit Akupunktur und Massagen beschäftigt hatte, war zwar durchaus klar, dass 3BP eine synthetisch hergestellte Chemikalie ist. Doch seinen Kunden gegenüber sprach er von einer „natürlichen Wirkweise“ - die abstruse Umdeutung eines chemischen Vorgangs. Denn 3BP ist ein Zellgift, es blockiert die Zuckerzufuhr der Körperzellen. Das soll dem Krebs die Energie entziehen - so die simplifizierte Darstellung. Tatsächlich ist eine Wirksamkeit gegen Krebs nicht belegt. Jedenfalls ging diese unsinnige Differenzierung an dem Paar vorbei. Klaus R.s Aussage, dass der Stoff legal sei, genügte Joke und Andre K.. Sie gingen davon aus, dass 3BP damit auch als Medikament geprüft sei. Das war nicht der Fall. In den Niederlanden ist der Stoff verboten, wie alle Medikamente, die ungeprüft sind, doch in Deutschland ist 3BP laut Bundesinstitut für Arzneimittel nur verschreibungspflichtig. Klaus R. durfte es damit wahrscheinlich nicht anbieten, aber das muss der Prozess noch zeigen.

Hauptsache "natürlich" - ein Reizwort genügt

Andre K. ist Zimmermann, trägt im Zeugenstand ein spackes wild-gemustertes T-Shirt, den Angeklagten ignoriert er. Zu sehr ist er wohl mit der eigenen Verteidigung beschäftigt, denn jede Frage hält ihm auch die eigene Fahrlässigkeit im Umgang mit der Krankheit vor. Selbst eine Google-Suche nach kritischen Meinungen zu 3BP unterließ das Paar, ließ sich von Glaubenssätzen leiten bei der Auswahl der Therapie. Hauptsache „natürlich“ — was hinter diesem Werbewort steckte, wurde nicht hinterfragt. „Ich bin kein Arzt“, sagt Andre K. mehrfach auf zähes Nachfragen. Das ist Klaus R. allerdings auch nicht. Das Paar scheint ihn für einen gehalten zu haben und schlug die Ratschläge der echten Ärzte in den Wind.

Ihre Diagnose bekam Joke K. Mitte Juni 2016, kurz zuvor war sie noch 80 Kilometer an einem Tag gewandert. Mitte Juli begann sie ihre Behandlung in Brüggen, ließ sich Infusionen geben mit dem Stoff, den Klaus R. von einem selbsternannten Fachmann aus den Niederlanden bezog, der ihn wiederum auf dem Versandweg aus dubiosen Quellen erhielt. Die dritte Infusion war offenbar um ein Mehrfaches zu hoch dosiert, haben die Ermittlungen ergeben. Wie das geschehen konnte, soll der Prozess bis zum Juni zeigen. Klar ist, dass an diesem 27. Juli 2016 drei Patienten eine tödliche Dosis bekamen.

Joke K. klagte schnell über Kopfschmerzen und Müdigkeit, erbrach sich noch in der Praxis. „War Herr R. beunruhigt?“, fragt der Vorsitzende Richter Johannes Hochgürtel. — „Nicht wirklich“, antwortet der Zeuge. Auch im Gerichtssaal wirkt Klaus R. gefasst, ein 61-Jähriger mit silbernem Haar und kariertem Hemd, nur ab und an reibt er sich nervös mit den Fingern über Nase und Kinn. Fahrlässige Tötung in drei Fällen wirft die Staatsanwältin dem 61-Jährigen vor und Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz. Seine Patientin schleppte sich einen Tag später noch einmal in die Klinik. Da torkelte sie schon „wie Donald Duck“, sagte ihr Ehemann bei der Polizei aus. Sie sprach schon nicht mehr, sondern nickte und deutete nur noch. Klaus R. hatte in der Tat eine Art Trunkenheitszustand als mögliche Nebenwirkung der Therapie angekündigt. Und so legte sich Joke R. noch einmal schlafen auf dem Campingplatz, wo das Paar übernachtete. Als sie am Nachmittag aufwachte, war ihre Zunge angeschwollen und hing heraus, ins Krankenhaus wurde sie mit rollenden Augen getragen, sie zuckte und krampfte unkontrolliert — und starb zwei Tage später.

>> Info: Dubiose Therapieangebote

An dem Prozess entzündet sich erneut die Debatte, ob die Heilpraktiker-Branche nicht deutlich stärker zu regulieren, die Ausbildung zu reformieren sei. Berufsverbände sprechen indes von einem Einzelfall und wehren sich gegen „Sippenhaft“. Der Bund Deutscher Heilpraktiker etwa betont, dass Schulmedizin in der Krebstherapie als Standard gilt und gibt an, gegen schwarze Schafe vorzugehen, die ihre Therapien nicht nur als Ergänzung anbieten.
Therapien mit 3BP werden nicht mehr angeboten. Tatsächlich findet man aber selbst mit einer oberflächlichen Google-Suche zahlreiche Angebote, die „Schulmedizin“ und „alternative Therapien“ gegeneinander ausspielen. „Ganzheitliche Krebstherapie mit Vitamin B17“ heißt es da oder „an diesem Punkt aber bleibt die Schulmedizin stehen“ oder „unverständlicherweise ist die Electro-Carcinom-Therapie (ECT) in Deutschland immer noch fast unbekannt“. Das liegt wohl daran, dass ihre Wirkung nicht belegt werden kann.

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