Baumbesetzung

Prinzip Hambi: Kampf um die Alte Eiche von Castrop-Rauxel

Immer doppelt gesichert sitzt Johannes W. in einer Eiche in Castrop-Rauxel, die rund 6000 Unterzeichner eines (formal ungültigen) Bürgerbegehrens für schützenswert halten. Der Aktivist stammt vom Niederrhein und hat Wurzeln im Ruhrgebiet.

Immer doppelt gesichert sitzt Johannes W. in einer Eiche in Castrop-Rauxel, die rund 6000 Unterzeichner eines (formal ungültigen) Bürgerbegehrens für schützenswert halten. Der Aktivist stammt vom Niederrhein und hat Wurzeln im Ruhrgebiet.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Castrop-Rauxel.  Der Protest aus dem Hambacher Forst macht Schule. In Castrop-Rauxel besetzt ein Aktivist eine Eiche – mit Unterstützung des Stadtteils.

Der „Hambi“ ist überall. Derzeit auch in Castrop-Rauxel, wo sich Anwohner und Naturschützer seit eineinhalb Jahren mit der Stadt und einem Investor um eine alte Eiche beharken. Mittendrin (tatsächlich im Baum): ein Aktivist, den man dazu gebeten hat. Sein Handwerk hat Johannes W. im Hambacher Forst gelernt: wie man klettert und sich sichert, wie man sich häuslich einrichtet in der Krone, und natürlich die rechtlichen Grundlagen. Seit eineinhalb Wochen besetzt der 21-Jährige bereits die „Alte Eiche von Castrop-Rauxel“.

Der Hambacher Forst, jenes kleine Wäldchen bei Düren, war und ist ein Labor für Protest. Dass der Energiekonzern RWE den Flecken für die Braunkohle abholzen würde, galt als ausgemacht, auch wenn einige Dutzend Aktivisten hier ihre Baumhäuser eingerichtet hatten. Zu radikal schien diese Form des Protestes und ihr Kleinkrieg mit den Sicherheitsleuten von RWE. Und doch lösten die Besetzer vor gut einem Jahr eine bundesweite Massenbewegung aus. Ein Gericht eilte zur Rettung des Waldes. Vor allem aber lernten die Aktivisten, wie effektive Öffentlichkeitsarbeit funktioniert. Unter ihrem Druck scheint auch in Politik und bei RWE ein Umdenken einzusetzen. Deswegen wird der „Hambi“ wohl bleiben.

Besetzung ist das Mittel der Wahl

Hambi-Veteranen und -Methoden sind nun allerwalds anzutreffen, ob an einer Kalkgrube bei Wuppertal („Osterholz bleibt“), beim Ausbau der A49 bei Marburg („Wald statt Asphalt“) oder eben an der Emscher, dort, wo sie den Rhein-Herne-Kanal quert – auch wenn es offiziell nur um einen einzigen Baum geht.

Aber er steht auf einem 43.000 Quadratmeter großen Gelände, dass der Herner Investor „Dreigrund“ entwickeln will. In der einstigen Schmuddellage sollen, nun, da die Emscher ein sauberer Bach ist, 72 hochwertige Wohneinheiten entstehen. Auch dreihundert weitere Bäume finden sich hier, Rehe, Igel und Fasane, ja sogar Fledermäuse sollen rund um die Eiche balzen (jedoch in einem verlassenen Tierfutterhandel nisten). Als schützenswert stufte die Untere Naturschutzbehörde das Gebiet nicht ein.

Aber die Eiche ist stattlich, 250 Jahre alt und kann somit als Symbol herhalten. Das haben auch die Naturschützer und Anwohner erkannt, die schon vor eineinhalb Jahren 5000 Unterschriften sammelten für einen Erhalt. Vielen geht es wohl um ein Stück Grün in der hochverdichteten Stadt, und sei es noch so struppig, so wie den beiden Hundespaziergängern, mit denen wir sprechen. Im Juli gründete sich der Verein „Rettet die alte Eiche“, für ein Bürgerbegehren kamen noch einmal 6000 Unterschriften zusammen. Doch die Initiatoren vergaßen, es ordentlich anzumelden. Die Stadt lehnte ab, dagegen klagt der Verein derzeit beim Oberverwaltungsgericht Münster. Und weil man fürchtete, dass vollendete Tatsachen geschaffen werden sollten, kam Johannes W. ins Spiel.

Eine Bibel ist immer dabei

Greta im Hambacher Forst
Greta im Hambacher Forst

In den frühen Morgenstunden des 1. Oktober, dem Start der Fällsaison, kraxelte der Aktivist in die Baumkrone, spannte einen Regenschutz und seine Hängematte auf und begann zu twittern. (Eine Hängematte lässt sich übrigens weder mit Baurecht noch mit Brandschutz verhindern.) Ein guter Schlafsack und Merinounterwäsche halten ihn warm, Flaschen sind sein Klo, eine Mahnwache des Vereins leistet ihm Gesellschaft, und Reibekuchen oder Hühnersuppe bringen die Anwohner vorbei, deren Unterstützung Johannes W. sich vorher versichert hatte. Das Grundgesetz und das Strafgesetzbuch hat er immer dabei, und eine Bibel, die er auf seiner zweijährigen Reise in Neuseeland geschenkt bekam. Hat sein Einsatz mit seinem christlichen Glauben zu tun? „Ja, ich setze mich ja für den Erhalt der Schöpfung ein.“

Tatsächlich stünde die Eiche wohl nicht mehr ohne ihren Besetzer. Um 6.50 Uhr am 1. Oktober teilte die Stadt Castrop-Rauxel mit, dass der Widerspruch der Naturschutzorganisation BUND, eingereicht am Freitag, abgelehnt worden sei.

Um kurz vor 7 Uhr stand der Fälltrupp vorm Baum, unterstützt von Polizei und Ordnungsamt. Ein Hinweis des Oberverwaltungsgerichts Münster mit der Bitte um Aussetzung der Fällung wurde als nicht bindend betrachtet.

Etwa eine Stunde später reichte der BUND seine Klage gegen diesen Widerspruchsbescheid beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ein. Nach einigem Hin und Her ist nun klar: Er hat aufschiebende Wirkung. Das Hauptsacheverfahren, sagt ein Gerichtssprecher, dürfte sich monatelang hinziehen. Ein drittes Verfahren beschäftigt sich zudem mit der Rechtmäßigkeit des Bebauungsplans.

Johannes W. tut nichts Illegales

Auch darum hat der Investor wohl keine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs gestellt. Johannes W. tut also bislang nichts Verbotenes. Im Gegenteil: Der Verein hat seine Mahnwache als Versammlung angemeldet, was auch auf dem Privatgelände gehe, da es frei zugänglich ist, erklärt der 2. Vorsitzende Wolfgang Schlabach (66), ehemals Manager bei einem Maschinenbauer. „Die Polizei schützt uns also offiziell.“ Etwa alle zwei Stunden schauen Beamte vorbei. Ein Polizeisprecher bestätigt, es ginge nur darum, Gefahren für den Aktivisten abzuwenden: „Solange er sich bester Gesundheit erfreut, soll er da oben im Baum sitzen.“

Könnte Johannes W. nicht also einfach herabsteigen und die Gerichte machen lassen? Er und Wolfgang Schlabach sind misstrauisch. Den Baum einfach abzuholzen, wäre nur eine Ordnungswidrigkeit. Allerdings hatte Dreigrund zugesichert, sich an Recht und Gesetz zu halten. Auf eine Anfrage antwortete die Firma am Mittwoch nicht. Die Baumbesetzung dient in der Zwischenzeit weiterhin dem Ziel der Öffentlichkeitsarbeit. Am Mittwochnachmittag ist die Öko-AG einer Recklinghäuser Realschule unterm Baum.

Dass das ganze Bauvorhaben kippt, hält auch Wolfgang Schlabach für unrealistisch. Der Verein, sagt er, habe ein Angebot gemacht, zwei Parzellen rund um den Baum zu kaufen, auch die geplante Straße müsste nur ein Stück verlegt werden. Der Aktivist im Baum sieht das anders. „Wie realistisch war es, den Hambacher Forst zu erhalten?“, fragt Johannes W. „Wie realistisch der Erhalt dieses Gebiets ist, ist mir nicht so wichtig. Es ist es immer wert, sich dafür einzusetzen.“ Auch um zu zeigen: „Mit viel Einsatz kann man etwas bewegen.“

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