Prozess

Gericht verhängt milde Strafe für Schüsse auf SEK-Polizisten

Für sein Geständnis gelobt: Der angeklagte Gladbecker (l.) und sein Verteidiger Matthias Meier.

Für sein Geständnis gelobt: Der angeklagte Gladbecker (l.) und sein Verteidiger Matthias Meier.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Essen  Als "Augenblicksversagen" wertet das Essener Schwurgericht die Schüsse eines Gladbeckers auf SEK-Polizisten. Viereinhalb Jahre Haft bekam er.

Der angeklagte Gladbecker, der bei einer Razzia sechs Schüsse auf SEK-Beamte abgegeben hatte, schien zufrieden, nickte mehrfach bei der Urteilsbegründung. Denn das Essener Schwurgericht hatte ihn am Donnerstag wegen versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und illegalen Waffenbesitzes lediglich zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Auch Richter Jörg Schmitt sprach von einem "milden Urteil".

Das lag vor allem an der laut Gericht "massivsten Bedrohung", der sich der 51 Jahre alte Angeklagte in einem Streit mit verfeindeten Familien aus Holland und Berlin ausgesetzt sah. Dadurch hatte er die Männer zunächst nicht als Polizisten erkannt, die am 4. Dezember 2019 morgens um sechs Uhr gewaltsam in sein Wohnhaus im Stadtteil Ellinghorst eingedrungen waren.

Besitz der Waffe war dumme Idee

Dass er noch ein, zwei Schüsse abgab, nachdem er die Polizisten erkannt hatte, stufte die Kammer als "Augenblicksversagen" ein, für das er zu bestrafen war. Ebenso für den Schuss, der SEK-Mann "Nummer 160" traf und am Brustkorb verletzte. Zum Glück nur leicht, weil der Beamte eine Schutzweste trug. Schmitt rügte vor allem den unerlaubten Waffenbesitz, denn dieser sei kein "Augenblicksversagen", sondern eine dumme Idee.

Schmitt ging auf die Vorgeschichte ein. Die beiden anderen Familien hätten den Angeklagten und seine Familie mit neun Kindern massiv bedroht. Er solle schon mal Särge für die Kinder besorgen. Immer wieder seien per Video auch Waffen gezeigt worden. Der Angeklagte hatte sich so bedroht gefühlt, dass er die Polizei um Schutz bat und auch bekam. Stündlich fuhr ein Streifenwagen vorbei.

SEK stürmte Haus mit 21 Mann

Aber die Berliner Familie hatte auch ihn angezeigt und von einer Waffe in seinem Haus gesprochen. Deshalb rückte das SEK mit 21 Mann an und stürmte das Haus durch zersplitternde Fenster. Fast reflexartig hatte der Angeklagte auf sie geschossen. "Wir können alle von Glück reden, dass es nicht maximal sechs Tote gegeben hat", erinnerte Richter Schmitt an die Zahl der vom Angeklagten abgefeuerten Patronen.

Der 51-Jährige könne aber selbst von Glück reden, dass er im Gerichtssaal säße. Denn die Polizei hätte natürlich auch auf ihn schießen können, reagierte aber besonnen. Schmitt: "Ein toller Einsatz, alles richtig gemacht."

Gleich anfangs hatte er auch die Verteidigung des Angeklagten gelobt. Rechtsanwalt Matthias Meier hatte für den Gladbecker ein umfassendes Geständnis abgelegt. Seinen Wunsch, den Haftbefehl aufzuheben, entsprach das Gericht aber nicht. Weil noch eine frühere Bewährungsstrafe wegen Betruges in Höhe von einem Jahr und neun Monaten Haft widerrufen wird, ist dem Schwurgericht die Fluchtgefahr zu groß.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben