Ökobilanz

Für ökologischen Fußabdruck: Obstbäume auf Bergbau-Brache

Hier will Dirk Gratzel seine Ökobilanz ins Positive drehen: Auf dem Gelände der alten Schachtanlagen Polsum 1 und 2 in Marl wächst als erstes eine Obstwiese.

Hier will Dirk Gratzel seine Ökobilanz ins Positive drehen: Auf dem Gelände der alten Schachtanlagen Polsum 1 und 2 in Marl wächst als erstes eine Obstwiese.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Marl.  Bergarbeiter-Spross Dirk Gratzel ist der Erste, der seine eigene Ökobilanz kennt, und die ist verheerend. Eine begrünte Brache soll nun helfen.

Wenn Dirk Gratzel einmal abtritt, „statistisch in 33 Jahren“, dann will er „eine grüne Null“ sein. Will keinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, aber Spuren schon: als erster Mensch, der seine eigene Ökobilanz kennt – und ausgeglichen hat. Dafür hat der Spross aus einer Essener Bergmannsfamilie in Marl das Gelände einer alten Schachtanlage gekauft, um sie nachhaltig zu begrünen. Etwa mit einer Streuobstwiese: Kohle zu Apfelsaft.

Polsum 1 und Polsum 2 sollen „als Betriebsstandort schon schön“ gewesen sein, heißt es bei der RAG Montan Immobilien, die im Auftrag der Ruhrkohle die alten Brachen verkauft. Allein, es ist kaum noch vorstellbar: Schmierereien, zerborstene Scheiben, gerissene Gardinen hinter Bauzäunen, Unbekannte nutzen die Brache als Müllabladeplatz. In der aufgebrochenen Einfahrt liegt ein alter Arbeitsschuh, die Schranke hängt schief in einer holprigen Durchfahrt, die lange keiner mehr benutzt hat, jemand hat „Hölle“ auf ein unleserliches Schild geschrieben. Dabei soll hier allenfalls eine „grüne Hölle“ wachsen.

Forschung vom und am lebenden Objekt

Denn jetzt ist Dirk Gratzel da, ein IT-Unternehmer aus dem Raum Aachen mit Wurzeln im Essener Norden. Kein Umweltaktivist, wie er selbst betont, aber einer, der vor ein paar Jahren angefangen hat zu rechnen. „Wir groß ist eigentlich meine ökologische Schuld?“ Es war nicht einfach, das herauszufinden, „das Konzept gab es nicht“, bislang hatte die Welt bloß Ökobilanzen von Produkten gezogen. Gratzel, 52, holte Wissenschaftler ins Boot, die nun forschen „mit mir als lebendem Objekt“.

Und er forschte mit. Mit „manischem Ehrgeiz“ maß er seinen CO2-Ausstoß, seinen Wasserverbrauch und seinen Anteil an Überdüngung und Übersäuerung der Erde. Er inventarisierte seinen gesamten Besitz, „von der ersten Socke bis zur letzten Kuchengabel“, inklusive beider Herkunft und Herstellung. Ein Elend, sagt er, „wenn man sein ganzes Leben protokollieren muss“. Und dann ist da auch noch Emil, der Hund. Der frisst 300 Kilogramm Fleisch im Jahr!

Familienvater will „verheerende“ Bilanz wiedergutmachen

Die Bilanz, als sie dann da war, war „verheerend“. Nur mal als Beispiel: Fünf Tonnen Schwefeldioxid hatte der fünffache Familienvater schon damals produziert, 1175 Tonnen CO – „wäre das Trockeneis, bräuchte man einen einen Kilometer langen Güterzug dafür“. 60 Maßnahmen setzte Gratzel eilends um: anders essen, nicht mehr fliegen, Bus und Fahrrad fahren, neue Klamotten nur noch, wenn seine Frau wirklich schimpft… Um 75 Prozent hat er seine Bilanz verbessert, nur reicht das einfach nicht.

Dirk Gratzel, wenn er wirklich auf „Green Zero“ kommen will, die grüne Null, die auch seinem in der nächsten Woche erscheinenden Buch den Namen gibt – Dirk Gratzel muss wiedergutmachen. Und damit hat er viel zu tun, denn bis er es begriff, war er ein Rüpel. Nicht menschlich, so scheint er nicht zu sein. Aber sein Leben war rüpelhaft, das sagt er selbst. Dickes Auto, Konsum, der promovierte Jurist kam auf mehr als doppelt so viel CO2 im Jahr wie der durchschnittliche Nordrhein-Westfale. Und der emittiert im Durchschnitt zwölf, dreizehn Tonnen.

„Meine Kinder sollen nicht den Abfall meiner Existenz aufarbeiten“

Also kam er zurück in seine Heimat und kaufte elf Hektar Marl, für ihn ein „emotionales Ding“. Polsum 1 und 2 aus dem Verbundbergwerk Westerholt/Lippe sind seit 2008 stillgelegt, seit 2009 verfüllt, seitdem zugewachsen. Nun sollen die alten Silos, das Schachthaus abgerissen werden, bis Ende 2021 wird die Montan Immobilien entsiegeln. Blühende Obstwiese, hochwertiges „Ökotop“, ein kleiner Wald, so soll es werden, und da hüpft ja schon die erste Blauflügelige Ödlandschrecke! Auch der alte Bunker wird integriert – nur nicht als Fledermaus-Quartier. Da sind die Windräder vor, die schon in Sichtweite stehen.

Eine halbe Million Euro, sein „Erspartes“, legt Gratzel an, über den Kaufpreis vereinbarten die Parteien Stillschweigen. Er will damit nicht die Welt retten, sondern eigentlich nur sich selbst: „Ich möchte nicht, dass meine Kinder und Enkelkinder den Abfall meiner Existenz aufarbeiten müssen. Das sind rein egoistische Motive.“ Und die liegen nicht nur bei den Nach-, sondern auch bei den Vorfahren: „Ich will der sozialen und ökonomischen Leistung meiner Familie einen ökologischen Aspekt hinzufügen.“

In Marl jedenfalls sind sie begeistert. Ein Naherholungsgebiet kommt, die hässliche Brache weg, und die RAG Montan Immobilien ist ein Sorgenkind los: „Ungewöhnlich“, sagt deren Sprecher Stephan Conrad über das Projekt, das Zukunft haben soll im Ruhrgebiet. Denn sonst wollten die Investoren immer die Filetstücke. Aber nun kommt dieser, „der will ein Scheißgrundstück und was richtig Geiles draus machen“.

>>INFO: „GREEN ZERO“ ALS BUCH

Anfang der kommenden Woche erscheint die Idee Dirk Gratzels und ihre Umsetzung auch als Buch: „Projekt Green Zero – Können wir klimaneutral leben? Mein konsequenter Weg zu einer ausgeglichenen Ökobilanz“. Ludwig Verlag München, 256 Seiten, 18 Euro. Mit einem Vorwort von Eckart von Hirschhausen.

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