Foxtrott auf der Demenzstation

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Köln.  Maria hat sich extra fein gemacht. Die alte Dame trägt eine cremefarbene Hose mit dunklen Nadelstreifen und eine passende Bluse. „Mit ihren Haaren hat sie sich heute besondere Mühe gegeben“, weiß Pfleger Florian Wildt. Denn an diesem Nachmittag sind die Patienten der geschlossenen gerontopsychiatrischen Station in der LVR-Klinik Köln wieder zum „Flurtanz“ eingeladen. Demenzpatientin Maria kann sich an vieles nicht mehr erinnern. Doch die Schrittfolge beim Foxtrott wissen ihre Beine noch von alleine.

Anni hingegen zögert zunächst. „Ich hab gar keine Zeit. Eigentlich müsste ich jetzt nach Hause und das Vieh füttern“, sagt sie beunruhigt. Doch als der alte Schlager „Man müsste noch mal 20 sein“ erklingt, vergisst sie ihre Sorgen und folgt Stefan Kleinstück auf die Tanzfläche. Der Koordinator des Demenz-Servicezentrums Köln und das südliche Rheinland hat den „Flurtanz“ Anfang des Jahres im Kölner Alexianer Krankenhaus initiiert. Kurz darauf übernahm auch die LVR-Klinik sein Konzept. Seitdem bringt er auch dort einmal im Monat Demenzkranke, Pfleger und Ärzte zum Tanzen.

Auch wenn bei Menschen mit Demenz das Gedächtnis immer größere Lücken bekommt: „Über die Gefühlsebene sind sie immer noch gut ansprechbar“, sagt Kleinstück. „Ich sehe immer wieder, wie Menschen beim Tanzen aufblühen.“ Der monatliche „Flurtanz“ habe auf die Patienten einen positiven Effekt, beobachtet auch Oberärztin Ira Reupke. „Über die Musik erinnern sich manche Patienten an schöne Dinge, die lange zurückliegen.“

Am Anfang sei es allerdings oft etwas schwierig, die Patienten zu motivieren, sagt Pfleger Wildt. Den ganzen Vormittag schon hatte er bei den Patienten für den „Flurtanz“ geworben. Etwa 20 Männer und Frauen sind am Nachmittag der Einladung in den Gemeinschaftsraum gefolgt. „Damenwahl. Ich bin frei“, verkündet Kleinstück. Auch Oberärztin Reupke, eine Schwester und ein Pfleger kommen hinzu. Und schon bald drehen sich in der Mitte des Gemeinschaftsraums Klinikpersonal und Patienten im Dreivierteltakt.

Die positive Wirkung des Tanzes auf Menschen mit Demenz beobachtet Kleinstück schon seit rund zehn Jahren. Der Hobbytänzer rief die Initiative „Wir tanzen wieder!“ ins Leben, die ein Konzept für Tanznachmittage für Demenzpatienten und deren Angehörige entwickelte. Mittlerweile machen Tanzschulen in ganz Deutschland mit. Jetzt möchte er den Tanz auch in die Demenzstationen der Kliniken bringen. Er plant bereits Workshops für Interessenten aus anderen Krankenhäusern. Dass Tanzen Demenz entgegenwirkt, ist durch eine Reihe von Studien belegt. So fanden zum Beispiel Forscher des Albert Einstein College of Medicine in New York in einer 2003 veröffentlichten Langzeitstudie heraus, dass das Risiko einer Demenzerkrankung durch regelmäßiges Tanzen um 76 Prozent gesenkt werden kann. Der Neurologe und Studienleiter Joe Verghese vermutet: „Anders als bei anderen körperlichen Aktivitäten sind mit dem Tanzen auch geistige Anstrengung und soziale Kontakte verbunden.“ Diese Kombination könne sich besonders günstig auswirken.

Eine neue Studie von Sportwissenschaftlern und Neurologen der Universität Magdeburg scheint das zu bestätigen. Die Wissenschaftler beobachteten, dass regelmäßiges Tanz-Training bei Senioren zu einer deutlichen Verbesserung der allgemeinen Intelligenz und des Arbeitsgedächtnisses führt. Außerdem begünstige aktives Tanzen über längere Zeit das Wachstum von Nervenzellen im Gehirn, stellte das Forscherteam um Sportwissenschaftlerin Anita Hökelmann fest.

Eine willkommene Abwechslungim grauen Klinikalltag

Für die Patienten auf Station 52 des LVR-Krankenhauses bedeutet der Tanz vor allem eine besondere Abwechslung im grauen Klinikalltag. Nach einer Viertelstunde singen viele begeistert „Viva Colonia“ der Kölsch-Band Höhner oder „Scha la la la la“ von Tony Christie. Und wer nicht tanzen kann, schwingt einfach nur mit einem Partner die Hände im Takt.

Anni schiebt mit ihrem Zimmernachbarn Wilhelm über die Tanzfläche. Als Stefan Kleinstück das Ende einläutet, sind beide erschöpft, aber glücklich. „Schön war’s, aber jetzt muss ich nach Hause“, will Anni sich verabschieden. Doch da kommt Pfleger Florian Wildt dazwischen: „Später, es gibt erst noch Abendessen“, sagt er und reicht Anni ein Glas Apfelsaft.

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