Psychiatrie

Forensik-Pfleger erleben verrückte 15 Minuten

Im Dämmerlicht allein mit inneren Stimmen: Voll verkabelt erfährt diese Teilnehmerin, wie es sich anfühlt, unter einer Psychose zu leiden.

Foto: Fabian Strauch

Im Dämmerlicht allein mit inneren Stimmen: Voll verkabelt erfährt diese Teilnehmerin, wie es sich anfühlt, unter einer Psychose zu leiden. Foto: Fabian Strauch

Dortmund.   In einem computergesteuerten „Anzug“ erfahren Forensik-Mitarbeiter in 15 Minuten, wie es sich anfühlt, unter Wahnvorstellungen zu leiden.

Die Stimmen kommen von überall, werden lauter, schreien, kreischen, Bilder in grellen Farben zerspringen in tausend Scherben, Blitze zucken, es brummt und dröhnt, und dann auf den Schultern dieses Klopfen, rechts und dann wieder links. . . Es ist zum Wahnsinnigwerden!

Kopfhörer auf, digitale Brille auf

Vielleicht ist es schon Wahnsinnigsein. So jedenfalls könnte es sich anfühlen, glaubt die Wissenschaftlerin und Künstlerin Jennifer Kanary: wenn ein Mensch eine Psychose hat. Die Niederländerin, die ihre lebensmüde Schwägerin an deren Schizophrenie verlor, wollte wissen, wie das ist: „Was empfindet man, was sieht man, was hört man?“ In Dortmund bekommen Experten ihre Erkenntnisse derzeit auf die Ohren, und schmerzhaft vor Augen geführt: Teilnehmer der Bundeskonferenz der forensisch-psychiatrischen Pflege wagen sich in Kanarys „Labyrinth Psychotica“ – und damit ins Innere der Wahnvorstellung.

Kopfhörer auf, digitale Brille auf, und schon erleben Wagemutige ihre verrückten 15 Minuten. Könne „lustig“ sein, sagt eine Betreuerin, tatsächlich heißt der Parkours „Do it yourself Psychosis Kit“ – eine Art Psychose-Selbstbausatz?

Nur ist das nicht zum Lachen. 57 Prozent der psychisch kranken Straftäter in den Maßregelvollzugskliniken des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) haben eine Psychose. Die Hälfte derer, die schuldunfähig in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen werden, wurde wegen Körperverletzung verurteilt, 20 Prozent haben jemanden getötet. Etwa, weil „Stimmen“ es ihnen befahlen.

Der „Film“ von Jennifer Kanary führt die Probanden in Bild und Ton in den Kopf von Jamie. Die Welt dieses Mädchens wird bestimmt von Stimmen, die ihr einflüstern, dass sie tanzen soll und die Welt in hundert Farben färben. Von Bildern, die ängstigen und wieder beruhigen, Welten zwischen Alptraum und Paradies, die im nächsten Moment zu einem rauschenden Testbild zerfallen.

Das wird gestört von „echten“ Menschen, die „Jamie“ ein Gespräch aufzwingen wollen. Oder einfach nur fragen: „Alles okay? Du benimmst dich so komisch.“ – „Ach, kommt das oft vor, dass du Stimmen hörst?“

Was ist Wahn, was Wahrheit?

„Jetzt kann ich meine Patienten besser verstehen“

Bestürzt und beklommen sehen Beobachter, wie eben noch wache Kollegen plötzlich schwitzen, stieren, torkeln, wie Gesten eckig werden und Lippen zucken. Mancher flieht danach mit einem gepressten „Ich muss hier weg“. Andere versinken in Gedanken. Die meisten sagen: „Ich konnte mir das nie vorstellen, aber jetzt kann ich meine Patienten besser verstehen.“

Andre Aulbur, zehn Jahre Berufserfahrung in der Forensik, hat die Sache schnell klar: Wie er das Zeitgefühl verlor, die Orientierung, wie unwohl ihm war – „verständlich, dass Leute aggressiv werden“. Hat er nicht schon oft freundlich jemandem auf die Schulter geklopft? Zugeschlagen hätte er nun am liebsten in seiner künstlich herbeigeführten Verzweiflung. „Und dann will mir noch einer erzählen, dass nicht stimmt, was ich wahrnehme.“ Denn wo der Gesunde noch Fiktion und Wirklichkeit voneinander trennen kann, ist für den Kranken alles echt.

„Ich konnte jederzeit aussteigen. Der Patient kann das nicht.“

Und zuviel. Von „Überforderung der Sinne“ sprechen Experten: wenn Geräusche immer lauter werden, Gemälde immer bunter, wenn ein Ton so wenig beherrschbar ist wie das Chaos im Kopf. Kanary erzählt die Geschichte von drei Menschen an einer Bushaltestelle, alle tragen Grün. Schlicht „Mode“ für den Gesunden. „Verschwörung“ für den Psychotiker.

„Eine wahnsinnige Erfahrung“, schreibt ein Pfleger aus Herne später ins Gästebuch des Labyrinths. Ein Psychiater lacht irre, er steckt noch mitten im Experiment. Frank Gerke aus Göttingen ist schon wieder „normal“. Das Gute war, sagt er: „Ich konnte jederzeit aussteigen. Der Patient kann das nicht.“

INFO: SECHS KLINIKEN IN NRW

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe betreibt sechs forensische Einrichtungen in NRW, darunter die Kliniken in Dortmund und Herne.

In Lünen und Haltern sind weitere Maßregelvollzugskliniken in Planung, beide sind in den Städten sehr umstritten.

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