Flixtrain

Flixtrain lässt Rollstuhlfahrerin am Bahnsteig zurück

Verärgert: Hannelore Gerke (60) und ihr Mann Helmut (64) am Bahnsteig in Bocholt. Für die Rollstuhlfahrerin war in den Waggons des Anbieters Flixtrain kein Platz.

Verärgert: Hannelore Gerke (60) und ihr Mann Helmut (64) am Bahnsteig in Bocholt. Für die Rollstuhlfahrerin war in den Waggons des Anbieters Flixtrain kein Platz.

Foto: Lars Heidrich / Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Duisburg/Bocholt.  Mit dem Flixtrain wollte eine Rollstuhlfahrerin von Berlin ins Ruhrgebiet fahren. Warum das Unternehmen sie am Bahnsteig zurücklassen musste.

Eine Alternative will Flixtrain sein. Für alle, denen die deutsche Bahn zu teuer und der Fernbus zu langsam ist rollen die Fernzüge des Flixbus-Ablegers auf immer mehr Strecken durch Deutschland.

Menschen mit Behinderung aber bleiben dabei mitunter am Bahnsteig zurück. Denn das Unternehmen hat nicht für alle im Fahrplan angebotenen Züge einen Waggon, in den auch ein Rollstuhl passt, wie eine 60-jährige Frau aus dem münsterländischen Bocholt am eigenen Leib erfahren musste.

Flixtrain lässt Rollstuhlfahrerin zurück – 60-Jährige wollte Nichte besuchen

Hannelore Gerke sitzt im Rollstuhl. Doch das hält die 60-jährige nicht davon ab, immer wieder einmal „auf Tour“ zu gehen. Urlaub, Verwandtschaftsbesuche, regelmäßig ist die Frau aus Bocholt unterwegs.

Über Pfingsten will sie in diesem Jahr ihre Nichte in Berlin besuchen. Sie wählt den Zug, bucht bei Flixtrain, das seit einigen Monaten regelmäßig mit eigenen Zügen vom Ruhrgebiet aus in die Bundeshauptstadt fährt. „Zu günstigen Preisen“, wie Gerke feststellt. Nur 13,49 Euro kostet die Hinfahrt, für gerade einmal 26,99 Euro geht es wenige Tage später zurück. Bei der Deutschen Bahn ist das viel teurer.

Am Bahnsteig „fühlte sich niemand zuständig“

Sie sei auf den Rollstuhl angewiesen, sagt Gerke bei der telefonischen Buchung, könne zum Ein- und Aussteigen nicht aufstehen. „Kein Problem“, heißt es aus dem Flixtrain-Service-Center. Ist es aber doch. Denn als Gerke, ihre Mann und ihre Schwester in den gebuchten Zug einsteigen wollen gibt es weder eine Rampe noch einen Lifter. Es gibt auch keinen, der überhaupt weiß, dass eine Rollstuhlfahrerin an Bord kommen soll. „Niemand fühlte sich zuständig“, erinnert sich die Bocholterin.

Gerkes fragen hier und bitten dort. In letzter Minute heben Bahn-Mitarbeiter sie mit einem Lifter samt Rollstuhl in den Zug. Unterwegs versucht das Flixtrain-Personal nach eigener Aussage, am Berliner Hauptbahnhof anzurufen, kommt aber nicht durch.

Deshalb muss der Zug dort eine halbe Stunde warten, bis eine Rampe organisiert ist. Unnötig zu erwähnen, dass die anderen Passagier wenig begeistert sind. „Und ich habe mich auch nicht wohl gefühlt“, sagt Gerke.

DB-Mobilitätszentrale war nicht informiert

Flixtrain-Sprecher Sebastian Meyer kann den Ärger verstehen, sieht sein Unternehmen aber nur teilweise in der Verantwortung. „Wenn ein Fahrgast mit Rollstuhl mit dem Flixtrain reisen möchte, muss er dies bei der Mobilitätszentrale der Deutschen Bahn anmelden. Die Kollegen helfen körperlich beeinträchtigten Reisenden dann beim Ein- und Ausstieg. In diesem Fall lag keine entsprechende Anmeldung vor.“

„Hätten wir gemacht“, sagt Gerke, „wenn uns das jemand gesagt hätte.“ Hat aber keiner. „Darauf hätten die Reisenden durch den Flixtrain-Kundenservice hingewiesen werden müssen“, gibt Meyer zu.

Wieder mit dem Flixtrain – Auf der Rückfahrt sollte eigentlich alles besser werden

Einen Vorteil haben die Probleme auf der Hinfahrt. Familie Gerke weiß nun, was für die Rückfahrt zu beachten ist. „Da haben wir natürlich diese Mobilitätszentrale angerufen, um den Rollstuhl anzumelden.“

Dort benötigt man allerdings eine Wagen- und Sitzplatznummer, um das benötigte Gerät an den richtigen Ort zu schaffen. Doch die kann Flixtrain nicht liefern, weil es in dem fraglichen Zug keine reservierten Plätze gibt. Aber wieder kommt die Versicherung, Hannelore Gerke komme auf jeden Fall in den Zug.

Kein Platz für einen Rollstuhl – Waggon ist nicht barrierefrei

Kommt sie nicht. Nicht weil bei der für 8.30 Uhr geplanten Abfahrt aus Berlin wieder niemand etwas weiß beim Personal, sondern weil an der Lok nicht ein einziger Waggon hängt, in den ein Standard-Rollstuhl passen würde. Der Flixtrain fährt ohne Gerke.

Sollte nicht passieren, heißt es aus der Pressestelle des Unternehmens. Ist aber offenbar kein Einzelfall, wie sich beim Blick auf einschlägige Internet-Foren zeigt. „Wir beziehen unser Wagenmaterial von verschiedenen Anbietern. Einige Wagentypen sind dabei schwerer zu bekommen als andere, so dass es aktuell noch passieren kann, dass auf einzelnen Fahrten kein Wagen mit rollstuhlgerechtem Einstieg verfügbar ist“, räumt Sebastian Meyer ein. Man arbeite an dem Problem.

Hannelore Gerke ist mit der Deutschen Bahn aus Berlin zurückgekommen. „Ohne Probleme“ aber auch für knapp 120 Euro. „Das ist sehr viel Geld für mich.“ Flixtrain hat ihr den Betrag „aus Kulanz“ erstattet und noch einen Gutschein für eine kostenlose Fahrt dazu gelegt. Doch den will Gerke nicht nutzen. „Ich habe mich selten so diskriminiert gefühlt, wie in diesem Fall“, sagt sie. „Ich fahre nicht mehr mit denen.“

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