Gerichtsposse

Prozess um totes Filmhuhn: Wie viel war Sieglinde wert?

Und Action: Filmhuhn Sieglinde "spielte" im Fernsehfilm "Wir sind doch Schwestern" an der Seite von Jutta Speidel.

Und Action: Filmhuhn Sieglinde "spielte" im Fernsehfilm "Wir sind doch Schwestern" an der Seite von Jutta Speidel.

Kleve/Weeze.  Ein Hund reißt ein Huhn. Doch das Opfer war prominent. Nun muss das Landgericht Kleve den Wiederbeschaffungswert eines Filmhuhns bestimmen.

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Sieglinde muss ein überaus talentiertes Huhn gewesen sein. "Das ist ja klasse, wie dieses Huhn arbeitet", soll der große Filmproduzent Nico Hoffmann am Set über die braune Legehenne aus Weeze gesagt haben. Sieglinde spielte an der Seite oder jedenfalls zu Füßen von Jutta Speidel in "Wir sind doch Schwestern", ließ ein Auto scharf vor sich bremsen, ohne zu flattern und humpelte passend zu einem Verband am Flügel. Ein Huhn, verständig und zutraulich wie ein Hund, das gibt es nicht alle Tage. Darum will die Besitzerin nun 4000 Euro für Sieglinde geltend machen. Denn Sieglinde ist tot, gerissen von einem Hund vor zwei Jahren.

Auf einige strittige Fragen hat bereits das Amtsgericht überzeugende Antworten gefunden, darum muss sich Gerd Waldhausen, Präsident des Landgerichts Kleve, am Freitagvormittag nicht mehr im Klein-Klein verlieren. Ja, das Opfer war "ein Filmhuhn und kein eierlegendes". Um die Identität des erlegten Tieres zu beweisen, wurden etliche Zeugen gehört. Und trug die Besitzerin Ute Milosevic eine Mitschuld, weil sie ein so wertvolles Huhn frei auf ihrem Hof in Weeze herumlaufen ließ? Das Amtsgericht sah das so, Waldhausen sieht es anders: "Auf ihrem Grundstück können sie tun und lassen, was sie wollen."

Die Kernfrage aber bleibt: Wie hoch ist nun der Schaden? "Es gibt ja keinen Markt für Filmhühner. Wir können nur schätzen."

Der Wiederbeschaffungswert eines Charakterhuhns

Verhandelt wird dabei keineswegs der entgangene Gewinn, auch wenn der beträchtlich sein dürfte. "Ein Huhn verdient ja fast wie ein Schauspieler", erklärt die Besitzerin. "400 bis 600 Euro pro Tag" - wobei etwa drei Viertel an die Agentur der Tiertrainerin gehen, die auch die Ausbildung von Sieglinde geleistet hat und am Set mit ihr arbeitet. Diesen Ausfallhabe man nicht geltend machen wollen, um Streitwert und Anwaltshonorar nicht in absurde Höhen zu treiben, erklärt Milosevics Anwältin. Es geht also nur um den "Wiederbeschaffungswert".

Das Amtsgericht hatte so gerechnet: 15 Euro kostet ein Huhn, mindestens zehn Stunden dauert das Training, hatten Zeugenbefragungen ergeben. Verdient die Trainerin 60 Euro die Stunde - auch das eine hypothetische Untergrenze, macht das 600 plus 15 Euro. Weil Sieglinde mit fünf weiteren Hühnern frei herumlaufen durfte, siehe Mitschuld, bekam Ute Milosevic nur die Hälfte zugesprochen: 307 Euro und 50 Cent.

Ein Huhn mit dem Gemüt eines Hundes

Doch man kann ja nicht einfach irgendein Huhn ausbilden für Film und Fernsehen, argumentiert sie nun. "Sieglinde war fast wie ein Hund. Sie lief mir hinterher, wollte auf den Arm und gekrault werden, sie war einfach nett." Auch Tiertrainerin Aurelia Franke-Hornung bestätigt vor Prozessbeginn: "Es ist sehr selten, so ein Tier zu finden. Sitzszenen sind wahnsinnig schwierig. Das Huhn muss in sich ruhen." Franke-Hornung hat auch "Die wilden Hühner" für die gleichnamigen Filme geliefert, da war Sieglinde noch nicht geboren. "Aber dort hätte sie locker mithalten können."

"Es gibt doofe Hühner und es gibt Talente", zitiert Richter Waldhausen aus dem ersten Prozess. Doch den Aufwand, ein Charakterhuhn zu finden, kann ein Gericht nicht schätzen. Die Anwältin hat also eine längere Trainingsdauer angenommen, die bei weniger begabten Tieren nötig wäre - eine Art Talentfaktor. So kommt sie auf den neuen Streitwert von 4000 Euro. Aber wie hoch war der Aufwand tatsächlich für das Training von Sieglinde?

"Sie war knappe drei Monate in der Ausbildung", erklärt ihre Trainerin vor dem Prozess. "Nicht jeden Tag, aber doch mehrfach in der Woche." Aurelia Franke-Hornung nahm die Henne mit auf den Kalkaer Marktplatz, wo sie sich an Menschenmengen gewöhnte, brachte ihr bei, sich von jedem berühren zu lassen, auf Kommando zu laufen und zu setzen, hinter einem Reifen hervorzuschauen und unter einem Auto herzulaufen. So gelangte Sieglinde an Rollen bei "Wendy" und in Shows wie Stern TV. Vielleicht kann man Sieglindes Star-Status daran festmachen, dass sie sogar zwei Doubles hatte, "denn sie war kein Huhn, das man scheuchen konnte".

Sieglinde starb jung

Ihre Karriere war noch jung, neue Angebote habe sie schon gehabt, als Sieglinde im Alter von nur zwei Jahren eines schönen Sommertages im Juni 2017 von einem Shiba-Inu, Vertreter einer japanischen Hunderasse mit großem Jagdtrieb, gerissen und zweimal um den Zwinger des Hofhundes getragen wurde. Ein Freund des Besitzers soll versucht haben, den Hund einzufangen. Der Besitzer bot zehn Euro an. Wie es auf dem Gerichtsflur heißt, hätte sich Ute Milosevic auch gerne ohne Prozess geeinigt, aber offensichtlich kam es zu Nickeligkeiten - die sich auch in der Berufung andeuten.

Das Huhn - explizit nicht das "Filmhuhn" - sei schon deutlich älter gewesen, das habe ein Zeuge, selbst Hühnerhalter und Tierpfleger, nach dem Unfall an den Krallen erkannt, führt die Anwältin des Hundebesitzers an. Denn wie bei einem Auto mindert das Alter gegebenenfalls den Wert. Richter Waldhausen: "Da hat er in diesem Schreckmoment drauf geachtet?" Milosevics Anwältin: "Das Huhn war vollkommen zerfleddert und er hat es gar nicht in den Händen gehalten. Stattdessen wurde Frau Milosevic eher verhöhnt."

Ein Urteil über das Huhn der Herzen fällt am Freitag nicht. In drei Wochen will Richter Waldhausen seine Entscheidung bekannt geben.

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