Säure-Attentat

Säure-Anschlag auf Innogy-Manager: War es ein Konkurrent?

Bernhard Günther im April 2016

Bernhard Günther im April 2016

Foto: Felix Heyder

Essen.  Vor eineinhalb Jahren schütten Unbekannte Manager Bernhard Günther Säure ins Gesicht. Der Fall gab Rätsel auf. Nun wurde ein Mann festgenommen.

Eine Theorie habe er durchaus, wer hinter dem Säure-Anschlag auf ihn stecke, sagte der Top-Manager Bernhard Günther im Juli 2018. Aber die wollte der Innogy-Finanzvorstand für sich behalten. Nun scheint sich dieser rätselhafte Kriminalfall schrittweise zu lösen, den die Ermittler schon erfolglos zu den Akten gelegt hatten.

Ein anonymer Hinweis führte nun zur Festnahme eines 32-Jährigen, den die Polizei für einen der beiden Männer hält, die Günther vor eineinhalb Jahren Säure ins Gesicht schütteten. Ein Kölner Rocker soll es sein, ein hochrangiges Mitglied der „Hells Angels“ – und doch nur ein Auftragsschläger. Sein Auftraggeber ist noch unbekannt – es soll, so schreibt der Focus, ein beruflicher Konkurrent Günthers sein.

Ein „bekannter Manager der deutschen Stromindustrie“ soll es demnach sein, der mehrfach versucht haben soll den beruflichen Aufstieg von Bernhard Günther zu torpedieren, da er sich selbst für den Job interessiere. Dies gehe aus Zeugenaussagen in den Ermittlungsunterlagen der Wuppertaler Staatsanwaltschaft und der Düsseldorfer Kriminalpolizei hervor, schreibt Focus. Die Staatsanwaltschaft dementierte diesen Bericht auf Anfrage nicht. Zu diesen Informationen passt: Sechs Jahre zuvor war der damalige RWE-Finanzchef schon einmal beim Joggen zusammengeschlagen worden. Auch dies ohne offenkundiges Motiv, der Fall wurde nie aufgeklärt. Günther selbst hatte nicht ausgeschlossen, dass es einen Zusammenhang gebe zwischen den beiden Überfällen.

Damals, 2012, rückte er in den Vorstand des Dax-Konzerns RWE auf, zuvor war er Chef der Tochter RWE Supply & Trading GmbH. Drei Jahre lang war Günther als Finanzvorstand der zweite Mann bei RWE, bevor 2016 das Geschäft mit erneuerbaren Energien abgespalten wurde. Mit Chef Peter Terium wechselte er in gleicher Funktion zur neuen Tochter Innogy, ohne seinen Arbeitsort im Essener RWE-Turm wechseln zu müssen.

Eine berufliche Veränderung, ein Überfall

Auch beim zweiten Überfall, am 4. März 2018, ebenfalls ein Sonntag, stand eine berufliche Veränderung an, von der Finanzvorstand Günther allerdings noch nichts wusste. Jedenfalls nicht offiziell, denn kurz zuvor hatte der Abgang von CEO Terium Unheilvolles für Innogy angedeutet. Eine Woche nach dem Attentat auf Günther gaben Eon und RWE bekannt, dass Innogy übernommen und aufgelöst werden sollte.

Günther selbst hatte den Überfall so geschildert: Er ist mit Freunden joggen. Die letzten 300 Meter läuft er allein nach Hause, vorbei an einem Park in Haan bei Düsseldorf. Ein gepflasterter Weg, zur einen Seite offen, zur anderen mit Büschen und Bäumen bestanden: Plötzlich schneidet ihm ein jüngerer Mann den Weg ab, ein zweiter rennt von hinten auf ihn zu, wirft den Manager zu Boden, hält ihn fest. Der erste öffnet ein Gefäß über ihm, die Säure fällt ihm ins Gesicht. Nur Sekunden dauert der wortlose Überfall, dann sind die Männer verschwunden. Günther denkt im ersten Moment an Reizgas, läuft nach Hause, wäscht sich schnell, wählt dabei den Notruf. Wenig später schwebt er in Lebensgefahr. Sein Gesicht ist noch heute gezeichnet.

Lange war über das Motiv gerätselt worden. Auch über den Versuch einer Kursmanipulation wie im Fall des Anschlags auf die BVB-Mannschaft im April 2017 wurde spekuliert. Sollte nun ein weiterer bekannter Energie-Manager den Anschlag beauftragt haben, wie der Focus schreibt, wäre dies ein Schock für die Branche. Günthers Arbeitgeber hatte stets zu ihm gehalten. Er ist der einzige Innogy-Vorstand, der nach der Übernahme durch Eon bislang seinen Job behalten hat. Als die Düsseldorfer Polizei im September 2018 die Ermittlungen einstellte, lobte Innogy in Verbindung mit einer Plakatkampagne eine Belohnung von 80.000 Euro aus für Hinweise, die zur Aufklärung des Attentats führen. Man wolle mögliche Gefahren für andere Führungskräfte abwenden, hieß es damals. Günther habe zugesagt, die Belohnung zu zahlen, falls sich der Angriff als Privatangelegenheit herausstelle.

Detektive leisteten die Ermittlungsarbeit

Kurz darauf soll sich ein Informant bei dem von Innogy und Günther beauftragten Berliner Sicherheitsunternehmen gemeldet haben, schreibt Focus. Über die Zusammenarbeit mit serbischen Sicherheitsstellen sei man auf den in Serbien geborenen Marco L. gekommen sein. Der Tatverdächtige soll sich lange als Leibwächter für Kölner Rotlicht-Bosse verdingt haben. Bereits am Freitag nahm die Staatsanwaltschaft Wuppertal den Kampfsportler am Rande einer Ringer-Veranstaltung fest. Er sitzt nun in Untersuchungshaft. Dies bestätigt die Staatsanwaltschaft Wuppertal ebenso wie Durchsuchungen in mehreren Städten in NRW. Weitere Details nennt eine Sprecherin „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht. Fest steht aber: Der zweite Täter ist noch nicht gefasst.

Günther hatte bereits Ende 2018 seine Arbeit wieder aufgenommen, am 13. März diesen Jahres zeigte er sich erstmals wieder der Öffentlichkeit: „Ich fände es schwer erträglich, wenn dieser Fall tatsächlich unaufgeklärt bleiben sollte“, sagt er damals – „sowohl von meinem Gerechtigkeitsgefühl her als auch für die Sicherheit meiner Person und meiner Familie. Das kann wohl jeder nachvollziehen, der selber Familie hat.“

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