Tierschutz

„Gerettete“ Hunde aus dem Ausland landen häufig im Tierheim

Viele Hunde landen erst einmal in der Quarantäne-Station, weil Vorgaben bei der Einreise nicht eingehalten wurden.

Viele Hunde landen erst einmal in der Quarantäne-Station, weil Vorgaben bei der Einreise nicht eingehalten wurden.

Foto: STEFAN AREND / WAZ

Essen.  500.000 Hunde bringen Deutsche jährlich aus dem Ausland mit - oft aus Mitleid. Tierschützer beschreiben die Entwicklung als „dramatisch“.

Meistens ist es Liebe auf den ersten Blick: treue Augen, süße Schlappohren – viele Hunde sind einfach zum Knuddeln schön. Eine halbe Million Hunde bringen Deutsche pro Jahr aus dem Ausland mit nach Hause. Diese Schätzung veröffentlichten Experten jüngst bei einem Kongress im italienischen Triest. „Das Phänomen ist in den letzten Jahren deutlich stärker geworden“, bestätigt Ralf Unna, Tierarzt und Vize-Präsident des Landestierschutzverbandes NRW. Was viele Menschen, die meist nur Gutes tun wollen, nicht wissen: Mit den Hunden aus dem Ausland bringen sie womöglich auch Krankheiten mit nach Deutschland.

Als „dramatisch“ beschreibt deswegen Torsten Nauke die Entwicklung. Er ist Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins „Parasitus Ex“, der Grundlagenforschung rund um das Thema „parasitäre Erkrankungen bei Tieren“ betreibt. Nauke kann Zahlen nennen: Insgesamt kämen pro Jahr rund 300.000 Hunde aus dem Mittelmeerraum und rund 200.000 aus Osteuropa nach Deutschland. „Das liegt daran, dass hier einfach keine Mischlingshunde gezüchtet werden“, erklärt Nauke. Diese seien bei Familien allerdings besonders beliebt.

Infektionskrankheiten in Deutschland

Jeanette Gudd vom Essener Tierheim ist davon überzeugt, dass nicht die Züchtung, sondern das Mitleid der Menschen mit den Tieren dafür sorgt, dass immer mehr Deutsche Hunde aus dem Ausland mit in die Heimat bringen. „Mitleid und Unwissenheit“, betont Gudd.

Das habe fatale Folgen: Die Infektionserkrankung Leishmaniose zum Beispiel, die über die im Mittelmeerraum verbreitete Sandmücke übertragen wird, ist mittlerweile auch in Deutschland angekommen. Erkrankte Hunde sind appetitlos, lethargisch und werden mager. „2002 hatten rund 5000 Hunde in Deutschland Leishmaniose, heute sind es 130.000 Hunde“, sagt Torsten Nauke. Die einzige Lösung aus Sicht des Experten: „Den Hund unbedingt sofort testen lassen.“

Wie mache ich alles richtig?

„Dass man einen Hund aus seiner vermeintlich schlechten Situation retten will, das ist ja erst mal nicht verwerflich“, meint Ralf Unna. Und doch gibt er zu bedenken: „Den Hund dann einfach so mitnehmen – das geht trotzdem nicht.“

Erst einmal müsse geklärt werden, ob der Hund, der es einem angetan hat, tatsächlich kein Zuhause hat. In

vielen Regionen wie zum Beispiel Italien und der Türkei sei es nämlich üblich, dass Hunde tagsüber durch die Gegend streunen und abends wieder nach Hause gehen. „Den Leuten ist nicht klar, was sie damit anrichten, wenn sie die Hunde einfach mitnehmen“, sagt Ralf Unna.

Er selbst habe einen Bekannten, der auf einem großen Grundstück auf Mallorca seine fünf Hunde habe frei laufen lassen. „Nacheinander haben die Leute ihm seine Hunde einfach geklaut“, ärgert sich Unna. „Und das nur, weil sie dachten, dass die Hunde keinen Besitzer hätten.“

Seriöse Tierschutzorganisationen suchen

Ist der auserkorene Hund tatsächlich herrenlos, sind vor der Einreise nach Deutschland trotzdem noch einige Dinge zu organisieren: Die Hunde müssen gechipt, also registriert und geimpft sein. „Das alles muss noch im Ausland passieren“, weiß Jeanette Gudd. Die Impfung der Hunde muss bei Einreise mindestens 21 Tage alt und noch gültig sein. Wer diese Regeln missachtet, riskiert, dass Tiere über mehrere Monate in Quarantäne gesteckt werden müssen.

„Auch das Phänomen der Reisepaten ist illegal“, erklärt Unna. Dabei beauftragen Tierschutzorganisationen Privatpersonen, Hunde oder Katzen im Flugzeug mitzunehmen, um diese dann bei der Ankunft an die Organisationen zu übergeben.

Genehmigung für Tiertransport

„Den Tiertransport für Dritte muss man anmelden und braucht eine Genehmigung“, sagt Unna. Viele Tierschutzorganisationen – meistens jene, die nicht mit einem Tierheim verknüpft sind und keine personellen Ressource haben – arbeiteten allerdings ohne diese Genehmigungen und suchten sich Unwissende, die etwas Gutes tun möchten und die Tiere dann nach Deutschland bringen.

„Es gibt aber seriöse Organisationen, mit denen man zusammenarbeiten kann“, sagt Jeanette Gudd vom Essener Tierheim. Und damit durchaus Möglichkeiten, den Hund auf legalem Weg nach Deutschland zu bringen. Sie selbst habe schon einige Male von Fuerteventura Hunde mit nach Deutschland gebracht, „und das war alles rechtlich abgesichert.“

Der Verantwortung bewusst sein

Mit dem Hund einmal in Deutschland angekommen, gibt es immer noch viel zu tun: „Auf Mittelmeerkankheiten müssen sie nach einem halben Jahr noch einmal getestet werden“, erklärt Ralf Unna.

Doch so weit komme es bei vielen Leuten gar nicht: Die Meisten seien sich der Verantwortung, die ein Hund mit sich bringt, gar nicht bewusst. „Erstmal spielt man gerne den Retter“, meint Unna. „Aber wenn die Leute montags wieder zur Arbeit gehen müssen, merken sie auf einmal, dass der Hund gar nicht in ihr Leben passt.“ Viele Hunde aus dem Ausland landeten auch relativ schnell nach ihrer Einreise wieder in einem Tierheim.

Und noch etwas gibt Ralf Unna zu bedenken: „Warum muss ich ein Tier aus seiner gewohnten Umgebung reißen, wenn in einem hiesigen Tierheim 120 Hunde in Zwingern sitzen und auf neue Besitzer warten?“

Organisationen vor Ort unterstützen

Diese Meinung teilt auch Jeanette Gudd. „Für streunende Hunde ist es gar nicht so einfach, sich bei einer Familie einzuleben“, meint sie. Trotzdem findet sie es nicht verwerflich, wenn Familien Hunde aus dem Ausland mit nach Deutschland bringen. Das Wichtigste dabei aus ihrer Sicht: „Unbedingt an die örtlichen Tierschutzvereine wenden.“ Mit diesen zusammen könne nach der besten Lösung für den Hund gesucht werden.

Ein weiterer Tipp von Jeanette Gudd soll dazu beitragen, die Situation der Hunde vor Ort zu verbessern: „Wer trotzdem helfen will, kann Kastrationsprogramme vor Ort unterstützen“, sagt sie. Denn nur mit Spenden könne die Überpopulation in den betreffenden Ländern und damit das Leid der vielen Hunde gestoppt werden.

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