Armut

Ein falscher Antrag führte Velberter in die Obdachlosigkeit

Im Jahr 2016 waren in Deutschland laut BAG Wohnungslosenhilfe rund 860 000 Menschen obdachlos.

Im Jahr 2016 waren in Deutschland laut BAG Wohnungslosenhilfe rund 860 000 Menschen obdachlos.

Foto: Matthias Balk/dpa

Velbert-Mitte.   Weil er einen falschen Antrag ausgefüllt hatte, bekam der 54-Jährige kein Geld mehr überwiesen. Daraufhin kündigte ihm seine Vermieterin.

Ein falscher Bescheid, eine strenge Vermieterin – und schon saß der 54-Jährige auf der Straße. So jedenfalls erzählt er von seiner „noch ganz frischen“ Obdachlosigkeit. Fünf Mal habe er einen Weiterbewilligungsantrag für das Arbeitslosengeld II gestellt, fünf Mal ging alles gut.

Plötzlich kam kein Geld mehr

Doch dann gab’s plötzlich kein Geld mehr. „Ich habe nachgehakt, sollte einen neuen Antrag stellen“, berichtet der gelernte Elektroinstallateur. Doch auch die nächste Zahlung – und damit auch die nächste Miete – kamen nicht. „Meine Vermieterin hat das dann genutzt, um mir zu kündigen. Sie ist auch im Recht, sie hat ja zwei Mal keine Miete bekommen.“

Was den Mann besonders ärgert: Er hat einen falschen Antrag gestellt, und niemand hat ihn aufgeklärt. „Ich hätte einen so genannten Hauptantrag stellen müssen, meine Bankverbindung und die Wohnsitzänderung durchgeben müssen. Dann wäre alles normal weiter gegangen.“

Ans Aufgeben gedacht

Doch damit nicht genug: Weil er eine Geldstrafe nicht mehr bezahlen konnte, musste er zweieinhalb Monate ins Gefängnis. In dieser Zeit wurde auch sein Konto aufgelöst. Kaum war er aus der Haft entlassen, wurde er krank, musste ins Krankenhaus. „Danach hatte ich noch zwei Tage Zeit, meine Wohnung zu räumen.“ Zunächst kommt er bei Bekannten unter, zwei Nächte verbringt er draußen. „Aber geschlafen habe ich nicht. Ich hatte Angst, dass mich jemand überfällt.“ Also läuft er durch die Stadt, allein mit seinen Gedanken. „Ich hab schon dran gedacht, Schluss zu machen“, gibt er zu. „Ich hatte auch schon eine Stelle gefunden, an der ich mich nicht mehr selbst hätte befreien können.“

Ein Dach über dem Kopf und Tipp einer Bekannten

Doch er überlegt es sich anders, kommt in der Obdachlosenunterkunft an der Kuhler Straße in Langenberg unter. Eine Bekannte macht ihn auf die Obdachlosenberatung der Diakonie aufmerksam. Und so langsam geht es aufwärts. „Hier kann ich meine Post hinschicken lassen, das ist schon mal gut. Denn für den Schriftverkehr mit dem Amt brauche ich eine Anschrift.“ Auch die Sparkasse hilft, richtet ihm ein neues Konto ein. Nun sitzt er in dem kleinen Frühstücksraum bei der Diakonie und füllt den Hauptantrag aus. „Ende Januar habe ich dann einen Termin, dann dauert es etwa zwei bis drei Wochen, bis der Antrag durch ist“, erzählt er. Und er hoffe, dass „die sich kulant zeigen und eine Eilüberweisung machen. Davon hängt so viel ab, ich muss ja auch telefonieren können zum Beispiel.“ Und dann könne er sich auch endlich auf die Wohnungssuche konzentrieren.

Für die IHK-Prüfung geübt

Arbeiten würde der groß gewachsene Mann mit dem kurzgeschorenen Haar auch gerne: Eine Umschulung zum Lageristen/Logistiker hat er begonnen. „Mir fehlen noch sechs Monate Berufserfahrung, dann könnte ich auch als eigentlich Ungelernter einen festen Job bekommen.“ Doch eine weitere Maßnahme bekomme er nicht genehmigt. „Das wären noch einmal sieben- oder achttausend Euro. Dann sind die mich los“, sagt er. „Ich hätte sogar eine Chance auf eine Festanstellung.“ Geübt hat er schon: „Ich habe mir die IHK-Prüfungen angeschaut, habe sie mit Stoppuhr, also unter Zeitdruck, geübt – und bestanden. Jetzt hätte ich nur gerne eine Chance, die Prüfung auch wirklich ablegen zu können.“

Schimmel, Dreck und „fürchterliche Zustände“ - Die Obdachlosenunterkunft an der Kuhler Straße sei „nicht zumutbar“, klagt ein Nutzer

Schimmel rund um die Fenster, die Dichtungen an der Badewanne sind auch verschimmelt, an der Spüle und in der Schaumstoffmatratze große schwarze Flecken: „Unfassbar“, klagt ein Bewohner der Obdachlosenunterkunft an der Kuhler Straße in Langenberg. „Das ist eine Behausung, die Zustände sind katastrophal.“ Dazu sind einige Zimmer vermüllt, die Tür zu seinem Raum ließe sich nicht abschließen. „Ich trage meine Wertsachen immer im Rucksack bei mir“, berichtet der Bewohner. Und zeigt ein Schreiben der Stadt: Hygienevorschrift ist dort zu lesen. „Das musste ich unterschreiben. Ein Witz ist das, so wie das da aussieht.“ Außerdem müsse er auch noch zahlen für die Tage, die er dort verbracht habe. „192 Euro, unfassbar.“

Stadt antwortet auf Vorwürfe

Konfrontiert mit den Vorwürfen, äußert sich die Stadt als Betreiber der Unterkunft wie folgt: „Die Stadt Velbert betreibt in der Kuhler Straße 23 eine Unterkunft für Obdachlose. Bei der Schaffung von Obdachlosenunterkünften geht es nicht um die Zurverfügungstellung von ,Ersatzwohnraum’. Die Rechtsprechung geht davon aus, dass es sich hierbei um eine Unterkunft in einfachster Form handelt, also im Prinzip ein ,Dach über dem Kopf’ und der Aufenthalt auch nur vorübergehender Natur ist.“

Obdachlose bleiben länger als geplant

Weiter heißt es in der Stellungnahme: „Tatsächlich dauert der Verbleib der von Obdachlosigkeit betroffenen Personen jedoch deutlich länger, da sie erhebliche Schwierigkeiten haben, sich am Wohnungsmarkt zu bedienen. Gründe hierfür sind Mietschulden und damit der Verlust der Wohnung durch Zwangsräumungen, Scheidung vom Ehepartner, Arbeitslosigkeit und Krankheiten, Suchtverhalten, fehlende Resozialisierung von Strafgefangenen, psychische Störungen.“

Dann geht es um den Zustand der Unterkunft: „Demgemäß ist auch das Wohnverhalten häufig auffällig. Die Stadt Velbert versucht, dem entgegenzusteuern und sowohl als Folge des Heiz-Lüftungsverhaltens entstehenden Schimmel als auch den immer wieder anfallenden Müll zu beseitigen. Die Bewohner werden regelmäßig zu einem pfleglichen Umgang mit der Unterkunft angehalten. Eine Mängelbeseitigung und Renovierung ist aus verständlichen Gründen erst nach Freiwerden der jeweiligen Wohneinheit möglich.“

Leserkommentare (5) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik