Sexualität

Ein Exhibitionist spricht über seine Sucht

Dortmund. Exhibitionisten haben im Sommer Hochsaison. Betroffene Frauen kämpfen oft mit traumatischen Erfahrungen. Ein Exhibitionist aus Dortmund spricht über seine Sucht – und seine Versuche, davon loszukommen.

Alfred Esser weiß, wie es ist, wenn Frauen in Parks schreiend davonrennen – angeekelt, erniedrigt, schockiert, verängstigt. Jetzt, mitten im Sommer, hagelt es Polizeimeldungen. Exhibitionisten haben Hochsaison in der warmen Jahreszeit. Betroffene Frauen kämpfen oft mit traumatischen Erfahrungen.

Alfred Esser heißt nicht wirklich so, er benutzt ein Pseudonym, wenn er an die Öffentlichkeit tritt. Wobei in diesem Fall die Öffentlichkeit der Medien gemeint ist. Nicht die Öffentlichkeit, die Esser sucht, wenn er – sexuell erregt – die Hose herunter lässt. Eine Öffentlichkeit, für die er schon 20 000 Euro Geldstrafe zahlte und 17-mal verurteilt wurde, zu insgesamt sieben Jahren Gefängnis – immer wieder zur Bewährung. Alfred Esser kann es zwar nicht lassen, sich Frauen gegenüber in aller Anonymität zu entblößen („niemals gegenüber Kindern"), versucht aber, seine Sucht in den Griff zu bekommen.

"Man kann das nicht vollständig wegbekommen"

Vor 20 Jahren gründete er eine Selbsthilfegruppe für Exhibitionisten in Dortmund unter den Fittichen des Gesundheitsamtes, machte selbst etliche Therapien mit und weiß heute: „Man kann das nicht vollständig wegbekommen. Doch man kann Wege finden, damit umzugehen." Die Neigung zur Nacktheit könne kanalisiert werden: „Ich rate meinen Leuten in der Selbsthilfegruppe: Fangt als Männer-Stripper an oder bei einem Nacktputzservice."

Kaum für heilbar hält der Aachener Sexualtherapeut Volker Vandenboom den Drang zum Exhibitionismus: „Es gibt nur wenige Exhibitionisten, die eine Therapie bis zum Ende durchziehen. Viele brechen ab. Manche versuchen ihre Probleme auszugleichen, indem sie mehr Aufmerksamkeit in Familie und Beruf auf sich ziehen." Viele Täter hätten in ihrer Jugend ein emotional kaltes Verhältnis zu ihren Eltern gehabt.

Als 15-Jähriger im Jugendknast

Als 14-Jähriger habe er seine Neigung zum ersten Mal verspürt, sagt Esser. Als 15-Jähriger wurde er festgenommen, landete im Jugendknast. Trotzdem hat er es geschafft, nicht als Außenseiter durchs Leben zu taumeln, hat Familie, mittlerweile sogar Enkelkinder. Diese ahnen nichts von den Schattenseiten ihres Opas, niemand weiß es, außer Essers Ehefrau. Sie hat vom Doppelleben ihres Mannes erst später erfahren, wollte ihn nicht verlieren, versuchte ihm zu helfen, riet ihm zur Therapie. Er sagt: „Es gibt die Theorie, dass wir Exhis Macht ausüben wollen. Es ist tatsächlich ein kribbelndes Gefühl, wie bei einem Fußball-Profi, der vor achtzigtausend Zuschauern spielt."

Esser hat aber auch verstanden, dass Frauen geschockt sind, wenn er sich zeigt, dass sie Angst bekommen. Doch die Sucht überwiegt sein Mitgefühl.

Es gibt kaum Therapieangebote für Exhibitionisten, „zumindest sind mir kaum welche bekannt", berichtet Hans-Ludwig Kröber, Professor für forensische Psychiatrie an der Berliner Charité. Allerdings entwickelten die wenigsten Täter ein Hilfebedürfnis. „Das ist wie bei einem Raucher, der findet sein Suchtverhalten zwar schade, macht aber trotzdem weiter."

Frauen, die mit einem Exhibitionisten konfrontiert werden, rät der Professor: „Nach Möglichkeit unbeeindruckt bleiben, aber weglaufen und schnell zu anderen Menschen gehen." Die Experten sind sich einig: Auf jeden Fall eine Anzeige erstatten, damit das Risiko für die Täter hoch bleibt.

Auch bei Alfred Esser ist die Sorge gewaltig, erwischt zu werden, wieder auf der Anklagebank zu landen, von Freunden und Familie erkannt zu werden. Deshalb ist er vorsichtig: „Ich wurde seit zehn Jahren nicht mehr verhaftet."

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