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Ein Besuch in der Zukunft des Supermarkts

Hohe Decken und offene Wege gehören zum Konzept und sollen den Kunden ermöglichen, jederzeit auf dem kürzesten Weg durch den Markt zu laufen.

Hohe Decken und offene Wege gehören zum Konzept und sollen den Kunden ermöglichen, jederzeit auf dem kürzesten Weg durch den Markt zu laufen.

Foto: Jakob Studnar / FUNKE Foto Services

Rheda-Wiedenbrück.  Ein Familienunternehmen in Rheda-Wiedenbrück hat den Supermarkt weiterentwickelt: Er ist noch größer, bietet mehr Service, und es geht rund.

Es beginnt klassisch, mit Obst und Gemüse, und dem laienhaften Blick fällt allenfalls auf: Oh, die Äpfel liegen hier flach und nebeneinander – um Druckstellen zu vermeiden. Aber schon das erste Regal dahinter ist ungewöhnlich für einen Supermarkt: Lauter Unverpackt-Waren, Reis, Nudeln, Nüsse, Müslis, die die Kunden sich aus den Spendern in ihre Verpackungen rutschen lassen.

Reiner Schenke (56) wäre ein schlechter Kaufmann, wenn er den Vergesslichen unter den Umweltbewegten nicht aushelfen könnte: Natürlich verkauft er am Unverpackt-Regal auch Verpackungen. Als Bückware: Papiertüten und Tupper-Dosen. Schenke ist kein schlechter Kaufmann.

„Wir wollen den Kunden auf angenehme Weise verführen“

Im Kreis Gütersloh führt die Familie unter anderem sieben Edeka-Märkte, und mit dem neuesten sind sie dorthin zurückgekehrt, wo die Großeltern 1934 mit einem kleinen Geschäft für Kolonialwaren begannen. Und so kommt es, dass mitten im kleinen Wiedenbrück ein Supermarkt der Zukunft mit 38.000 unterschiedlichen Artikeln steht. Sie haben ihn nicht neu erfunden, aber entschlossen weiterentwickelt.

Supermärkte verführen ja mit Tricks dazu, dass Kunden mehr kaufen, als sie wollten, Schenke gibt das gerne zu und ergänzt: „Wir wollen den Kunden aber auf angenehme Weise verführen.“ Das beginnt mit einem Vordach, das viele Parkplätze überwölbt, und drinnen bewegt man sich dann unter einem Holzdach, das in sieben Metern Höhe liegt. So viel Luft muss sein: Beheizt wird das Gebäude ausschließlich über Wärmerückgewinnung aus der Kühlung, sonst könnte man sich diesen Luxus nicht erlauben.

Man geht nicht mehr lange, gerade Reihen entlang

Auch ansonsten stellt das 3500 Quadratmeter große Geschäft „einen Bruch zum klassischen Layout eines Supermarktes dar“, so das Forschungsinstitut des Handels EHI. Das ist vielleicht das Auffälligste: Man geht nicht lange, gerade Reihen entlang, sondern in Kreisen um eine Mitte mit Bedien-Theken. Buchstäblich Rundgang.

Und da die schräg auf die Mitte ausgerichteten Regale wenige Meter kurz sind, kann man die Richtung ständig ändern und zwischen den Kreisen wechseln. „Den Kunden gefällt es, und sie sagen uns das auch“, sagt Reiner Schenke. Stimmt, uns sagen sie das auch; wenn sie auch nicht gerade sagen, sie fühlten sich hier so angenehm verführt.

Tests mit Kassensystemen, Schwätzkassen und Geschäften ohne Personal

Der stationäre Lebensmittelhandel ist ein einziges Experimentierfeld. Erstens, weil sich alles ständig weiter entwickelt; zweitens, weil er sich behaupten muss gegen den Online-Handel. So gibt es zahlreiche Experimente mit Kassensystemen, an denen niemand mehr sitzt. Selber scannen wie bei Ikea wird vielerorts ausprobiert, auch hier, und die Wiedenbrücker Erfahrung ist: Je höher der Bon wohl ausfallen wird, desto eher gehen die Kunden zur Kassiererin. Aber auch Einkaufswagen mit Handscannern sind in Deutschland im Test.

Ein weites Feld: In den Niederlanden schaut eine Handelskette, was sie mit Schwätzkassen erreicht, wo die Leute sich Zeit lassen können; und in Thüringen wird geschaut, ob ein Laden ganz ohne Personal läuft. Nur nachts kommt eine Frau. Zum Einräumen.

„Gut ausgebildete und informierte Servicekräfte sind der beste Weg“

Ganz so wird es wohl nicht. Der Supermarkt der Zukunft habe zwar weniger Personal für einfache Arbeiten wie Kassieren oder Einräumen, sagt die Unternehmensberatung Oliver Wyman in einer Studie voraus. Das führe zu Einsparungen und damit zu Spielraum für höher qualifizierte Tätigkeiten.

„Gut ausgebildete und informierte Servicekräfte sind der beste Weg für direkte Kundenkontakte und die Basis für Loyalität und Vertrauen . . . Gefordert ist Einkaufsvergnügen statt Prozessabwicklung.“ Wyman nennt als Beispiele Kochkurse oder Ernährungsberatung im Supermarkt und gastronomische Angebote. Die gibt’s dann schon in diesem Edeka: Ein Café und ein Bistro integriert im Innern, und als Fachkräfte stellen sich beispielsweise der Wein- und der Käse-Sommelier vor.

An der Fleischtheke tragen sie Metzgerschürzen, beim Fisch Fischerhemden

Zum Verführen gehört vielleicht auch, dass die Fisch-Verkäuferinnen Fischerhemden tragen, die Angestellten an der Fleischtheke Metzgerschürzen, und beim Obst und Gemüse sehen die Mitarbeiter so aus, als stammten sie vom Wochenmarkt. „Wir stellen uns auf zwischen Supermarkt und klassischem Handwerk“, sagt Schenke dazu. So sucht man auch Bildschirme mit Sonderangeboten vergeblich und findet stattdessen handbeschrieben Tafeln: „Premiumgeflügel vom Weidehof Raesfeld.“

Vielleicht wird es nicht jedes Element in andere Supermärkte schaffen. Das Männerregal (Herrenschokolade, Rasierpinsel, Whisky, Grillsoßen). Die umgruppierten Waren, wo plötzlich Eierlikör neben Eiern steht und Schwarzbrot-Chips beim Brot („Im Chipsregal würden die untergehen“). Aber jedenfalls hat Schenke schon den einen oder anderen Kollegen zwischen den Reihen gesehen und getroffen und ist angesprochen worden. „Man guckt ja immer auf andere Märkte, wie sich die Lebensmittel-Welt entwickelt.“ Hat er doch auch gemacht.

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