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Dreharbeiten laufen: Leben von Berthold Beitz wird verfilmt

Sven Eric Bechtolf spielt Berthold Beitz. Gedreht wird in den Räumen von Schloss Drachenburg in Königswinter. Foto: Ralf Rottmann/ Funke Foto Services

Sven Eric Bechtolf spielt Berthold Beitz. Gedreht wird in den Räumen von Schloss Drachenburg in Königswinter. Foto: Ralf Rottmann/ Funke Foto Services

Foto: Ralf Rottmann

Königswinter/Essen.   Der WDR verfilmt das Leben von Berthold Beitz. Gedreht wird auch in Essen, nicht aber in der Villa Hügel. Aus einem ganz einfachen Grund.

Auf den ersten Blick ist die Illusion fast perfekt. Da sieht man Berthold Beitz, wie er im Halbdunkel hinter dem Schreibtisch seines Büros in der Villa Hügel in Essen sitzt. Das Haar so grau wie der Zweireiher, den er trägt. Bis man genauer hinschaut und feststellt, dass man bei einem Blick aus dem Fenster nicht über das Ruhr-, sondern das Rheintal blickt.

Denn die Villa Hügel ist in Wahrheit Schloss Drachenburg in Königswinter. Im ehemaligen Krupp-Domizil gab es keine Drehgenehmigung. Daher entstehen die meisten Innenaufnahmen für einen abendfüllenden Spielfilm über Beitz in dem Bau unterhalb des Drachenfelsens. Arbeitstitel des 90-Minüters: „Ein unruhiges Leben.“ Schauspieler Sven-Eric Bechtolf (61) schlüpft unter der Regie von Grimme-Preisträger Dror Zahavi (Zivilcourage, München 72) in die Rolle des legendären Krupp-Managers.

Den ganzen Tag regnet es wie aus Kübeln, aber WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn hat sich nicht davon abhalten lassen, nach Königswinter zu kommen. Denn diese Dreharbeiten würde es ohne ihn wahrscheinlich gar nicht geben. Wochen-, ja monatelang hat er versucht, nach Erscheinen der Beitz-Biografie ein Interview mit dem damals hochbetagten Krupp-Patriarchen zu bekommen. Aber Beitz war schon zu schwach, war nicht mehr in der Lage, stundenlang zu sprechen.

„Das habe ich sehr bedauert“, sagt Schönenborn. Und nach dem Tod des 99-Jährigen hat er sich für einen Film über Beitz stark gemacht. Auch weil es „unvorstellbar ist, wie viel Geschichte im Leben dieses Mannes steckt“. Beim Sender und in der Branche rannte er offene Türen ein. Was Schönenborn nicht wundert. „Wir suchen ja immer nach der Geschichte von Menschen, die nicht nur glänzen, sondern deren Biografie auch Brüche hat.“ Und die von Beitz hat so viele Brüche, dass es schwierig ist, sie in voller Länge zu erzählen.

Deshalb haben Zahavi und Produzentin Katharina M. Trebitsch große Teile der Handlung in das Deutschland des Jahres Deutschland 1973 gelegt. Krupp, eines der größten Industrieunternehmen der BRD, kämpft ums Überleben. Beitz, der damals bereits seit mehr als 20 Jahren die Geschicke des Konzerns lenkt, weiß, dass das wichtigste Kapital der Firma ihr guter Name ist. Deshalb entscheidet er sich zu einem ungewöhnlichen Schritt.

Er beauftragt Dichter-Sohn und Star-Historiker Golo Mann, aus Vater Thomas’ Erzählungen durchaus vertraut mit dem Niedergang großer Familien, damit, eine Biografie des vor sechs Jahre zuvor verstorbenen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach zu schreiben. Immer wieder treffen sich der im Film von Edgar Selge gespielte Mann und Beitz zu langen Gesprächen.

Für das Drehbuch hat der Sender endlos lange Tonbandprotokolle dieser Unterhaltungen abgehört. „Wir sind“, sagt die zuständige Redakteurin Nina Klamroth dann auch, „nahe an der Realität.“ Dennoch nennt der WDR den Film „fiktional“.

Die Treffen von Mann und Beitz, es sind Begegnungen zweier Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Beitz, der sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat, ein zupackender Macher und charismatischer Sonnyboy. Golo Mann, Großbürger, ewiger Sohn und zaudernder Melancholiker. Während der eine mit der Vergangenheit nichts mehr zu tun haben will, entwickelt der andere zunehmendes Interesse an dessen Geschichte.

Als junger Mann rettete Beitz im Zweiten Weltkrieg im besetzten Polen Hunderten Juden das Leben. Wie kann er nun mit den Tätern von damals zusammenarbeiten und Krupp, die einstige „Waffenschmiede der Nation“, retten wollen? Für Golo Mann ein Rätsel, dem er auf die Schliche kommen will und bei dem nicht nur alte Geheimnisse gelüftet werden. Was als Plauderei beginnt, wird zu einem regelrechten Duell und mündet schließlich in der Eskalation.

Natürlich gab es mehrere Kandidaten für die Hauptrolle. Aber schon nach den ersten Probeaufnahmen war die Entscheidung für Sven-Eric Bechtolf gefallen. Nicht nur weil der dem realen Vorbild äußerlich recht nahe kommt. Man habe keinen bekannten TV-Schauspieler haben wollen, der Beitz spiele, aber dabei immer der bekannte Schauspieler bleibe, sagt Trebitsch. Bechtolf, schwärmt sie, sei genau die richtige Wahl gewesen. Ein großartiger Mime aber eher bekannt für seine Arbeit am Theater. „Er verschwindet hinter der Figur.“

Gesendet werden soll der Film, der laut Produzentin sowohl von der Krupp-Stiftung als auch von Beitz-Kindern unterstützt wird, „Ende 2019/Anfang 2020“. Die Zielsetzung ist hoch. Man wolle, heißt es beim Sender, die Frage beantworten: „Wer war dieser Mann, der fast alle kannte und den heute, sechs Jahre nach seinem Tod, immer weniger Menschen kennen?“

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