Imagekampagne

Dortmund: Nordstadt empört über Werbung mit bösen Sprüchen

Transparente mit der Aufschrift „Im Dunkeln kannste da ja nicht vor die Tür gehen!“ und „Da sieht´s doch aus wie Sau“ hängen an der Fassade eines Gebäudes am Borsigplatz.

Transparente mit der Aufschrift „Im Dunkeln kannste da ja nicht vor die Tür gehen!“ und „Da sieht´s doch aus wie Sau“ hängen an der Fassade eines Gebäudes am Borsigplatz.

Foto: Bernd Thissen / FUNKE Foto Services

Dortmund.  „Da sieht’s doch aus wie Sau“: Mit solchen Sprüchen wirbt Vivawest für Wohnen in der Nordstadt. Aber viele Menschen leben jetzt schon gerne hier.

Der Schreibblock, der Fotoapparat, klare Sache: Elisabeth Brinkmann erkennt Reporter, wenn sie welche sieht. Sie erhebt sich aus dem Rollator, auf dem sie gesessen hat im Freundeskreis am tosenden Kreisverkehr des Borsigplatzes, und kommt gelaufen. „Wir sind alle sehr unzufrieden, schreiben Sie das mal“, sagt Brinkmann und zeigt auf ein Plakat an den wunderbar erneuerten Fassaden ringsum, auf dem steht: „Im Dunkeln kannste da ja nicht vor die Tür gehen.“

Das stimme nicht und mache sie wütend, sagt die 50-Jährige Frührentnerin , eine frühere Krankenschwester. Tatsächlich stößt das Wohnungsunternehmen Vivawest mit solchen und ähnlichen Plakaten („Da gibt’s doch nur Bruchbuden“, „Da sieht’s doch aus wie Sau“) in der Dortmunder Nordstadt auf Empörung. Die Plakate stehen seit kurzem bei Mietshäusern, die Vivawest sehr schick renoviert hat, der Widerspruch springt sofort ins Auge, er ist so gewollt – aber Ironie funktioniert nicht im Problemviertel. Am Mittwoch wollen Vivawest und Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) die Kampagne vorstellen.

Obdachlose sind nur 50 Meter und zugleich Welten entfernt vom schicken Bistro

Der wunde Punkt ist: Das schlechte Image stimmt – nur zum Teil. Der Dreck ist in vielen Straßen auffällig, Drogenhändler, Trinker und Prostituierte, geschenkt, und auf dem Nordmarkt sitzt gerade eine Gruppe Männer, die ihren Hausstand in Plastiktüten und zerschlissenen Reisetaschen mit sich führen.

Sie sind zugleich 50 Meter und doch Welten entfernt von dem Bistro und Biergarten „Grüner Salon“, den die Schwestern Milena und Jasna Rethmann führen – zwei junge Frauen aus Hamstrup, einem Dorf, so klein, wie es klingt, und zu konform war es ihnen irgendwann wohl auch. Die 34-jährige Milena ist sehr kritisch mit der Nordstadt, sie sagt aber auch: „Lebendig, echt, bunt.“

„Viele Medien wollen nur ein Bild malen von Ghetto“

Echt ist auch die Isomatte von Nico, die draußen in einer Ecke liegt; er schläft immer in Dunstkreis des Bistros, wo ein Dach ist und Licht nachts: „Da fühlt er sich sicher“, sagt Milena Rethmann. Sie selbst wohnt in der Nordstadt, genießt die Vielfalt („Ich finde es spannend, so viele Sprachen zu hören“), hat aber auch Verständnis für Menschen, die sich hier unwohl fühlen: „Das muss man auch akzeptieren.“

Wenig Verständnis hat sie für jenen legendären Reporter, der vor Jahren einflog und ernsthaft in die Kamera sagte, er könne nur am Nordmarkt stehen, weil die Polizei ihn schütze. Die Geschichte erzählen viele hier, wissen, so Rethmann: „Viele Medien wollen nur ein Bild malen von Ghetto.“

„Und wenn du eine Telefonkarte brauchst für Timbuktu, gibt’s die auch“

Hier ist das Bild vom Ghetto, aber dort „zeigen alle Indikatoren in die richtige Richtung“, sagt einer der „Nordstadtblogger“: Das ist eine Gruppe professioneller Journalisten, die vor allem über Dortmund schreiben. „Chancen und Erfolge werden fast immer ausgeblendet“, sagt er.

Es gibt noch immer viele Schrottimmobilien, aber längst nicht so viele wie früher. Die Kriminalität ist hoch – aber längst nicht so hoch wie früher,bestätigt auch die Polizei. Und zusehends gehen mehr Kinder auf ein Gymnasium. Die Nordstadt sei eine „Integrationsmaschine: Die Mieten sind günstig, die Sprachen alle da, und wenn du eine Telefonkarte brauchst für Timbuktu, gibt’s die auch.“ Aber es reicht natürlich ein Kameraschwenk auf einen Mann, der eine leere Flasche Schnaps ins Gebüsch wirft - und Ghetto.

Sehr hohe Dichte an sozialen Projekten

Es ist, sagt der Sozialwissenschaftler Sebastian Kurtenbach, „im Großen und Ganzen die gleiche Nordstadt wie vor 30 Jahren. Es ist sehr viel Geld investiert worden, es hat die Sozialstruktur aber kaum verändert.“ Von Verschwendung könne man aber nicht sprechen: „Es ist eine bemerkenswerte soziale Infrastruktur entstanden.“ Sie sei sehr wichtig, denn sie mache Aufstiege wahrscheinlicher.

„Denken Sie sich ein beliebiges Sozialprojekt aus, in der Nordstadt ist es zumindest in Ansätzen wahrscheinlich schon da.“ Daher ja auch der flotte Spruch: Wenn man in der Nordstadt aus dem Fenster stürze, solle man aufpassen, um nicht auf einen Sozialarbeiter zu fallen.

Soziale Distanz führt zu räumlicher Distanz

Das Problem ist: Wer aufsteigt, zieht fort. Soziale Distanz führt zu räumlicher Distanz. „Man braucht mehr selbstgenutztes Eigentum für Aufsteiger und Arbeitsplätze für Hochqualifizierte“, so Kurtenbach. Aber auch da tut sich etwas. Der Nordstadtblogger erzählt von Leuten, die das Nachbarhaus auch noch kauften: nicht, weil sie das Haus wollten, sondern weil sie den Ärger/Lärm/Müll nicht mehr wollten, der davon ausging.

17 Jahre lebe sie in der Nordstadt, sagt Elisabeth Brinkmann, die Frau, die sich so über die Plakate ärgert. Nie sei ihr etwas passiert, ach doch, ein versuchter Raubüberfall am Geldautomaten. So ein Bürschchen. „Ich hab dem gesagt, guck dir mal meine Hände an.“ Oh, ja. „Und: Ich hol’ meinen Ex-Mann, der macht das für dich klar. Da hat der so Kniegas gegeben.“ Am Borsigplatz konnten wir Frau Brinkmann natürlich nur unter Polizeischutz treffen. Achtung, das war Ironie jetzt.

>>>>> Geschichte und Einwohner

Die Nordstadt entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. „Sie war schon immer verrufen, immer mit demselben Thema: armutsgeprägte Zuwanderung“, sagt der Sozialwissenschaftler Sebastian Kurtenbach. Die Sozialstruktur ähnelt der von Duisburg-Marxloh, allerdings ist die Nordstadt mit 60.000 Einwohnern viel größer. Eine Zählung sozialer Projekte, wo mindestens eine Kraft arbeitet, kam 2019 auf 146 Projekte. Es gibt Beispiele großer Stadtviertel, die sich von ähnlich finsterem Ruf befreien konnten. In Köln sagt heute niemand mehr: „Alles Schlimme dieser Welt / kommt aus Porz und Ehrenfeld.“

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben