Gute Nachrichten

Diese Grafiken zeigen: Das Leben im Revier wird immer besser

Der Storch kehrt zurück, weniger Ehen werden geschieden und es gibt mehr Radwege.

Der Storch kehrt zurück, weniger Ehen werden geschieden und es gibt mehr Radwege.

Foto: Christian Creon/FFS, Getty (2) / Funkemedien NRW

Ruhrgebiet.  Früher war nicht alles besser im Ruhrgebiet. Uns sind die langen Linien nur nicht bewusst. Diese 15 guten Nachrichten sind Futter für Optimisten.

Mehr Menschen als je zuvor engagieren sich ehrenamtlich, im Ruhrgebiet steigt seit rund 15 Jahren die Zahl der Arbeitsplätze, und die Straßenkriminalität ist auf einem Tiefststand, ein Viertel geringer als vor zwanzig Jahren. Dennoch fühlen sich offenbar viele Bürger unsicher, sorgen sich vor Arbeitslosigkeit und empfinden die Gesellschaft als unsolidarisch – wie Umfragen zeigen und Kommentare in sozialen Netzen zu bestätigen scheinen. Tatsächlich ist die Lebensqualität in der Region enorm gestiegen. Dies wollen wir mit diesem Schwerpunkt zu positiven Entwicklungen zeigen.

Gute Nachrichten – schon der wertende Vorsatz wird kritische Geister zum Widerspruch verleiten. Tatsächlich zeichnen die hier versammelten Statistiken ein einseitig positives Bild. Dabei wollen wir nicht verschweigen, dass etwa die Entwicklung der verfügbaren Einkommen in NRW (und besonders im Ruhrgebiet) dem Bundes-Trend hinterherhinkt. Ist es also eine gute Nachricht, dass sich die Einkommen in fast 40 Jahren mehr als verdreifacht haben – oder eine schlechte, weil andere Bundesländer besser dastehen?

Und müsste man nicht die Inflation berücksichtigen? Rechnerisch hätten die Bürger dann nur noch ein Drittel mehr Geld. Aber früher gab es noch keine iPhones und Seiten-Airbags, Südfrüchte und Flugreisen waren deutlich teurer. Wie jede Statistik muss man die hier versammelten Diagramme interpretieren. Sie sind jedoch nicht beliebig ausgewählt, sondern zeichnen ein Bild tiefgreifender Veränderungen, die unser Leben in der Region prägen. Wenn diese Zahlen Denkanstöße liefern, haben sie ihren Zweck erfüllt.

„Dass wir über langfristige Trends nachdenken, ist schwieriger geworden in unserer schnelllebigen Zeit“, begründet Professor Jörg Bogumil die Wahrnehmungsschere. „Kurze Nachrichten über das Internet werden zunehmend nicht mehr differenziert“, sagt der Leiter des Zentrums für interdisziplinäre Regionalforschung an der Ruhr-Uni Bochum. Dabei sei das Ruhrgebiet „wirklich auf einem guten Weg. Das habe ich vor fünf Jahren noch nicht so gesagt.“

„Wir haben es geschafft, in Richtung einer Wissensgesellschaft zu gehen“, sagt Bogumil. „Anfang der 60er-Jahre hatten wir etwa 500.000 Bergleute. Heute sind es 270.000 Studenten.“ Zudem bleiben mehr Hochschulabsolventen in der Region, finden und schaffen Arbeit. „Wir bilden weiterhin Ingenieure für Bayern aus, aber das ist positiv. Sie kommen erst mal her.“

„Bei den Arbeitslosenzahlen sind wir natürlich immer noch auf einem drei Prozent höheren Niveau als der Rest des Landes, aber wir sind nicht mehr abgekoppelt von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“, erklärt Bogumil. „Wir haben viele Vorruhestände, es mag noch 15 Jahre dauern, bis das abgebaut ist.“ Zudem komme es verstärkt zu Ausgründungen. Der Gesundheitscampus in Bochum sei hervorhebenswert: „33.000 Leute arbeiten in der Region in der Gesundheitswirtschaft, das liegt über dem Bundesdurchschnitt und entwickelt sich weiter positiv.“

Zudem sei der Emscherumbau bald abgeschlossen, sagt der Regionalforscher. „Er wird Gegenden attraktiv machen, die wir bisher kaum betreten haben. Das Ausmaß dieses Wandels wird wohl vor allem das südliche Ruhrgebiet überraschen.“ Die Anzahl der Arten in und an der Emscher und ihren Bächen hat sich verdreifacht, seit Beginn des Umbaus 1990, von 170 auf 450. Darunter sind so anspruchsvolle Tiere wie die Bachschmerle, der Eisvogel, die Blauflügelige Prachtlibelle, die Gebirgsstelze und die heimische Bachforelle.

Natürlich ist auch das Wasser in der Ruhr besser geworden. Bei Duisburg haben sich die drei wesentlichen Kenngrößen für die Ermittlung der Wasserqualität laut Ruhr-Verband enorm verbessert (gemessen wurde die mittlere Fünf-Jahres-Konzentration seit 1976): Die Belastung mit organischen Stoffen durch Abwasser, Düngemittel und Deponien, Farben, Öl und Plastik sowie Tierkadaver hat sich fast halbiert (der „Chemische Sauerstoffbedarf“ ist von 16,4 auf 9 mg/l zurückgegangen). Die Stickstoffbelastung durch Industrie, Landwirtschaft, gewerbliche Abwässer ist auf einen Bruchteil geschrumpft (NH4-N: 0,8 auf 0,04), ebenso die Phosphorbelastung durch Abwasser, Spülmittel etc. (TP: 0,83 auf 0,09) Eine erhöhte Konzentration begünstigt Sauerstoffarmut und das Umkippen von Gewässern.

Ladendiebstähle und Autoeinbrüche sind sehr viel seltener geworden

Interpretationsspielraum bietet die Kriminalstatistik. Doch viel spricht dafür, dass NRW deutlich sicherer geworden ist, auch wenn sich Gegenbeispiele finden lassen. So gab es eine Zunahme der Körperverletzungen um fast 90 Prozent seit 1998. Cyber-Betrug ist ein wachsendes Feld. Auch haben die Taschendiebstähle um ein Drittel zugenommen.

Dafür ist Handtaschenraub selten geworden, die Zahl der Fälle ging um zwei Drittel zurück von 1396 auf 417. Die Straßenkriminalität insgesamt ist um ein Viertel gesunken, Ladendiebstähle sind um fast die Hälfte zurückgegangen ebenso wie Autoeinbrüche. Bank- und Postraub sind gewissermaßen aussterbende Delikte: 278-mal geschah es 1998, nur noch 23 mal im vergangenen Jahr. Die Zahl der Wohnungseinbrüche in NRW ist um etwa ein Drittel gesunken von 47.868 auf 29.904 (auch wenn sie zwischen 2011 und 2016 höher lag als vor 20 Jahren). Das Risiko, zum Zufallsopfer zu werden, ist gesunken.

Statistisch eindeutiger wird es im Gesundheitsbereich: Rund 25 Jahre ist es erst her, da musste für eine Gallenblasen-Operation noch der Bauch mit einem 20 Zentimeter langen Schnitt geöffnet werden. Heute sind in aller Regel nur drei kleine Schnitte von einem Zentimeter nötig. „Viele Standard-OPs werden heute minimal-invasiv durchgeführt“, sagt Prof. Marcel Dudda, Direktor der Unfallchirurgie am Uniklinikum Essen. „Der Patient ist viel schneller auf den Beinen und es gibt weniger Komplikationen.“ Auch das hat dazu beigetragen, dass sich die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus für Patienten mehr als halbiert hat in 40 Jahren (von 16 auf 7,1 Tage). Zugleich arbeiten dort fast dreimal so viele Ärzte (von 15.900 auf 42.200).

Wir bleiben in der Folge länger gesund und aktiv. Menschen über 80 Jahre in NRW sind zu 86 % in ihrem Leben (eher) zufrieden, belegt die Studie „NRW80+“ der Uni Köln. Über 60 Prozent empfinden ihre Gesundheit als sehr gut bis eher gut. Noch in diesem Alter, das die heutige durchschnittliche Lebenserwartung übertrifft, haben etwa zwei Drittel keinen Pflegegrad und ein Viertel ist in einem Verein oder einer Organisation aktiv.

Mehr Menschen engagieren sich ehrenamtlich

Das ehrenamtliche Engagement insgesamt geht rauf, entgegen der landläufigen Meinung, unsere Gesellschaft werde herzenskälter. Eine detaillierte Statistik dazu gibt es erst seit 1999, doch Experten sagen, dass sich noch nie so viele Menschen um das Gemeinwohl verdient gemacht haben wie heute. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung stieg bis 2014 (dem Jahr der letzten Erhebung) von 34,5 auf 41 Prozent.

Nicht zuletzt sind wir auch mobiler geworden. Wir können uns mehr – und sicherere – Autos leisten. Das macht sich natürlich in neuen Staurekorden bemerkbar. Ob man dies als ein Zeichen des Wohlstands oder der Umweltzerstörung deutet, muss ein jeder selbst entscheiden.

Doch auch die Radwege haben sich entwickelt. Zusätzlich zum überregionalen Netz des RVR von 1290 Kilometern hat auch die Emschergenossenschaft 130 Kilometer an Betriebswegen zu Radwegen umgebaut, um das neue Naherholungsgebiet am Fluss erlebbar zu machen.

Natürlich ist nicht alles positiv. Bogumil weist vor allem auf die großen sozialen Unterschiede im Revier hin, auch innerhalb der Städte. „Zum Beispiel bei Kitas könnte man in einigen Gegenden mehr tun.“ Doch würden sich Land und Städte mittlerweile stärker in schwierigen Vierteln engagieren. „Eine gezielte bessere Ausstattung und mehr Sozialarbeiter hätten Sie vor zehn Jahren nicht diskutieren können.“ Auch arbeiten die Städte nun enger zusammen. „Wir haben besseres Führungspersonal“, so Bogumil. „Die neuen, jüngeren Oberbürgermeister sprechen mehr miteinander.“

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