70 Jahre WAZ

Symposium: Zukunft der Zeitung liegt in noch mehr Qualität

WAZ-Symposium „Lokaljournalismus: Wie Zukunft gelingt“: Auf Zeche Zollverein diskutierten unter anderem Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Institut für Medienwissenschaft, Universität Tübingen), Christine Richter (Chefredakteurin Berliner Morgenpost), Andreas Tyrock (Chefredakteur WAZ) und Clemens Tönnies (Eigentümer Tönnies Holding und Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04).

WAZ-Symposium „Lokaljournalismus: Wie Zukunft gelingt“: Auf Zeche Zollverein diskutierten unter anderem Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Institut für Medienwissenschaft, Universität Tübingen), Christine Richter (Chefredakteurin Berliner Morgenpost), Andreas Tyrock (Chefredakteur WAZ) und Clemens Tönnies (Eigentümer Tönnies Holding und Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04).

Foto: Ralf Rottmann

Essen.   130 Fachleute diskutierten auf Einladung der WAZ über die Herausforderungen des Journalismus im digitalen Zeitalter.

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Schwindende Akzeptanz, sinkende Auflagen, der Druck der digitalen Medien: Die Zeitungsbranche ist in einer epochalen Umbruchphase. Welche Strategien verfolgen die Verlagshäuser? Wie können Redaktionen Informationsbedürfnisse besser bedienen? Und welche Konzepte gibt es eigentlich gegen die Flut von Falschmeldungen besonders aus dem Netz? Das wollte die WAZ wissen und lud 130 Chefredakteure, Redaktionsleiter und Medienforscher aus ganz Deutschland ein, um über die Herausforderungen der Medienwelt zu diskutieren.

„Lokaljournalismus: Wie Zukunft gelingt“ hieß der Titel des Symposiums auf dem Essener Weltkulturerbe Zollverein. Klare Botschaft: In ihrem Jubiläumsjahr sucht die WAZ Antworten auf die drängenden Fragen von morgen. „Dies ist keine Veranstaltung, in der wir auf sieben Jahrzehnte zurückblicken wollen“, betonte WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock zum Auftakt. Am Ende dieses erkenntnisreichen Tages zeichnete sich denn auch ab: Ist der Journalismus nur mutig, verlässlich und einfallsreich genug, kann die Zukunft tatsächlich gelingen.

Pörksen: Internet erlaube auch eine Art Demokratisierung der Manipulation

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen umriss zunächst, wie die „neue Macht der Lüge“ die Welt verändert hat. Falschinformation und Manipulation seien im digitalen Zeitalter Tür und Tor geöffnet, so Pörksen in seiner brillanten Analyse. Vor wenigen Jahrzehnten noch sei mit der Digitalisierung die Hoffnung verknüpft worden, mehr Informationen führten automatisch zu mehr Medien-Mündigkeiten. „Heute weiß man: Die Informationsflut fördert vor allem die Desinformation.“

WAZ-Symposium auf Zollverein

„Lokaljournalismus: Wie die Zukunft gelingt“: Zu ihrem 70. Geburtstag diskutierte die WAZ mit 130 Gästen bei einem Symposium auf dem Essener Weltkulturerbe Zollverein.
WAZ-Symposium auf Zollverein

Pörksen zog einen historischen Vergleich: Während von dem seit seiner Jugend gelähmten US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt in zwölfjähriger Amtszeit lediglich drei Fotos im Rollstuhl veröffentlicht worden seien, habe ein einziges Handyvideo vom kurzen Schwächeanfall Hillary Clintons genügt, um eine weltweite Debatte darüber auszulösen, ob die US-Präsidentschaftskandidatin von 2016 überhaupt den Belastungen des Amtes standhalte.

Doch Pörksen malte die neue Medienwelt nicht simpel schwarz-weiß. Das Internet erlaube auch eine Art Demokratisierung der Manipulation. Pörksen: „Jeder kann mitmachen. Jeder ist heute ein Sender.“ Weil man die „Öffnung des öffentlichen Raums“ im Netz aber nicht einfach wieder zurückdrängen könne, müsse die Gesellschaft anders auf den rasanten Wandel reagieren – mit zusätzlichen Bildungsangeboten etwa und mehr Kontrolle.

Heutige Netz-Monopolisten müssten strenger kontrolliert werden

Er schlug vor, an den Schulen ein vollwertiges Fach Medienanalyse einzuführen und die Lehrerausbildung entsprechend auszurichten. Die Netz-Monopolisten unserer Tage müssten strenger kontrolliert und zu deutlich mehr Transparenz gezwungen werde. Pörksen: „Wer sich über die Berichterstattung seiner Zeitung beschweren will, kann dort einfach anrufen. Versuchen Sie das mal bei Facebook, Twitter, Google und Co.“

Pörksen warnte, journalistische Tugenden wie profunde Recherche und das Prinzip, erst zu prüfen und dann zu publizieren, angesichts der digitalen Schnelllebigkeit über Bord zu werfen. „Professioneller Journalismus ist heute wichtiger denn je“, sagte der Forscher.

Auch Clemens Tönnies, als Schalke-Boss und Deutschlands größter Fleischfabrikant medienerfahren genug, betonte die „wichtige Filterfunktion“ klassischer Journalisten. „Wir müssen die Berichterstattung glaubhaft halten“, sagte er in der Diskussionsrunde. Verlage sollten auf Qualität setzen. Tönnies: „Als Unternehmer sage ich: Wer sich kaputtspart, macht sich hinterher überflüssig.“

Christine Richter, Chefredakteurin der wie die WAZ zur Funke Mediengruppe gehörenden Berliner Morgenpost, forderte einen Journalismus „noch näher an den Menschen“. Lesernähe und Innovation verknüpft auch die Bochumer WAZ-Lokalredaktion. Das Projekt „ProBo“, vorgestellt vom stellvertretenden WAZ-Chefredakteur Alexander Marinos und Redakteurin Linda Heinrichkeit, verzahnt besonders eng Online und Print und rückt zudem das Stadtteil-Leben in den Fokus.

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