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Beim eingestürzten Kölner Stadtarchiv droht Verjährung

ARCHIV - Trümmer liegen in Köln an der Stelle, an der sich das eingestürzte Historische Stadtarchiv befand (Archivfoto vom 04.03.2009). Am Montag äußert sich die Stadt Köln zur Situation fünf Jahre nach dem Einsturz des Stadtarchivs. Foto: Oliver Berg dpa/lnw +++(c) dpa - Bildfunk+++

ARCHIV - Trümmer liegen in Köln an der Stelle, an der sich das eingestürzte Historische Stadtarchiv befand (Archivfoto vom 04.03.2009). Am Montag äußert sich die Stadt Köln zur Situation fünf Jahre nach dem Einsturz des Stadtarchivs. Foto: Oliver Berg dpa/lnw +++(c) dpa - Bildfunk+++

Foto: Oliver Berg

Köln.   2009 stürzte das Kölner Stadtarchiv ein. Zwei Menschen starben. Die Staatsanwälte stehen unter gewaltigem Zeitdruck. Es droht Verjährung.

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Die Bilanz dieser Katastrophe ist erschreckend. 33 Kilometer wertvolle Archivbestände sind zerstört, darunter ein Teil des Nachlasses von Heinrich Böll und seine Nobelpreisurkunde. Ein Schaden von hochgerechnet 1,2 Milliarden Euro ist entstanden. Vor allem aber: Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009 hat zwei Menschenleben gefordert. Der 17-jährige Kevin, ein Bäcker, und der 24 Jahre alte Student Khalil haben nicht überlebt.

Jetzt erst, mehr als acht Jahre später, steht die Aufarbeitung des Unglücks an der Baustelle der U-Bahn-Station Waidmarkt vor der juristischen Weichenstellung. Wohl bis Mai will die Staatsanwaltschaft der Domstadt entscheiden, ob sie Anklage wegen fahrlässiger Tötung und Baugefährdung erhebt. Davon geht derzeit Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer aus.

Der Staatsanwaltschaft läuft die Zeit davon

Im Visier: Leitende Ex-Mitarbeiter von Baukonzernen wie Bilfinger und Berger und Wayss und Freytag, aber auch der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB). Ob jemand überhaupt und wer auf die Anklagebank muss? Das hängt von einem Gutachten zur Einsturzursache ab. Es liegt den Staatsanwälten noch nicht vor. Bremer will derzeit deshalb auch Berichte nicht bestätigen, dass sieben Verdächtige mit der Vorladung rechnen müssten – von zunächst fast einhundert.

Die Juristen liefern sich ein Rennen mit der Zeit. Am 2. März 2019, zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Archivs, endet die Verjährungsfrist. Kommt es zur Anklage, muss das Landgericht bis zu diesem Zeitpunkt ein Urteil gefällt haben. Sonst tritt Verjährung ein. Das Drama bliebe dann ohne Schuldigen – und auch ohne Möglichkeiten, noch Schadenersatz zu erstreiten.

Was an diesem Nachmittag des 3. März 2009 passiert, ist ins Kölner Stadtgedächtnis eingebrannt. Vor der Tür des Archivs liegt damals eine 25 Meter tiefe offene Baugrube, die neue Nord-Süd-U-Bahn soll hier den unterirdischen Bahnhof Waidmarkt bekommen. Um 15 Uhr zieht sich ein breiter Riss durch die Fassade. Ein Handy-Video der Schüler des Kaiserin-Auguste-Gymnasium hält noch die Staubwolke fest, die dem Riss folgt, dann ist das Archivgebäude nur noch ein Trümmerfeld, sind die uralten gelagerten Dokumente zu „Kölnflocken“ geworden. Zum Glück konnte der Lesesaal noch geräumt werden. Die beiden Todesopfer wohnen im Nachbarbau. Sie schlafen fest, als der ganze Block ins Rutschen gerät.

Pfusch, Pannen, Zwischenfällen und gefälschte Bauprotokolle

350 Millionen Seiten bedrucktes Papier haben die Staatsanwälte in den ersten Ermittlungsjahren durchgearbeitet. Eigens wurde, mit Kosten von 129 Millionen Euro, ein 39 Meter tiefer Schacht gegraben, damit Taucher vor Ort fahnden konnten. Schnell stellte sich auch heraus, dass die Baustelle gespickt war mit Pfusch, Pannen, Zwischenfällen. Bauprotokolle wurden gefälscht, tonnenweise Stahl gestohlen. Schon vier Wochen vor dem Einsturz ist das Archivgebäude zwei Zentimeter eingesunken. Die Setzungen wurden zwar gemeldet. Keiner kümmerte sich besonders.

Bei der eigentlichen Ursachenforschung stehen heute zwei Theorien gegeneinander. Die der Bauunternehmen handelt vom „hydraulischen Grundbruch“. Danach lag unter der Baustelle ein unentdeckter Hohlraum. Aus der Nachbarschaft sind Erde, Kies und Wasser nachgerutscht. Die Archivfundamente seien dann in dieses Loch gebrochen. Eine Art Naturereignis. Höhere Gewalt. Was bedeutet: Es gibt keine Schuldigen.

Aus der Sicht der Ermittler sieht das anders aus. Sie vermuten nachlässige Arbeit an der Spundwand, die die Baustelle gegen Grundwasser schützen sollte. Der „Tatort“: Die Lamelle 11, tief im Erdreich. Irgendwann, so belegt es die Aussage eines Lkw-Fahrers, ist hier ein Bagger auf Widerstand gestoßen und hat verbogenes Metall ans Tageslicht befördert. Gehörte es zur nur lässig montierten unterirdischen Baustellensicherung? Hat die Bauleitung über diesen alarmierenden Vorgang einfach hinweggesehen? Ist durch das so gerissene Loch der Boden des Stadtarchivs gerutscht? Auch ein aufgefundener Stein, der dort nicht hingehört, spielt eine Rolle. Kommt es zum Prozess, wird die Bewertung vom Landgericht viel technisches und geologisches Verständnis und Kleinarbeit fordern.

Das verschüttete Archivgut ist zu 90 Prozent geborgen, es wird mühsam getrocknet und zusammengebastelt. Vieles ist zumindest digital wieder greifbar.

Auf ihre neue U-Bahn werden die Kölner jedoch noch warten müssen. Die Ermittlungen haben eine Bauunterbrechung nötig gemacht. Frühestens 2023 könnten die ersten Bahnen rollen.

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