Klimawandel

Die Trockenheit bedroht Wälder, Ernte und Schifffahrt

Extremes Niedrigwasser führte der Rhein im Sommer 2018.

Extremes Niedrigwasser führte der Rhein im Sommer 2018.

Foto: Martin Gerten/dpa

Ruhrgebiet.   Die Böden sind ausgetrocknet und der April war trockener als der im Dürrejahr 2018. Die Trockenheit greift tief ein in Natur und Wirtschaft.

Heute ist der Tag des Baumes, aber er kommt zu spät. Früher pflanzte man Bäume im kühlen und feuchten April. Doch erneut hat schon der Februar die 20-Grad-Marke geknackt. Viele im vergangenen Jahr gepflanzte Bäume hätten nicht überlebt, heißt es von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Gepflanzt werde künftig im März. Die Trockenheit greift tief ein in Natur und Wirtschaft.

Die Landwirte

Die kommenden Wochen sind entscheidend. „Ist der Mai kühl und nass, füllt er des Bauern Scheune und Fass“, sagt der Volksmund. Und an dem alten Spruch sei viel Wahres, sagt Uwe Spangenberg, Pressesprecher der Landwirtschaftskammer NRW.

Im April säen die Bauern den Mais aus, im Mai und Juni will er wachsen. Fällt in dieser Periode kein Regen: fällt die Ernte aus. Im vergangenen Jahr war das vielerorts so. Die Bauern klagen noch heute darüber.

Der Meteorologe

Tatsächlich sind die Böden im April 2019 bereits trockener als sie es im April 2018 waren. Der Begriff „Nutzbare Feldkapazität“ dient Meteorologen als Größe, die Feuchte eines Bodens zu beschreiben. 100 Prozent nutzbare Feldkapazität bedeuten: der Boden ist gesättigt. Bei 30 Prozent sei der „Welkepunkt“ erreicht, „da ist alles vertrocknet“, erklärt Guido Halbig, Leiter der Essener Niederlassung des Deutschen Wetterdienstes. Derzeit liege die nutzbare Feldkapazität in NRW bei 60 Prozent. Ende April 2018 waren es über 70, im Schnitt der Jahre 1981 bis 2010 sogar 80 bis 90 Prozent.

„Die Frage ist“, glaubt auch Halbig, „was passiert nun?“ Seriöse Wettervorsagen sind in Mitteleuropa aber nur 14 Tage im Voraus möglich. Mehr, so der Meteorologe, sei „bloß der Blick in die Glaskugel“. Ginge es weiter wie 2018, seien erhebliche Schäden zu erwartet, „vor allem, weil die Bäume ja schon vorgeschädigt sind“. Seien Juni und Juli komplett verregnet: „ist das alles kein Thema mehr!“ Doch in den nächsten Tagen wird es wenig bis gar nicht regnen. „Jedenfalls nicht so viel, dass es helfen würde.“

Der Wald

Die Wälder des Ruhrgebiets halten derzeit Brandwächter von Wachtürmen aus im Blick. Der Regionalverband Ruhr (RVR) möchte das künftig per Satellit regeln, erste Gespräche dazu laufen berichtet Wald-Chef Thomas Kämmerling. „Letztes Jahr hatten wir vier Brände in der Haard. Bei ungünstigeren Windbedingungen hätte es ein Inferno geben können.“ Die Böden bei Recklinghausen sind sandig und entsprechend trocken, die Waldbrandgefahr liegt hier meist eine Stufe über dem NRW-Wert.

Auch ist rund jeder dritte Baum eine Kiefer, ein Baum, der viel Sonnenlicht durchlässt. Darum entsteht viel Unterholz, das sich wiederum leicht entzündet. Fichten sind derzeit nur mit rund fünf Prozent in den RVR-Wäldern vertreten – auch sie lassen aufgrund der Trockenheitsschäden des letzten Jahres viel Licht durch. „Aber das Kraut ist noch jung.“

Beide Bäume sind bedroht von Schädlingen: Der Fichte setzt der Borkenkäfer derart zu, dass Kämmerling ihr Verschwinden aus den tieferen Lagen für „gut möglich“ hält. Nicht von heute auf morgen, aber „schneller als man meint. Da steckt eine unglaubliche Dynamik dahinter.“ Die Kiefer leidet an einem Pilz, ebenso wie die Esche – „viele Parasiten profitieren derzeit vom Klimawandel“, sagt Kämmerling. „Das ist absolut besorgniserregend.“

Die Chance liegt darin, die Wälder nun deutlich gemischter aufzustellen – Küstentannen, Roteichen und Douglasien kommen mit Trockenheit gut klar, auch die heimische Eiche wird profitieren. Doch diese Umstellung braucht viel Zeit. „Und in den Baumschulen“, sagt Kämmerling, „sind klimaresistente Bäume kaum zu bekommen“.

Die Binnenschiffer

Besorgt blicken auch die Binnenschiffer in die Zukunft. Das Niedrigwasserjahr 2018 war für sie ein düsteres. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wurden bundesweit weniger als 200 Millionen Güter auf dem Wasser transportiert. Gelitten habe aber auch die Fahrgastschifffahrt, berichtet Jens Schwanen, Geschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Binnenschiffer (BDB) mit Sitz in Duisburg. Man vergäße gern, dass auch die von den niedrigen Pegelständen betroffen war und für den Tourismustandort Deutschland „eine riesige Rolle“ spiele, Urlauber aus Übersee liebten Flusskreuzfahrten. Doch im vergangenen Jahr ging über weite Strecken mit der Weißen Flotte auf Donau und Elbe gar nichts mehr. Die wirtschaftlichen Konsequenzen seien bislang aber noch nicht beziffert worden.

„Wir hier am Niederrhein sind 2018 noch leidlich gut davongekommen“, räumt Schwanen ein. An Donau, Elbe und am Oberrhein sei die Situation viel dramatischer gewesen. „Von Mai bis November war auf der Elbe praktisch keine Schifffahrt mehr möglich.“ Aber letztendlich nutze es ja auch nichts, wenn man auf dem Niederrhein noch fahren können, aber auf dem Oberrhein nicht. Binnenschifffahrt ist ein „langlaufender Verkehr“, die Ware wird etwa in Rotterdam aufgenommhaarden und nach Österreich transportiert.

Der einzelne Binnenschiffer selbst, so Schwanen, könne auf sinkende Wasserstände kaum reagieren. Ihm bleibt nur: „nicht voll abgeladen zu fahren“, wie er selbst sagt. Gemeint ist: häufiger zu fahren, mit weniger Fracht (und damit weniger Tiefgang). „Aber das ist mit enormem Aufwand und enormen Kosten verbunden, und der Kunde bekommt die Ware dann vielleicht doch nicht pünktlich, muss die Produktion drosseln.“ Einer der Leidtragenden im vergangenen Jahr war Thyssenkrupp in Duisburg. Das Stahlunternehmen musste die Produktion drosseln, weil der Kohlenachschub ausblieb. „2018 kaskadierte das vollkommen“, erinnert sich Schwanen, „bis schließlich Tankstellen nicht mehr beliefert werden konnten, Zapfstellen leer liefen. Das sollte sich bitte nicht wiederholen.“

Es gebe „viel Spekulation und auch interessante konstruktive Ansätze“, sagt Schwanen, für flachgehendere Binnenschiffe, innovativen Schiffbau. „Aber das passiert nicht über Nacht.“ Jetzt sei die Politik gefragt. Er appelliert an die Entscheider, sich endlich des Themas anzunehmen. Mit deutlich mehr Energie als bislang, in der Vergangenheit sei viel versäumt worden, der Investitionsstau enorm. Paradebeispiel: die Nischenpoller im Wesel-Datteln-Kanal, „Sinnbild für die marode Struktur unserer Wasserstraßen“. An diesen vertikalen Nischenpollern machen in der Schleusenkammer die Schiffe fest. Sie stammen aus den 50er-Jahren-- und können die Zugkräfte moderner Schiffe nicht mehr aufnehmen. 2017 mussten daher die meisten gesperrt werden – obwohl das Problem seit den 1990er-Jahren bekannt war.

Auch die dringend notwendige Fahrrinnenvertiefung im Mittelrhein werde wohl erst 2030 abgeschlossen werden, obwohl nach dem Dürresommer 2018 der politische Druck immens geworden sei. Die Ausbaunotwendigkeit der Strecke Duisburg-Dormagen stelle niemand mehr in Frage, es passiere trotzdem nichts. Insofern freut es Schwanen, dass nach 2018 auch die Großindustrie Druck macht, Der Chemiekonzern BASF etwa, Sitz in Ludwigshafen, stellte, als das Niedrigwasser auch seinen Betrieb störte, demonstrativ die Standortfrage: Ob man ohne ordentliche, verlässliche Wasserstraßen-Infrastruktur am Rhein wohl noch richtig aufgehoben sei?

Die Feuerwehr

Mehr Löschhubschrauber in Deutschland fordern die Feuerwehren. „Wir sollten in der Lage sein, drei Waldbrände im Bundesgebiet gleichzeitig zu bedienen“, sagt Christoph Schöneborn, Geschäftsführer des Verbandes der Feuerwehren in NRW. Wie viele Hubschrauber für die Feuerbekämpfung einsatzbereit sind, variiert, denn das teure Gerät wird mehrfach genutzt. nicht die Feuerwehr selbst hält es vor, sondern die Bundeswehr und die Bundespolizei. Auch mit dem niederländischen Militär gibt es Abkommen. Klar ist, es genügt nicht.

Pro Waldbrand veranschlagt Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes drei Hubschrauber, die in der Lage sein müssen die schweren 5000-Liter-Behälter. Mit Reserve wären das etwa zehn. Darauf hätten sich die Feuerwehren auch bereits mit den Innenministern der Länder verständigt im Rahmen der gemeinsamen Waldbrandkonferenz, erklärt Schöneborn. Nur muss eben der Bund mitspielen. Es lohne nicht, dass jedes Bundesland sich einzeln damit befasse.

Allerdings wünscht sich der Feuerwehrvertreter für NRW durchaus mehr Flexibilität. „Das Land muss auch autark arbeiten können.“ Die Bundeswehr habe keine schweren Hubschrauber mehr hier stationiert, lediglich die Bundespolizei in Sankt Augustin halte welche vor. Nach der Kritik anlässlich des vergangenen Hitzesommers ist das Land darum dabei mehrere leichtere Polizeihubschrauber mit Lasthaken nachzurüsten. Sie können dann immerhin 1000 oder 2000 Liter transportieren – „besser als 5000 Liter am Boden“, findet Schöneborn. Hubschrauber seien ohnehin „nur eine Ergänzung in Ausnahmefällen“. Auch Waldbrände werden in der regel vom Boden aus bekämpft.

„Wir gehen davon aus, dass die Waldbrandgefahr in den kommenden Wochen wieder etwas sinken wird“, erklärt Schöneborn. „Wir achten aber verstärkt darauf, dass die Einsatzbereitschaft auch im ländlichen Raum immer gegeben ist.“ Im Sauerland, Ostwestfalen, der Eifel und am Niederrhein gebe es teils Vereinbarungen mit Landwirten, die Löschwasser transportieren können. „Mit denen reden wir nun.“

Die Feuerwehren appellieren an die Bürger, kein offenes Feuer in Waldnähe zu entfachen und dort auch nicht zu rauchen. Autofahrer sollten zudem ihren Wagen nicht auf Wiesen abstellen. Die heißen Katalysatoren können eine trockene Wiese in Brand setzen.

>> Info: Waldbrände in der Region

Die Essener Feuerwehr hatte am Dienstag stundenlang mit einen Feuer am Baldeneysee zu tun: Es brannte Wald auf einer Fläche von 10 000 Quadratmetern. Neben 30 Feuerwehrleuten war ein Hubschrauber zur Beobachtung aus der Luft im Einsatz.

Das größte Feuer der Stadtgeschichte beschäftigte die Feuerwehr in Hilden, als am Samstag 25 Hektar Wald in Brand gerieten. Ein Polizeihubschrauber half hier nur zur Aufklärung. Ein weitläufiger Böschungsbrand bei Leverkusen beeinträchtigte den Zugverkehr, auch dort waren etwa 150 Feuerwehrleute vor Ort. Kleinere Waldbrände gab es auch in Königswinter bei Bonn, in Sundern im Sauerland und im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben