Extraschicht

Die lange und bezaubernde Nacht der Lichtkultur

„Ein Higlight!“: Der Abwasserkanal „Emscherschacht 52/53“.

„Ein Higlight!“: Der Abwasserkanal „Emscherschacht 52/53“.

Foto: WAZ FotoPool

Ruhrgebiet.  Zur „Extraschicht“ tauchte sich das Revier in Farbe. Und verwandelte sich in eine fremde Welt der Industriekultur, die am Wochenende wieder über 200.000 Besucher erforschten.

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Natürlich war die Nacht wieder nicht lang genug. Dabei hat sie schon begonnen, als die Sonne noch selbst die weniger bühnentauglichen Winkel des Reviers ausleuchtet und der gnädige Glanz von Scheinwerfern und Sternen Stunden in der Zukunft liegt: Da meldet sich das Ruhrgebiet zur Extraschicht. Trotzdem begibt es sich aber nun wirklich zur Schlafenszeit, da beugt sich im Bus ein Herr nach vorn: „Meine Frau fragt, warum die eigentlich nicht schon mor­gens anfangen?“ Nun, wohl weil es eine Nacht ist, die Nacht der Industriekultur.

Es ist die 13., aber sie hat 30 Lesern Glück gebracht: Was sie noch glücklicher macht als über 200.000 andere, die auf eigene Faust durch ihre Region reisen, ist der Bus, in dem sie einen Platz gewonnen haben, ist dessen eingebaute Vorfahrt und ist Peter Bartel, denn der hat einen Plan. Bartel ist Fremdenführer, was ein seltsames Wort ist, denn es geht ja gar nicht in die Fremde, es geht nach Hause. Nur eben in Ecken, die die Leute nicht kennen, nicht kennen können, oder jedenfalls: nicht so.

Abenteuer im Abwasserkanal

Zuerst nämlich führt er sie – in einen Abwasserkanal. Noch nicht in Betrieb, wonach eine Frau vorsichtig fragt, aber zwanzig Meter unter der Erde ein Ort, an den man sonst nicht darf und künftig nicht mehr möchte. Mittags schon haben die Menschen hier angestanden, es ist Gelsenkirchen und brütend heiß. Ingenieure rollen Einkaufswagen mit Bauhelmen über den Schotter, und wo einst verschwinden soll, was nun noch oberirdisch durch die Emscher stinkt, leuchtet es bunt. Nicht anzunehmen, dass sie den Tunnel hier unten immer bei pinkfarbenem Licht vorantreiben, und es ist auch sonst ein durchaus befremdliches Gefühl: Jetzt läuft hier eine Gruppe etwas breitbeinig, aber mit munterem „Hei Ho, Hei Ho“, demnächst läuft hier …

„Das war das Highlight am Ende meines Lebens“, wird Elisabeth Brachvogel später sagen, dabei ist sie erst 73 und hat mindestens in dieser Nacht noch viel vor. Sie wird noch mehrfach die Emscher treffen und in Bottrop die Berne wiederfinden, die eigentlich nach Essen gehört. Sie wird Geschichten lauschen vom Buckeln und vom Buttern, dieser Bartel ist ein wunderbarer Geschichte(n)erzähler. Sie wird grüne Lampen im Lavendel sehen, Theater im Schlafrohr und Herzen, die in der Luft hängen. Und sie wird erleben, was auch Ruhr-Romantik ist: wenn die untergehende Sonne ein Brückengeländer über der A42 rot färbt.

Man sollte sich nicht überarbeiten, mahnt der Experte

Überall wartet das Ruhrgebiet, an so vielen „Spielorten“, die eigentlich Plätze harter Plackerei (gewesen) sind. Zwei, höchstens drei Orte könne man schaffen, mahnt Bartel, der sich auskennt mit der Extraschicht; er hat schon oft gesehen, wie sich Menschen darin überar­beiten. Sie stellen sich an, sie reihen sich ein, sie warten auf eines von 190 Shuttles. Sie stehen an Straßenecken, über Pläne und Handy-Apps gebeugt, und irgendwie sind sie dabei auch Teil des Gesamtkunstwerks, mit ihren Rucksäcken und Decken, mit Wander- oder auch Stöckelschuhen: Hier ist schließlich allerorts Theater!