Krebsmedikamente

Die Jägerin des Apothekers als Zeugin vor dem Strafgericht

Die ehemalige Apotheken-Mitarbeiterin Marie K. auf dem Weg in den Gerichtssaal, wo sie gegen ihren früheren Chef aussagt.

Foto: Lars Heidrich

Die ehemalige Apotheken-Mitarbeiterin Marie K. auf dem Weg in den Gerichtssaal, wo sie gegen ihren früheren Chef aussagt. Foto: Lars Heidrich

Essen.   Schwere Hygieneverstöße wirft die frühere Mitarbeiterin ihrem Ex-Chef Peter Stadtmann vor. Der Bottroper soll Krebsmedikamente gepanscht haben.

Im Prozess gegen den Bottroper Apotheker Peter Stadtmann (47), der laut Anklage Krebsmedikamente gepanscht haben soll, geht es in den ersten Tagen oft um Zahlen, um chemische Fachbegriffe. Doch am Mittwoch, dem achten Sitzungstag, vermittelt eine knappe Nachricht, was auch Thema des Verfahrens ist: das Leben kranker Menschen. Denn als Richter Johannes Hidding, Vorsitzender der XXI. Essener Wirtschaftsstrafkammer, die Anwesenheit feststellt, meldet einer der für die mutmaßlichen Opfer anwesenden Nebenklageanwälte, dass seine Mandantin am vergangenen Donnerstag verstorben sei. Es wird still im Saal.

Vorgeworfen wird Stadtmann, dem früheren Wohltäter der Stadt Bottrop, an Krebs erkrankten Menschen die lebensrettenden Medikamente vorenthalten zu haben. Aus Geldgier soll er die teuren Wirkstoffe nur zum Teil oder gar nicht in die Medikamentenbeutel der Chemotherapie injiziert haben.

Schwere hygienische Mängel angeprangert

Dass dieser Vorwurf vor Gericht aufgeklärt wird, haben die Patienten zwei Mitarbeitern der Alten Apotheke zu verdanken. Eine von ihnen, die Pharmazeutisch-Technische Assistentin (PTA) Marie K. (55), sagt am Mittwoch aus, erklärt, warum sie ihren Chef angezeigt hat: „Ich kann nicht ertragen, wenn Menschen Schaden zugefügt wird.“ Von schweren hygienischen Mängeln im Labor berichtet sie.

Zeitlich unabhängig, aber im Grunde gemeinsam mit dem ehemaligen kaufmännischen Leiter der Apotheke, Martin Porwoll, hat sie Stadtmann im Herbst 2016 bei der Polizei angezeigt. Es wirkt strategisch, wie sie vorgingen – als ob sie bei einer Jagd ihr Wild erlegen wollten. Porwoll hatte zunächst anonym und über einen Münchener Rechtsanwalt Zahlen vorgelegt, nach denen Stadtmann gar nicht so viele Wirkstoffe eingekauft hatte, wie er laut Rezept für die Chemotherapien benötigte. Und als die Ermittlungen nicht voran kamen, händigte Marie K. der Kripo einen Medikamentenbeutel aus, der als nicht benutzter Rückläufer von einem Arzt zurück in die Apotheke kam. Er war frei von Wirkstoffen. Porwoll und Marie K. bekamen deshalb kürzlich den „Whistleblower-Preis“ verliehen.

Ruhige und sachliche Aussage

Von diesem Jagdeifer ist bei der Aussage der PTA vor Gericht wenig zu merken. Ruhig und sachlich erzählt sie, wie sie im März 2015 bei der Alten Apotheke anfing, zuständig für Krebsmedikamente, die unter besonderen Sicherheitsanforderungen im Reinlabor der Apotheke hergestellt wurden.

Sie lobt die Bezahlung: „Herr Stadtmann zeigte sich großzügig.“ Und das Betriebsklima: „Es war eine Wohlfühl-Atmosphäre.“ Aber sie prangert auch die Zustände bei der Herstellung der Chemotherapien an. Stadtmann sei oft im Straßenanzug ohne Schutzkleidung in das Labor gegangen, um die Medikamente herzustellen. Es sei ein schleichender Prozess gewesen, die Fehler zu erkennen: „Mir fielen immer mehr Dinge auf, zunächst hygienischer Natur. Da gab es nur einen alten Wischmopp.“ Bei Stadtmann habe es immer geheißen: „Schnell, schnell, schnell.“ Das kenne sie nicht aus ihrer früheren Arbeit im Essener Alfried-Krupp-Krankenhaus: „Da ging es um Sorgfalt.“

Den Chef trotz Angst um den Job angezeigt

Nach und nach habe sie bemerkt, dass die Chemotherapien oft zu wenig Wirkstoffe enthielten, auch Martin Porwoll habe sich ihr offenbart. Sie habe Angst um ihren Arbeitsplatz gehabt, darauf aber keine Rücksicht genommen: „Ich musste was sagen, damit anderen Menschen nichts Schlimmes mehr passiert.“ Eingehend wird sie anschließend befragt. Die Zeit reicht nicht, so dass ihre Vernehmung am nächsten Montag fortgesetzt wird. Der an diesem Tag eigentlich vorgesehene Zeugenauftritt von Haupt-Whistleblower Martin Porwoll wird ins nächste Jahr verschoben.

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