Türkei

Deutsch-türkisches Verhältnis: Besuch in einer Teestube

Im „Okey Club“ in Gelsenkirchen geht es, richtig, hauptsächlich um das Spiel Okey. Neuerdings wird aber auch hitzig über Politik diskutiert.

Im „Okey Club“ in Gelsenkirchen geht es, richtig, hauptsächlich um das Spiel Okey. Neuerdings wird aber auch hitzig über Politik diskutiert.

Foto: Funke Foto Services

Gelsenkirchen.   Die deutsch-türkische Gemeinschaft ist gespalten. Erdogan-Anhänger und Skeptiker debattieren in einem Gelsenkirchener Treffpunkt ihre Sicht der Dinge.

Ein Bild der Schalker Arena ziert die Wand, daneben hängen Deutschland-Schals, Fahnen der Istanbuler Fußballclubs hängen von der Decke, die Kellnerinnen servieren Tee und Bier. Männer spielen in Vierergruppen Okey, so etwas wie Rummikub. Wäre nicht gerade Sommerpause, dann liefe im Fernsehen Fußball, würden sich Fans von Schalke und Dortmund, Galatasaray und Fenerbahce gegenseitig aufziehen. Doch seit dem Putschversuch in der Türkei geht es anders zu in der türkischen Teestube an der Hibernia-straße am Rande der Gelsenkirchener Altstadt. Laut, emotional und kontrovers – auch ohne Fußball.

Die Integrationsdebatte, erklärt in einem Satz. Punkt

„Ich bin enttäuscht. Nicht ein einziger deutscher Spitzenpolitiker hat sein Mitgefühl mit den Opfern des Putschversuches ausgesprochen. Kein Wort über die Menschen, die getötet wurden, als sie die Demokratie gegen die Verräter verteidigten“, sagt Ramazan Baykan. Er stellt sein Teeglas ab, schüttelt den Kopf, er redet schnell und aufgeregt. „Im Gegenteil“, sagt der 39-Jährige. „Die deutschen und europäischen Politiker haben alle erklärt, sie seien froh, dass der Putsch abgewendet wurde. Im gleichen Atemzug aber haben sie angefangen, einen Keil in unsere Gesellschaft zu treiben. Die Türkei stand am Abgrund zum Bürgerkrieg, und hierzulande ärgert man sich darüber, dass die Deutsch-Türken sich mit den Geschehnissen in ihrer Heimat beschäftigen. Wir haben alle Familie und Freunde drüben. Es ist das Land unserer Vorfahren. Natürlich bewegt uns das, was in der wohl wichtigsten Stunde unserer Geschichte passiert!“

Immer wieder bilden sich Grüppchen, entfachen Diskussionen. Vor der Tür unter den Rauchern und drinnen an den Tischen: Die Türkei, der Putschversuch und Erdogan, vor allem aber geht es um das deutsch-türkische Verhältnis.

Integration – oder Assimilation?

Die Demonstration in Köln sei Ausdruck der Solidarität mit den Demokratie-Verteidigern in der Türkei gewesen. Deutsche Politiker und Medien hätten das begrüßen sollen. Doch stattdessen dämonisiere man Erdogan und führe uralte Integrationsdebatten, ärgert sich ein älterer Mann. Die Kritik an der Vorgehensweise des türkischen Staatspräsidenten mit den Putsch-Verdächtigen sei „heuchlerisch“. Der Staat müsse alle Verdächtigen festnehmen, befragen, und wer unschuldig ist, der hätte nichts zu befürchten. Das wäre doch in Deutschland auch nicht anders.

„Was manch einer hier unter Integration versteht, ist Assimilation, die Aufgabe der eigenen Identität“, ärgert sich Ramazan Baykan. „Jahrelang wurde in Deutschland über Integration debattiert. Ich brauche dafür nicht mal eine Minute: Wer hier lebt, muss die Sprache lernen, arbeiten gehen, wenn er körperlich dazu in der Lage ist, darf dem Staat nicht auf der Tasche liegen und muss sich an die deutschen Gesetze halten. Punkt!“ Den Menschen, die in Köln ihr Recht auf eine Demonstration wahrgenommen haben, einen Vorwurf daraus zu machen, sei respektlos.

Die Sehnsucht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner

Auch Recep Sarial schüttelt den Kopf. Der 56-Jährige kann kaum glauben, welcher Meinung manche Männer hier in der Teestube sind. Die Kritik aus der deutschen Gesellschaft an der Köln-Demo kann er voll und ganz nachvollziehen. „Warum sollte ein innenpolitisches Thema der Türkei hier auf den Straßen ausgetragen werden? Wer sich mit den Menschen in der Türkei solidarisieren will, der kann das dort machen“, sagt Sarial. Die Männer am Okey-Tisch um ihn herum stimmen ihm zu.

„Das in Köln war eine Pro-Erdogan-Demo und keine überparteiliche Demokratie-Party“, erklärt Sarial. Wer etwas anderes behaupte, der wiederhole nur die türkische Staatspropaganda. Seinen deutschen Kunden in seinem Reisebüro versuche Sarial täglich klar zu machen, dass nicht alle Deutsch-Türken jubelnd hinter Erdogan herliefen und wütend nach der Todesstrafe riefen. „In Köln haben 40 000 Menschen demonstriert. In Deutschland leben aber rund drei Millionen Türkeistämmige. Wer von den Kölner Demonstranten Rückschlüsse auf die gesamte türkische Community zieht, der bekommt ein falsches Bild“, so Sarial.

„Wir sind nicht mehr die Türken der 70er-Jahre“

„Die Türken, die hier leben, sind nicht mehr so ungebildet wie in den Siebzigern“, sagt Ramazan Baykan. „Sie sind Ärzte, Anwälte, Lehrer. Diese Menschen verfolgen die Berichterstattung aus beiden Ländern und vergleichen sie. Sie stehen über soziale Netzwerke im Kontakt mit Familien und Freunden, machen sich selbst ein Bild von der Situation. Ihnen bloße Wiedergabe von Staatspropaganda vorzuwerfen, ist beleidigend.“

Wenn jemand unzureichende und manipulierende Informationen bekomme, dann die Deutschen. Denn die deutschen Medien gäben die Geschehnisse in der Türkei nur verkürzt wieder und kaprizierten sich auf Erdogan. „Aber Erdogan ist nicht die Türkei“, so Baykan. „Am Montag nach dem Putsch hat mich keiner meiner deutschen Arbeitskollegen gefragt, wie es mir oder meiner Familie in der Türkei geht. Alle fragten nur nach Erdogan.“

Ramazan Baykan schüttelt wieder verärgert den Kopf – genauso wie Recep Sarial. Beide aus unterschiedlichen Gründen. Inhaltlich könnten die Männer in dieser Gelsenkirchener Teestube kaum weiter voneinander entfernt stehen.

Dann aber sagt Baykan doch einen Satz, für den er allgemeine Zustimmung bekommt: „Ich will, dass wir endlich wieder über Fußball diskutieren können. Über Schalke, Dortmund, Fenerbahce, Galatasaray. Ich will einfach nur wieder Normalität.“

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