Naturschutz

Der Tagebau kommt: Die Haselmaus zieht um – im Schlaf

Sieht aus wie eine Maus, ist aber keine: die Haselmaus.

Sieht aus wie eine Maus, ist aber keine: die Haselmaus.

Foto: Getty Images

Elsdorf.   An der Autobahn 61 lebt eine Population von Haselmäusen. Da die Bagger die Autobahn bald unterpflügen, müssen die Tiere umgesiedelt werden.

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Welcher Depp hat die Nistkästen falsch herum aufgehängt? Nämlich mit dem Loch zum Stamm? So hängen sie, ansonsten völlig unauffällig, an einer Böschung der Autobahn 61. Aber so verdreht ist es genau richtig: Denn nicht Vögel sollen hier landen, sondern Nagetiere hineinschlüpfen.

Verwirrenderweise sehen sie aus wie Mäuse, heißen auch so, Haselmäuse, wenigstens fressen sie Haselnüsse, sind aber Bilche, eng verwandt mit Siebenschläfern. Was wissen wir noch? Sie winterschlafen zwischen der A 61 und dem Braunkohle-Tagebau Garzweiler? Sie müssen stocktaub sein.

„Forschungsstelle Rekultivierung“

„Man würde sie wachkriegen, aber man würde sie nicht finden ohne die Kästen“, sagt der Biologe und Geograf Gregor Eßer. Er leitet die „Forschungsstelle Rekultivierung“ der RWE in Elsdorf am Rande des Tagebaus Hambach und dazu eine spektakuläre Umsiedlungsaktion: Die letzten Haselmäuse hier müssen noch dieses Jahr weg.

Denn die Bagger pflügen 2018 auch die Autobahn unter, und bis dahin müssen sie auf der anderen Seite von Garzweiler sein. Auf der sicheren.

„Wenn wir sie umsiedeln wollen,finden wir sie überall“

Das Tier ist streng geschützt, deshalb ja die Umsiedlung, und es ist weitgehend unbekannt. Wenn es hell wird, legt es sich lieber hin. Nachts klettert es in Sträuchern und auf Bäumen herum und ist so klein wie Däumelinchen – wer sollte es da sehen?

Selbst über seine Verbreitung weiß man wenig: „Eigentlich dachte man, sie sind selten. Aber wenn wir sie umsiedeln wollen, finden wir sie überall“, sagt Eßer. Etliche Tausend schon. Auf der Roten Liste ist der Status „G“ – „Gefährdung unbekannten Ausmaßes“.

Ist da wer?

Das ist auf der Skala von „Ausgestorben“ bis „Ungefährdet“ ungefähr mittelschlimm. Man darf das aber nicht übersetzen mit „Riesengefahr“. Sondern mit: „Wir wissen darüber eigentlich nichts.“

Und so werden die Nistkästen, die zwei Schreiner zu Hunderten zusammenzimmern, gleichsam zu Umzugskartons. Die Haselmaus ist am Stamm hoch und runter geflitzt, sie hat den Kasten entdeckt, sich ein Nest darin gebaut und sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten lang gemacht.

Für einen Tag oder auch für einen Winter. Wenn sie im Tiefschlaf liegen müsste, kommen die Biologen und gucken in die Kästen: Ist da wer?

Messen, wiegen und markieren für die Skeptiker

Ist da wer, messen, wiegen und markieren sie die Haselmaus, setzen sie zurück in den Kasten, verstopfen das Loch und fahren sie im Geländewagen zum neuen Wohnsitz. Da, wo die Garzweiler-Landschaft schon rekultiviert ist. So steht es in einem Papier zur „Maßnahme V2: Umsiedeln der Haselmaus“: „Waldrandstrukturen“, „beerenreiche Sträucher“ – klingt nach Traumlage.

Und überhaupt, so ein Umzug im Schlaf . . . Den Kasten, man ahnt es schon, darf das Tier auch noch behalten. Und wozu der Aufwand mit dem Markieren? „Weil wir neugierig sind und weil uns viel Skepsis entgegenschlägt.“ Über die Markierungen könne man beweisen, dass die Umsiedlung funktioniert.

Haselmaus ist das „Tier des Jahres 2017“

Die Haselmaus ist ja nur das eine. Aber es gibt auch noch die Umsiedlung der Wechselkröte. Und der Kreuzkröte. Und der Feldlerche. Und der Bechstein-Fledermaus. Bis ins Jahr 2045 wird das so gehen, bis zum Ende der Kohleförderung hier.

Wenn die Haselmaus Ende März 2017 erwacht und sich aus dem Energiesparmodus wieder hochfährt, darf sie sich freuen: Von der „Deutschen Wildtier Stiftung“ hat sie den Titel „Tier des Jahres 2017“ erhalten. Im Schlaf.

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