Umweltschutz

Der Pullendreher bekommt jede Flasche leer: nachhaltig

Timo Reineke (Bild) und Timo Buhrmester haben ein Gerät entwickelt, in dem sich Flaschen leeren: gegen zu hohen Verbrauch und gegen Kirmes-Kleckse.

Timo Reineke (Bild) und Timo Buhrmester haben ein Gerät entwickelt, in dem sich Flaschen leeren: gegen zu hohen Verbrauch und gegen Kirmes-Kleckse.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Dortmund.  In Dortmund hat die Messe „Fair friends“ begonnen. Über 200 Aussteller informieren über Nachhaltigkeit. Wir haben fünf besucht, die weiterdenken.

Alles hier ist „fair“, ist „green“ oder „sustainable“; kein Wunder also, dass ein Stand mit dem Namen „Pullendreher“ höchste Aufmerksamkeit erregt. Dahinter verbergen sich zwei Freunde aus Iserlohn, die immer genervt waren, dass man beim Grillen die großen Currysoßen- und Senfflaschen nicht richtig leer bekommt. „Wenn man die letzten zehn Prozent auch rauskriegt, kann man jede zehnte Flasche sparen“, sagt Timo Reineke, einer der beiden.

Also entwickelten sie den Pullendreher: einen Edelstahl-Halter, in dem Flaschen aller Größen kopfstehen und leerlaufen. Funktioniert natürlich auch mit gespültem Geschirr, mit Baby- oder Badezimmer-Utensilien oder als Deko. Aber im Kern geht es den beiden um die Vermeidung von Kunststoffflaschen sowie des „Kirmeseffekts“, sagt Reineke. Er gestikuliert an dieser Stelle wie jemand, der an der Bratwurstbude eine dieser immer fast leeren Senfflaschen schüttelt und drückt – bis der Senf heraus schießt und unter Umgehung des Papptellers auf der Hose landet.

Man sieht es schon, es ist nicht alles bierernst oder verbittert auf der Nachhaltigkeitsmesse. Sie hat am Freitag ihren ersten Besuchertag und geht noch bis Sonntag. Über 200 Aussteller sind dazu in zwei der Westfalenhallen in Dortmund: etliche kommerzielle, die fairen Kaffee und faire Stoffe verkaufen, faire Taschen oder faires Kunsthandwerk; man kann aber auch bei Greenpeace Ökostrom bestellen, vegetarische Würstchen („Vürstchen“) probieren oder gläserne Trinkhalme kaufen. Oder nachfragen, was in der großen Pappkiste ist mit der Aufschrift „Waffen deutsch“.

„Facing Finance“ untersucht Firmen auf Sozial- und Umweltstandards

Ach, doch nur Broschüren. Die Kiste steht am Stand des Vereins „Facing Finance“, und was ist hier nachhaltig? Nun, der Verein beobachtet Firmen, zum Beispiel Waffenproduzenten oder Energieunternehmen, misst sie an sozialen und Umweltstandards und informiert darüber die Banken, die diesen Firmen Kredite geben. Das Ziel: über die Finanzierung Druck aufzubauen, damit die Standards steigen.

„Das ist ein dickes Brett“, sagt Richard Buch (35), der selbst neun Jahre für eine Bank arbeitete. Doch ein dickes Brett ist nicht genug: Buch hat auch noch ein Schaubild aufgehängt mit der Überschrift „Wie fair ist meine Bank?“, da wurden die Standards auch an die Banken angelegt. Die Überraschung bleibt milde: die sozialökologische GLS-Bank aus Bochum ist tief im grünen Bereich; getestete traditionelle Banken und Sparkassen sind deutlich im roten.

In der fairen Kita tauschen sie Kleidung und sammeln Müll

In Halle zwei geht es gerade zu wie im Kindergarten, ist es ja auch: eine faire Kita. Eine Kita ganz ohne hauen, weinen und Spielzeug verlieren? Nein, nicht ganz. Das Dortmunder „Familienzentrum Siepmannstraße“ hat sich als „fair“ zertifizieren lassen, erzählt die stellvertretende Leiterin Hannah Jäger, dafür aber auch eine Menge getan: den Weg der Banane mit den Vorschulkindern besprochen oder im Supermarkt faire Siegel gesucht. „Bei den Kindern kann man am besten ansetzen.“

Inzwischen kriegen die Kinder im Dienst auch nur noch faire Kekse und fairen Kakao, manchmal auch solche Marmelade, Honig und Saft. „Das ist auch finanzierbar“, sagt Jäger. Wie in einem nachhaltigen Rausch, haben die Erzieherinnen auch noch Tauschregale für Kinderkleidung und Bücher aufgestellt und gehen seit neuestem mit Kindern und Eltern auf den benachbarten Spielplatz (keine Nachricht), um dort den Müll aufzusammeln (Nachricht). „Es macht Spaß und sie nehmen es an“, sagt Jäger.

Die Flaschenbierfreunde brauen an gegen den Einheitsgeschmack

Gegen Milchwirtschaft kann man auf der Messe unterschreiben, bei Fridays for Future nachfragen oder Bio-Burger essen. Und selbst ein Messecafé heißt für ein Wochenende „Café Esperanza“: Café Hoffnung. Also lieber eine kurze Pause bei den „Flaschenbierfreunden Dortmund“: Sie sind hier, um sich zu vernetzen, haben aber auch eine Botschaft. „Der Geschmack ist nachhaltig.“

Nein, im Ernst: „Wir finden, dass auch beim Bier alles gleich geworden ist durch die Massenproduktion“, sagt Markus Koch. Inzwischen brauen sie selbst, drei Freunde, 13.000 Liter bisher, die sie in einigen wenigen Supermärkten untergebracht haben. In Glasflaschen, natürlich, mit Namen „Unser voller Ernst“. Wenn Sie es nicht gleich finden im Supermarkt, fragen Sie einfach nach. „Wo steht denn Unser voller Ernst?“

Das winzige Haus ist zerlegbar und zieht mit um

Noch eben zum „Arbeitskreis Tiny House“ in Gestalt des Studenten Marvin Nöller. Hier arbeiten sich Studenten der Ruhr-Uni Bochum fächerübergreifend an Häuser heran, die wenig Fläche und Energie brauchen, deren Materialien wiederverwendbar sind und die im Umzugsfall zerlegt mitumziehen. Inzwischen sind sie in der Phase zwischen Modellbau und dem Umbau eines Bauwagens. „Es ist wichtig, dass so ein Haus am Ende nicht nur irgendwo steht, sondern dass dort auch jemand wohnt“, sagt Nöller. Wenn er und die anderen Mitbegründer fertig sind mit dem Studium, ist das Projekt soweit, dass eine neue Studenten-Generation hineinwachsen kann. So geht nachhaltig.

Preise und Öffnungszeiten

Die Nachhaltigkeitsmesse „Fair Friends“ ist noch am Samstag und Sonntag geöffnet, 7. und 8. September von 10 bis 18 Uhr. Die Tageskarte kostet Erwachsene online 7,50 Euro und an der Tageskasse 9,50 Euro.

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