Bergbau

Der Kloß im Hals: So lief der letzte Tag des Steigers

Bottrop.   Es ist ein historischer Tag voller Tränen und großer Emotionen. So erlebte Reviersteiger Jörg Laftsidis seine letzte Schicht unter Tage.

Jörg Laftsidis hätte nicht mehr arbeiten müssen, nicht als Kumpel mit über 50, aber er wollte es „zu Ende bringen“. Nun ist es zu Ende. Der letzte Tag im deutschen Steinkohle-Bergbau war auch für den Reviersteiger aus Bochum der letzte Arbeitstag. „Abkehrtag“, wie der Bergmann sagt. Er begann und endete mit Tränen, vielen Tränen.

Emotionaler Abschied vom Steinkohlebergbau

Sie weinen schon, da ist die gelbe Tür vom Förderkorb auf Haniel noch gar nicht offen. Jörg Laftsidis tritt als zweiter heraus, den Kopf gesenkt unter dem Helm, es ist tatsächlich das Bild, auf das die Fotografen gewartet haben: Tränen, die sich durch Kohlenstaub Wege über Wangen bahnen. Die Tränen sind echt, der Schmutz der siebten Sohle ist es nicht. Der siebeneinhalb Kilo schwere Kohlebrocken, den sieben Kumpel hochgeholt haben, dieser „letzte, der in Deutschland gefördert wurde“ – sie haben ihn längst vorher abgebaut und für den Bundespräsidenten wieder hochgeholt.

Sie halten sich aneinander fest

Symbole. Aber da stehen sie, weinen haltlos, halten sich aneinander fest. Die zweieinhalb Minuten, nachdem die Schachtglocke zur „Selbstfahrt nach oben“ geläutet hat, 1,2 Kilometer an die Erdoberfläche, wo der Wind um die Ehrengäste heult -- Jörg Laftsidis hat nur das gedacht: „Und da oben warten alle, die ganze Republik guckt zu.“

Händeschütteln mit den Prominenten, Umarmungen mit den Kumpeln, „Kleiner“, sagen sie tröstend zu ihm, „alles gut“. Für ein erstes Bild danach können sie wieder lachen, „aber“, sagt Orhan Taspinar, „nicht von Herzen“.

Jörg Laftsidis hatte es geahnt. „Das wird morgen wirklich sehr traurig” schreibt er noch am Donnerstag in einer Textnachricht und schickt ein weinendes Smiley mit. Da proben sie noch, die Männer in Arbeitsklamotten: blau gestreiftes Hemd, Hose, Jacke, Halstuch, die einst weiß waren -- sie haben sie für den großen Tag nicht extra gewaschen. Sie machen Fotos danach, auf denen sie gucken, als ob sie nicht wissen, ob sie lachen oder weinen sollen.

1000 Sachen gehen ihm durch den Kopf

Am Freitag wissen sie es. Jörg Laftsidis weint das erste Mal, als er die WAZ sieht an diesem Morgen, die Titelseite mit der Kohle. „So ergreifend!“ Er hat schlecht geschlafen, 1000 Sachen gehen ihm durch den Kopf; die Wehmut ist schon wieder da, die ihn zuletzt begleitet hat. „Letzte Schicht”, jetzt ist sie da, noch einmal steht Jörg Laftsidis um fünf Uhr auf, fährt er zum Pütt, wie an jedem Arbeitstag in 35 Jahren; er hat nur zweimal gefehlt in der Zeit.

„Es ist ein besonderer, historischer Moment“, sagt der 52-Jährige, ist stolz, dass er dabei sein darf, und hat ein bisschen „Angst, dass alles schnell in Vergessenheit gerät“. Der zweifache Vater erlebt „Geschichte live mit“, dass es auch seine Geschichte ist, fühlt sich komisch an.

Die letzten Monate haben zusammengeschweißt

Er selbst war seit 1984 „auf Zeche“, er sagt, er hat den Job auf dem Pütt „geerbt“. Das war damals so in Wanne-Eickel, wo drei Zechen „einen Steinwurf weg“ waren und der kleine Jörg „mit Fußball und Tauben“ aufwuchs. 1961 war sein Vater aus Griechenland gekommen, als „Gastarbeiter“, der Sohn findet das heute noch lustig: „Wer lässt denn seinen Gast arbeiten?“

Man konnte noch was werden in jenen Zeiten auf Zeche, dem „Vadda“, weiß Jörg noch, fiel nach der Schicht „der Kopp in die Suppe“. Er selbst lernte auf „Consolidation“ Vermessungstechniker, wurde Steiger, Reviersteiger, wechselte später zur Grubenwehr auf Pluto und 2003 nach Prosper-Haniel. Eine Zeche hat er noch nie schließen müssen, „dies ist die erste, die ich zumache“.

Und zugleich die letzte. Die letzten Monate haben die Mannschaft zusammengeschweißt, „man hat gemerkt“, sagt Jörg Laftsidis, „dass man was Besonderes ist”. Das wollen sie bleiben, „es ist unsere Heimat und unsere Aufgabe, den Leuten das alles nahezubringen“. Man hinterlasse ja auch etwas: „Hier war doch vorher nix. Vieles ist durch uns mit entstanden.“

„Ich bin bei dir“, schreibt seine Frau

Während er erzählt, meldet das Telefon neue Nachrichten. „Schönen letzten Tag”, wünschen die Nachbarn, „Kopp hoch, Glückauf“ ein ehemaliger Kollege. „Ich bin bei dir“, schreibt seine Frau. Auf dem Förderturm über Schacht 10 leuchtet ein Weihnachtsbaum, man sieht ihn kaum im Nebel. „Der Himmel weint überm Pott“, sagt Jörg Laftsidis, er weiß, dass es eine Floskel ist, aber sie stimmt doch.

Hier auf Prosper, nur wenige Kilometer von der Abschiedsfeier, läuft an diesem 21. Dezember die ganz normale Schicht, sie müssen ja aufräumen unter Tage. „Fährste noch an?“ -- „Ja, sicher.“ Aber es sind auch Ehemalige gekommen, Jahre schon raus, sie wollen in der Nähe sein, mitfeiern dürfen die Wenigsten. Also sitzen sie in der Weiß-Kantine, erzählen Geschichten von früher.

Jörg Laftsidis hat auch eine, die vom Abbau-Fahrsteiger, auf seiner allerersten Schicht: Der wollte wissen, ob „der Jörg einer von uns ist”, machte einen Fallrückzieher mit einem Stück Kohle, der Chef fiel auf den Rücken. Aber Jörg erkannte Klaus Fischer von Schalke und gehört fortan dazu.

Der Kloß steckt im Hals

„Jörg, in Arbeitsklamotten?“ Auf Haniel gibt es sonst nur die orangefarbene Kluft der Grubenwehr und feine Schachtkittel, die ehemalige Ministerpräsidentin Hannelore Kraft trägt auch einen. „Wat machse“, „wie isset“, „letzter Tag?“ -- „Jau.“ Jeder hier spricht belegt, „Kloß im Hals“, sagt Jörg Laftsidis. Sie sind jetzt noch 1300, im Januar werden sie weniger als 1000 sein.

In der Kaue, wo eine Dusche leise tropft, hat er auch ein letztes Mal seinen Korb heruntergeholt, Haken 91, in der Lampenstube die Kopflampe aufgesteckt. Sie leuchtet immer noch, da sind die Tränen schon versiegt. „Die Körbe werden immer weniger“, sagt Betriebsrat Senel Cakoglu. Einen „sehr, sehr feinen Kollegen“ nennt er Laftsidis, traurig sieht er ihm nach. „Irgendwann müssen wir alle gehen.“

Das Wasser steht in den Augen

Es ist erst zwanzig nach elf, so oft hat Jörg Laftsidis das Wasser nun schon in den Augen gestanden, dass rote Äderchen zu sehen sind. Er sagt, er ist aufgewühlt“, nicht nervös, aber „ausgelaugt von den Emotionen“, jetzt schon. „Ey Kumpel“, sagt einer im Vorbeigehen, „war ein schönes Leben hier.“

Jörg Laftsidis wäre gern noch länger geblieben, aber er wird keine

Langeweile haben. Er berät für die Knappschaft, macht Boxtraining, bald wird er Besucher führen über alte Zechengelände. Er hat sich im Fitnessstudio angemeldet, und er will mehr Parteiarbeit machen, „IGBCE und SPD“, das haben sie ihm damals nahegelegt. Er sagt, „man darf die Leute nicht im Stich lassen, der Niedergang von Kohle und Stahl ist ja irgendwie auch der Niedergang der SPD“.

Er wird die Sachen in den Sack packen

Die nächste „Grundreinigung der Kaue“, steht auf einem Plakat, sei am 26. Januar, „der Schwarzkauenhaken muss geräumt sein“. Jörg Laftsidis wird das nächste Woche tun. Er wird noch einmal kommen, es gibt ein kleines Fest für die Kumpel, er wird seine Sachen holen „und in einen Sack packen“. Auch den Helm, dreckig und abgeschabt, mit seinem Namen drauf und dem Kürzel „WM“. Der Werks-Markscheider geht.

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