Geschichte

Den lokalen Nazis von damals auf der Spur

Er schrieb Reportagen für den „Stern“ und mehrere Revierkrimins („Nahtlos braun“): Werner Schmitz vor Schülern des Hildegardis-Gymnasiums in der Bochumer Innenstadt.

Foto: Ingo Otto

Er schrieb Reportagen für den „Stern“ und mehrere Revierkrimins („Nahtlos braun“): Werner Schmitz vor Schülern des Hildegardis-Gymnasiums in der Bochumer Innenstadt. Foto: Ingo Otto

Bochum.   Werner Schmitz hat die NS-Verstrickungen eines alten Lehrers seiner Schule recherchiert. Die lokalen Täter, findet er, werden kaum aufgearbeitet

Am Ende wird es ernst, sehr ernst. Warum, fragt die Lehrerin Ursula Fries rhetorisch in die Aula, warum 16-, 17-Jährige sich das überhaupt anhören sollen? Eine Geschichte aus Nazi-Bochum?

„Das hier sind doch schon die Urenkel.“ Doch für Werner Schmitz oben auf dem Podium ist diese Vergangenheit nicht mehr so tot, wie sie schon mal aussah. „Um gewappnet zu sein“, sagt er also: „Die Nagelprobe, sie könnte noch kommen. Macht euch schlau.“

„Der war ein großes Tier bei den Nazis“

Die meisten Zeitzeugen sind tot. Jetzt reden Menschen in Schulen, die noch Zeitzeugen kannten. Für Werner Schmitz war das der Lehrer Karl T. aus seiner Volksschule in Wattenscheid-Eppendorf, geboren 1899.

Als Schmitz’ Mutter Erna ihm vor Jahrzehnten offenbarte, „der war ein großes Tier bei den Nazis“, legte sie eine Saat, die jetzt aufging. Schmitz hat recherchiert. „Große Tiere hinterlassen Spuren. Und die kann man finden.“

Lokale Größen sind oft große Unbekannte

Und deshalb sitzt der 70-jährige Buchautor und frühere „Stern“-Reporter Schmitz jetzt vor den Schülern des Hildegardis-Gymnasiums in Bochum und liest vor über Herrn T. Eine lokale Größe. Das ist es ja.

Denn während zum Beispiel das Auswärtige Amt oder Volkswagen ihre Geschichte aus dem 3. Reich aufgearbeitet haben, während man nachlesen kann, wie Adolf Hitler den Tag verbrachte – jeden verdammten einzelnen Tag kann man nachlesen – sind in ganz Deutschland lokale Größen: oft große Unbekannte.

„Der Nazi von nebenan verschwindet im Nebel“

„Der Nazi von nebenan verschwindet im Nebel der Geschichte“, sagt Schmitz. Nachfahren haben natürlich kein Interesse an der Aufarbeitung, Orte selbst oft auch nicht. In der Wissenschaft gilt das Thema als großes Risiko, richtig Ärger zu bekommen.

Während die jüdischen Geschichten oft vorbildlich ausrecherchiert sind, sind die Täter oft nur „die Nazis“. Von irgendeinem Stern gefallen, wie es scheint. Auf Schmitz’ Internet-Seite aber hängt T. jetzt fest. Und er liest ja auch öfter zum Thema.

Rektor 1958, Rentner 1965

Parteigenosse war der Mann, in NS-Lehrerverband, Reichsluftschutzbund, Fördermitglied im NS-Fliegerkorps; er veranstaltete Lehrproben für Rassekunde und wurde auch noch Ortsgruppenamtsleiter der NS-Volkswohlfahrt. Was nach Armenspeisung klingt. Tatsächlich hat diese NS-V „die Befürsorgung Minderwertiger abgelehnt“: Im Mittelpunkt sollte stattdessen „der schaffende, erbbiologisch wertvolle Deutsche“ stehen.

Dann das klassische Ende: Die Engländer schmeißen den Nazi T. 1945 raus, aus Lehrermangel kommt er zurück. Nach der Entnazifizierung ist er belastet und wieder draußen, aus Lehrermangel wird er entlastet und spaziert wieder herein. T. wird Rektor 1958. Geht in Rente 1965. Stirbt 1993. Nein, getötet hat er niemanden.

Und dann ist die Zeit der Fragen in der Aula; und es sind nicht nur leichte Fragen, im Gegenteil. Ist so ein Mann ein Täter? „Irgendwo zwischen Karrierist und Rädchen“, sagt Schmitz: „Aber ich glaube nicht, dass das NS-Regime ohne Rädchen funktioniert hätte.“

Kein Hitlergruß ohne Hand

Warum Schmitz nicht über seine eigenen Eltern schreibe? Und waren das Nazis? Es tue ihm heute leid, sagt Schmitz, dass er seinen Vater nicht genug befragt habe; aber der habe das Thema immer nur auf einer Scherzebene beantwortet.

Nach einem Arbeitsunfall beim Bochumer Verein habe der Vater die rechte Hand nie mehr heben können und gewitzelt, er könne schon deshalb kein Nazi gewesen sein: „Wie hätte das denn ausgesehen beim Hitler-Gruß?“

Bald spricht Schmitz über den Lehrer vor einer Runde der Lehrergewerkschaft GEW. Im Vorort Langendreer, was so ziemlich am anderen Ende der Stadt ist, verglichen mit Eppendorf. Dort, im Ort von Karl T., stieß das Angebot von Werner Schmitz, über ihn vorzutragen, bei allen angefragten Vereinen auf bleischwere Zurückhaltung.

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