Gesundheit

Das Ruhrgebiet hat Rücken - und tut das Falsche dagegen

Hier tut’s am meisten weh: im Kreuz.

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Hier tut’s am meisten weh: im Kreuz. Foto: Getty

Ruhrgebiet.   Und mehr Ärzte als im Durchschnitt machen Röntgen- oder MRT-Aufnahmen davon. Eine Studie wirft den Medizinern vor, Patienten zu verunsichern.

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Ein Freundinnen-Treffen Anfang dieser Woche in Dortmund, alle Frauen sind Mitte 40. Erste Absage: „Habe heftig Rückenschmerzen.“ Zweite Absage: „War heute im MRT wegen Halswirbelsäule. Tut wieder sauweh.“ Die dritte kommt, aber gebeugt: Die Nackenverspannungen ziehen, im doppelten Wortsinn, bis in den Kopf. Deutschland hat Rücken, das ist nicht neu, unbekannt aber war bislang dies: Jeder fünfte Versicherte geht mindestens einmal im Jahr wegen Schmerzen im Kreuz zum Arzt, ein Drittel sogar viermal oder noch häufiger.

Zu oft, sagen Experten der Bertelsmann-Stiftung, die am Dienstag einen „Faktencheck Rücken“ vorstellte. Und vor allem: Zu oft macht der Doktor ein Röntgenbild von der Wirbelsäule oder schickt den Patienten in die Röhre. Sechs Millionen solcher Aufnahmen machten deutsche Ärzte im vergangenen Jahr, im Schnitt bei knapp 400 von 1000 Menschen. Dabei empfehlen medizinische Leitlinien das Durchleuchten erst, wenn herkömmliche Therapien wie Schmerzmittel oder Krankengymnastik nicht mehr greifen.

Viele Bilder - wenig Aussagekraft

Zumal – entgegen der Erwartungen, die die Stiftung auch erfragt hat – die Bilder meist wenig Aufschluss über die Ursache der Schmerzen geben. Zwar wollen zwei Drittel aller Patienten, dass geröntgt wird; in 85 Prozent der Fälle verschwinden die Schmerzen aber wieder, wie sie gekommen sind: von allein. Die Medizin konnte den Umfragen zufolge nur selten helfen: Nicht einmal ein Drittel ist nach einer Behandlung schmerzfrei, fast die Hälfte freute sich nur kurz – bis der Schmerz zurückkehrte. 20 Prozent klagen, dass gar keine Besserung eingetreten sei.

Besonders häufig wird der Rücken übrigens in Gelsenkirchen „fotografiert“: in 611 von 1000 Fällen. Noch mehr Röntgenbilder machten Ärzte nur in den Kreisen Eichsfeld (Thüringen), Straubing (Bayern) und Werra-Meißner (Hessen), das sogar über 710 Bildern liegt. Auch die Ruhrgebietsstädte Herne (499), Bochum (519), Dortmund (495), Bottrop (520), Duisburg (490), Mülheim (463), Hamm (556) und der Kreis Recklinghausen (512) liegen weit über dem Schnitt. Warum das so ist, hat die Studie allerdings nicht abgefragt. Ausschlaggebend aber sei nicht immer nur die medizinische Notwendigkeit, sondern die Erwartung der Patienten, die sich laut Umfrage schnellere Heilung erhoffen.

Bewegung ist besser als Schonung

Dass es auch anders geht, zeigen Beispiele aus Sachsen, dem Rest von Thüringen oder einzelnen Kreisen in Norddeutschland, wo deutlich weniger Ärzte Bildaufnahmen veranlassen. Zumal: Mögliche Einflussfaktoren wie Stress, Unzufriedenheit am Arbeitsplatz oder Bewegungsmangel zeigen sie nicht. Hinter Rückenschmerzen stecken nämlich in den seltensten Fällen ernste Erkrankungen wie Krebs oder Rheuma. Reinhard Schneiderhan, Präsident der Deutschen Wirbelsäulenliga und Orthopäde, spricht von fünf typischen Ursachen: Langes Sitzen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Stress und schweres Tragen. „Der Bewegungsapparat heißt nicht umsonst so. Wer zu lange statisch sitzt, wird ihn ärgern.“

Die Ursache? Meistens Unterforderung

Bei den meisten rührten die Schmerzen von einer Unterforderung des Rückens her, bestätigt Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln. Häufig verspannen dann die Muskeln, die das Skelett aufrecht halten: bei Männern vor allem im Bereich der Lendenwirbelsäule, bei den Frauen besonders häufig im Nacken, sagt Schneiderhan. „Auch Stress ist ja eigentlich innere Anspannung. Manche Menschen reagieren mit Magenproblemen, aber viele eben auch mit verspannten Muskeln.“

Helfen kann dann moderate Bewegung. Vielen Medizinern aber wirft die Bertelsmann-Studie vor, pauschal vom „kaputten Rücken“ zu reden, den Patienten damit zu verunsichern oder von sinnvollem Sport abzuhalten. „Zu viele Patienten“, bestätigt Prof. Froböse, „gehen mit Rückenschmerzen zum Arzt. Dabei könnten sie das Problem oft selbst lösen.“

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