Einschulung

Smartphones für i-Dötzchen? Das sagen Schulen und Experten

Ob das Handy im Unterricht genutzt wird oder gar in der Schule verboten ist, bleibt selbigen überlassen in NRW.

Ob das Handy im Unterricht genutzt wird oder gar in der Schule verboten ist, bleibt selbigen überlassen in NRW.

Foto: Getty Images/iStockphoto / Getty Images

Velbert/Ruhrgebiet.  Zum Schulstart dürfte sich auch in mancher Schultüte ein Smartphone befinden. Eine Grundschule spricht sich gegen das Handy für i-Dötzchen aus.

Als das Handy die Grundschule eroberte, versuchte Bärbel Emersleben noch, die Eltern umzustimmen. „Aber wenn etwas passiert ...“, argumentierten diese. Und Emersleben, Leiterin der Grundschule Tönisheide in Velbert, erwiderte: „Aber wir kümmern uns doch.“ Und in einem Notfall würde es doch viel zu lange dauern, das Handy heraus zu holen. Man müsse die Schüler selbst im Umgang mit Fremden stark machen. „Dass Kindern suggeriert wird, mit dem Handy bist du sicher, ist fatal“, sagt Emersleben, doch sie weiß auch, dass die Schulen diesen Kampf vor etwa drei Jahren verloren haben. „Die Vorstellung, dass die i-Dötze ein Smartphone in der Schultüte finden“ sei jedoch weiterhin „nur schwer zu akzeptieren.“

Doch dies dürfte keine Seltenheit mehr sein. Das i-Dötzchen ist bereits mehrheitlich „iDötz“: Einer aktuellen Umfrage des Digitalverbands Bitkom zufolge nutzt mehr als die Hälfte der Erst- und Zweitklässler gelegentlich ein Smartphone, vor fünf Jahren war es erst jeder fünfte.

Kaum ein Viertklässler ohne Smartphone

„Oft sieht man schon bei der Schulanmeldung, wie Eltern die Kinder mit einem Spiel ruhig stellen“, sagt die Schulleiterin. In der vierten Klasse besitzen laut Bitkom bereits drei von vier Kindern ein eigenes Gerät. Nach Emerslebens Beobachtung sind es deutlich mehr. Die Schüler ohne Handy im jüngsten Abschlussjahrgang konnte man an einer Hand abzählen.

Seit etwa drei Jahren akzeptiert ihre Schule Mobiltelefone, solange sie im Tornister bleiben. Auch in der Pause und auf Klassenfahrt ist Daddeln tabu. Regeln setzen aber natürlich auch die Eltern. Für zwei Drittel der Zehn- bis 18-Jährigen gilt zu Hause in bestimmten Situationen Handyverbot, hat Bitkom erfragt. Dies ist wohl auch geboten, da mehr als die Hälfte der Schüler angibt: „Ein Leben ohne Handy kann ich mir nicht mehr vorstellen.“

Ist das schlimm?

Die Schüler selbst bewerten das Handy als Wissensinstrument eher positiv: Zwei Drittel sagen in der Bitkom-Umfrage, sie hätten hierüber ihre Kenntnisse erweitern können, ein Drittel gibt an, mit Hilfe des Smartphones auch in der Schule besser geworden zu sein.

Doch einige Experten widersprechen: Nach einer Studie der London School of Economics mit 16-Jährigen haben Handyverbote an Schulen positive Auswirkungen. Die Leistungen stiegen nach der Einführung im Schnitt um 6,4 Prozent, was etwa fünf zusätzlichen Schultagen entspricht. Dabei profitierten die leistungsschwachen Schüler doppelt so stark wie die ohnehin guten vom Wegfall der Ablenkung.

Viele Experten sehen jedoch auch Chancen in der Einbindung des Wissensinstruments Handy in den Unterricht. Martin Müsgens von der Landesanstalt für Medien NRW sagt: „Die Schule muss prüfen, was für ihre Schüler passend ist“. Es gebe viele gute Modelle, wo Lehrer gemeinsam mit den Schülern eine Handyordnung erarbeitet hätten. „Das ist auch eine Form der Mitbestimmung.“

Eltern rät der Fachreferent, ihr Kind Schritt für Schritt an das Internet heranzuführen. Man könne zunächst gemeinsam kindgerechte Webseiten besuchen. „YouTube ist zum Beispiel ein Angebot, mit dem man Kinder nicht alleine lassen sollte.“

Keine klare Altersempfehlung

Eine klare Empfehlung, ab welchem Alter ein Smartphone sinnvoll ist, gibt es nicht von der Landesmedienanstalt. „Es kommt darauf an, wie weit das einzelne Kind ist und welche Medienerfahrung es hat“, sagt Müsgens. „Ein generelles Verbot bis zwölf Jahre funktioniert nicht mehr. Dazu ist der Einfluss auf alle Lebensbereiche zu groß.“

Doch dass Eltern zunehmend bereits zur Einschulung ein Smartphone schenken, sieht auch er kritisch: „Ich würde es mit einem großen Fragezeichen versehen, ob ein Erstklässler ein eigenes Smartphone braucht. Ich würde eher sagen: nein. Geht es nur um die Erreichbarkeit, reicht auch ein einfaches Handy ohne Internet.“

Diese Möglichkeit führt auch Birgit Völxen von der Landeselternschaft der Grundschulen an. „Man kann als Eltern auch über das Sekretariat gehen und muss nicht immer das Kind direkt ansprechen.“ Doch das Handy in der Schule zu verbieten, sagt sie, „wäre an der Wirklichkeit vorbei“. Die Möglichkeit des Kontakts sei für Eltern und Kinder „ein Sicherheitsaspekt, der früher gar nicht da war“. Wenn Kinder mal nicht betreut werden könnten, sei das Handy hilfreich, „darum wird es ab der dritten Klasse häufiger eingesetzt. In den ersten beiden Schuljahren bleibt ein Kind nur selten allein. Danach kommt es eher mal vor.“

„Das Handy erschwert das Leben in der Grundschule“, sagt Bärbel Emersleben ganz klar. Für die Nutzung der Privatgeräte im Unterricht sieht sie praktische Probleme: Die Handys seien technisch ganz verschieden, einige wenige Eltern wollten eben doch nicht, dass ihr Kind schon eines besitzt und letztlich würde der Umgang im Unterricht auch die Eindeutigkeit der Regeln aufweichen. Für ein Musikprojekt habe eine junge Lehrerin lieber Tablet-Computer ausgeliehen.

Eltern müssen eingezogene Geräte abholen

Dass Grundschüler im Unterricht daddeln oder anderweitig mit dem Smartphone stören, komme selten vor, berichtet Emersleben. Wenn es aber doch klingelt, piepst oder ablenkt, „wird das Handy bei mir abgegeben. Ich lasse es dann von den Eltern abholen.“ Die verhielten sich dann durchaus verständnisvoll und entschuldigten sich. Viele hätten weitere Wege und die Sorge, dass ihre Kinder nicht Bescheid wissen, wenn sie sich zum Beispiel verspäten. Auch in der Pause und auf Klassenfahrt sind Handys tabu.

Dennoch gibt es zum Beispiel WhatsApp-Klassengruppen, die aus Emerslebens Sicht zwar ihren praktischen Wert haben, „dort entsteht aber auch viel Leid und Ärger.“ Kinder fühlen sich ausgeschlossen oder über Bilder der Öffentlichkeit ausgesetzt. Eltern beschweren sich, dass andere Kinder Bilder ihrer Kinder einstellen … Tatsächlich hat ein Viertel der 14- bis 15-Jährigen laut Bitkom im Netz Dinge gesehen, die ihnen Angst gemacht haben. Pornos und Gewaltvideos sind ein großes Thema, ebenso wie Cybermobbing.

In NRW ist es den Schulen freigestellt, ob sie Handys im Unterricht oder gar in der Pause verbieten, ob sie damit arbeiten wollen oder das Thema ignorieren. Eine klare landesweite Regelung gibt es in Deutschland einzig in Bayern: Geräte dürfen mitgebracht, müssen aber ausgeschaltet in der Tasche bleiben. Klar ist aber auch: „Kommen die Kinder aus der Schule – zack, haben sie das Handy in der Hand“, sagt Bärbel Emersleben. „Da wird mir immer ganz anders. Weil sie dann kaum noch auf die Straße achten.“

>> Info: Diese kindgerechten Seiten bieten Orientierung im Netz

Die Initiative Klicksafe veranstaltet Aktionstage an Schulen, bei denen regelmäßig YouTube-Stars und Prominente Schulungen und Ratschläge geben. An vielen weiterführenden Schulen klären ältere Schüler als Medienscouts die jüngeren über Gefahren im Netz auf. Folgende Seiten bieten Kindern und Eltern Orientierung:

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