Stadtbüchereien

Büchereien öffnen sonntags: Das sind die Erfahrungen

Viele Menschen nutzen Büchereien inzwischen auch als Arbeitsplatz, wie die chinesischen Studenten Hu (rechts) und Yu im Stillarbeitsbereich der Essener Stadtbibliothek an der Hollestraße.

Viele Menschen nutzen Büchereien inzwischen auch als Arbeitsplatz, wie die chinesischen Studenten Hu (rechts) und Yu im Stillarbeitsbereich der Essener Stadtbibliothek an der Hollestraße.

Foto: Kerstin Kokoska

Ruhrgebiet.   Mönchengladbach fing damit an, eine Bücherei am Sonntag offen zu halten. Im Ruhrgebiet macht das nur Witten. Und was wollen die anderen Städte?

Natürlich hat sich Christine Wolf sonntags mal in ihre Bücherei geschlichen, als Privatfrau sozusagen, arbeiten darf sie als Bibliothekarin am Sonntag ja nicht. Was sie da gesehen hat, freut sie sehr: Menschen schmökern, lernen, sitzen beieinander, unterhalten sich, spielen, hören auch Bücher, arbeiten miteinander – und selbst im Bällchenbad, nicht wirklich zur Grundausstattung einer Bibliothek gehörig, ist großes Getümmel. „Die Atmosphäre ist total entspannt und viele sagen mir, sie treffen hier immer jemanden“, sagt die Bücherei-Leiterin Wolf heute: „Alle finden ganz prima, dass das hier angeboten wird.“

Was hier angeboten wird, ist die Sonntagsöffnung, und damit steht Witten komplett allein im Ruhrgebiet. Noch. Denn in Düsseldorf und in Berlin arbeiten Politiker daran, dass städtische und kirchliche Büchereien demnächst sonntags öffnen können – wenn ihre Träger das wollen und bezahlen können.

Gesetz verbietet Bibliothekaren die Sonntagtagsarbeit

Bisher verbietet das das Bundesarbeitszeitgesetz: Mitarbeiter von Museen, Kinos und Theatern dürfen sonntags arbeiten, sogar die Mitarbeiter wissenschaftlicher Bibliotheken – aber die städtischen nicht.

Da haben sie in Witten zu einem kleinen Trick gegriffen. Ein bisschen lag er auf der Hand, als die Bücherei 2016 einen Neubau am Kunstmuseum bezog. Man teilt das Foyer miteinander – und die Museumsmitarbeiter betreuen die Bücherei seitdem mit.

„Die Leute haben Zeit und bleiben länger“

Jemand muss halt ein bisschen drauf gucken, aber Rückgabe und Ausleihe regeln die Kunden eh seit langem selbst. „Die Leute haben Zeit und bleiben länger“, sagt Christine Wolf: „Nicht so, wie unter der Woche, reinkommen, zack zack, schnell aussuchen, weg.“

Wird es bald überall im Ruhrgebiet so kommen wie in Witten? Die Städte, die die Waz gefragt hat, antworten sehr unterschiedlich. Danach ist Moers bald soweit, sind Bottrop, Bochum und Essen geneigt. Andere wie Hattingen, Herne oder Mülheim wären aus finanziellen Gründen dagegen. „Die Kosten für mehr Personal durch zusätzliche Öffnungszeiten kann die Stadt Hattingen als Stärkungspaktkommune nicht aufbringen. Hattingen ... muss Personal abbauen“, heißt es dort beispielsweise.

Öffnungszeit täglich von 10.30 bis 22 Uhr

Bottrop hingegen hat sich auf einen anderen Weg gemacht, denkt daran, „mit technischen Mitteln erweiterte Öffnungszeiten ohne Personaleinsatz“ anzubieten – auch sonntags. „Die technischen Voraussetzungen werden schon geschaffen, Verkabelung, Datenanschlüsse, Vorbereitung Videoüberwachung“, so Bibliotheksleiter Jörg Dieckmann. Moers steuert in dieselbe Richtung und denkt an Gesamtöffnungszeiten von 10.30 bis 22 Uhr: jeden Tag, teils mit Personal, teils ohne.

Die Außenstelle Rheydt in Mönchengladbach war 2011 die erste überhaupt in NRW, die sonntags öffnete – dort behalf man sich mit Stadterneuerungsmitteln und externen Mitarbeitern. Für Brigitte Behrendt, damals und heute die Leiterin der Stadtbücherei, war das selbstverständlich und überfällig: „Die Leute haben einfach sonntags mehr Zeit und es ist fast die einzige Möglichkeit für Familien, etwas gemeinsam zu unternehmen.“

„Oft das einzige nicht-kommerzielle Angebot“

In Rheydt und vielen anderen Orten sei die Bücherei oft „das einzige nicht-kommerzielle Angebot, um sich zu treffen“, sagt Behrendt. Die Zweigstelle ist sonntags so voll, dass Menschen schon um Platzreservierungen baten. Und eine Befragung durch Wissenschaftler ergab „ein klares Ja zur Sonntagsöffnung“, so die Professorin Simone Füles-Ubach aus Köln.

Allerdings wird natürlich ohne komplette technische Lösung den Bibliothekaren selbst der eine oder andere freie Sonntag zerschossen – das ist auch das Argument des Deutschen Gewerkschaftsbundes, der sich gegen die Öffnung stellt. Man könne „ein Buch zwischen Montag und Samstag ausleihen und es am Sonntag zuhause gemütlich lesen“, heißt es.

Und Christine Wolf, der Leiterin aus Witten, fällt noch etwas anderes ein: Montagsmorgens sehe die Bücherei stellenweise aus, als sei ein kleiner Orkan hindurchgefegt. Bücher verlegt, herausgezogen, nicht mehr zurückgestellt – aber das nimmt sie in Kauf. Ebenso wie das ausgeleerte Bällchenbad.

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